Cover - Konstantin Schreiber "Die Kandidatin" © Hoffmann und Campe

"Die Kandidatin": Constantin Schreiber provoziert mit Satire

Stand: 16.06.2021 17:26 Uhr

Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber hat mit seinem ersten Roman "Die Kandidatin" eine heftige Debatte ausgelöst. Für die einen ist es das Buch der Stunde - für die anderen ein Machwerk mit rechten Tendenzen.

von Danny Marques Marcalo

"Die Kandidatin" ist eine Zukunftsvision von Deutschland, in der eine muslimische Frau kurz davor steht, Bundeskanzlerin zu werden. Constantin Schreiber überspitzt darin satirisch die Political Correctness, die von den einen nachdrücklich eingefordert, von den anderen ebenso vehement kritisiert wird. Die Kandidatin Sabah Hussein hört sich an, wie eine Schulklasse den Gospelsong "I Will Follow Him" für sie singt.

Geht es euch nicht auch so, dass sich etwas an diesem Lied nicht mehr zeitgemäß anfühlt? (…)
Ich finde es problematisch, wenn wir singen I will follow HIM, also ihm. (…)
Wir reproduzieren die patriarchale Aussage, indem wir sie singen. Es wäre viel besser, wenn wir singen: I will follow him/her/them. Follow him/her/them wherever he/she/they may go. Auszug aus "Die Kandidatin"

Constantin Schreiber wird heftig kritisiert

Constantin Schreibers Humor muss man nicht witzig finden. Viele Rezensenten sind sich uneinig, was sie mit dem Buch anfangen sollen. Die "taz" schreibt, dass das Buch vor Ressentiments strotze:

"Die Kandidatin" ist ein politisches Hasspamphlet, das Angst vor Migranten schürt. Stefan Buchen im taz-Artikel "Weltanschauliche Ansichten"

Die Süddeutsche Zeitung findet den Roman auch schlimm:

Hinter der Fiktion verbirgt sich wenig mehr als ein rechtspopulistisches Pamphlet mit altbekannten Feindbildern: dem Islam und den Muslimen, den "Linken" sowie allen, die mit ethnischer, religiöser oder sexueller Vielfalt kein Problem haben und diese verteidigen möchten. Stefan Weidner im SZ-Artikel "Wie ein reaktionäres Manifest"

Schreiber führt Identitätsdebatte ins Extreme aus

Im Deutschland des Romans - circa 2050 - gibt es viele Quoten. Für Muslime, für Hijabträgerinnen. Deutsche über 70 Jahre dürfen nicht mehr wählen. Es liest sich in der Tat, als würde Constantin Schreiber das Austauschen der Bevölkerung beschreiben. Dass rechte Meinungsmacher ihn jetzt feiern, das kann keinen wundern.

"Identitätsdebatte, Rassismus - diese Fragestellungen haben sich bei mir im Kopf abgespielt", sagt Constantin Schreiber bei Bremen 2. "Wo ich mich immer zunehmend gefragt habe, Gott, wie soll das noch werden?" Constantin Schreiber kennt sich eigentlich aus in der arabischen Welt. Aber schon seine Sachbücher über muslimisches Leben in Deutschland sind bei vielen schlecht aufgenommen worden.

Weitere Informationen
Logo vom Podcast "eat.READ.sleep" © NDR/istockphoto.com Foto: Natee Meepian

Podcast: eat.READ.sleep. Bücher für dich

Mit dem Podcast eat.READ.sleep geben wir Tipps, Interviews mit Büchermenschen, Fun Facts und Besonderes für den Gaumen. mehr

"Die Kandidatin": Viele Klischees

Im Roman zeigt er wenig Empathie für Frauen, Muslime, Journalisten und viele andere. Seine Heldin Sabah Hussein ist machtversessen, fremdgesteuert und inkompetent.

Da sitzt das Kapital, alt, weiß, männlich, deutsch, und blickt ihr grimmig entgegen, als sie die Bühne betritt (…). Eine Rede zum Thema Ökonomie! Keine Spontanität, sie wird das Wort für Wort ablesen. Wenn es um den Islam geht (…) Da fühlt sie sich sicher, aber die Wirtschaft ist nicht ihr Thema. Auszug aus "Die Kandidatin"

Dazu kommt, dass sie engste Beziehungen zu einem zwielichtigen Imam und kriminellen Clans unterhält. Einige Kommentatoren stören sich nicht an diesen Plattitüden. Zugegeben, einige Feuilleton-Redaktionen verschweigen das Buch bisher. Das "Hamburger Abendblatt" aber zum Beispiel findet "Die Kandidatin" faszinierend. Gibt aber auch zu, dass es schlicht geschrieben ist. Das stimmt, es ist ein Text voller Pauschalaussagen. In einer Gerichtsverhandlung sagt eine Angeklagte im Buch:

Warum setzen sich junge deutsche Menschen für den Hijab ein, für Islamkunde in der Schule, für mehr Moscheen, mehr Minarette, für noch mehr Muslime, die kommen? Wir steuern auf den Untergang zu. Auszug aus "Die Kandidatin"

Das sagt zwar nicht Constantin Schreiber, das sagt eine fiktive Figur. Und man versteht, dass er von einem Archetypus erzählt, den es vermutlich wirklich gibt. Aber "Die Kandidatin" ist viel zu dumpf, als dass sich diese Feinheiten rasch erschließen. Den teilweise scharfen Kritikern kann man schlecht widersprechen. Es entsteht der Eindruck, dass gegen gesellschaftlich schlechter Gestellte ausgeteilt wird. Und Satire, die nach unten tritt, funktioniert nicht.

Die Kandidatin

von Constantin Schreiber
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-01064-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 16.06.2021 | 19:00 Uhr

Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

Die interessantesten literarischen Neuerscheinungen 2021

Neue Romane von Stephen King und Leïla Slimani, der 30. Brunetti-Fall von Donna Leon und Sachbücher über koloniale Raubkunst. mehr

Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz sitzen auf den Stufen zur Alster © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Das Gemischte Doppel empfiehlt Bücher für den Sommer(urlaub)

Viele neue Buchtipps. Mit dabei: Neues von Sebastian Barry, Maarten t’Hart, und Leïla Slimani und ein Buch über Paare am Pool. mehr

Mehr Kultur

Ein Fachwerkhaus im Sommer. © NDR Foto: Gitte Alpen

"Paula": Innovatives Theaterstück in Worpswede

Ein lebendiges Theaterstück in Worpswede wirft einen neuen Blick auf das Leben und Schaffen von Paula Modersohn-Becker. mehr