Buchcover - Viet Thanh Nguyen: "Die Idealisten" © Blessing Verlag

"Die Idealisten": Schreiend komisch und erschreckend düster

Stand: 08.06.2021 11:25 Uhr

Viet Thanh Nguyen sorgte mit seinem Roman "Der Sympathisant" vor ein paar Jahren für einiges Aufsehen. Nun hat der Autor eine Fortsetzung veröffentlicht: "Die Idealisten".

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von Danny Marques Marcalo

Am Ende von "Der Sympathisant" sitzt der namenlose Held auf einem Boot. Er ist einer von denen, die Mitte der 70er-Jahre als Boatpeople bezeichnet werden - Menschen, die auf überfüllten Booten und Schiffen aus ihrer Heimat fliehen. Und da beginnt auch die Fortsetzung.

Boatpeople waren Opfer, Objekte des Mitleids, auf Zeitungsfotos für immer festgehalten. Ein Teil von mir, das Baby meiner Mama, wollte dieses Mitleid. Aber der Teil von mir, der ein erwachsener Mann war, wollte und verdiente kein Mitleid, (…) Wenn der Preis ist, nur als Mensch anerkannt zu werden, weil man bemitleidenswert ist, dann zum Teufel mit der Menschlichkeit! Leseprobe

"Die Idealisten" erzählt von einem Neuanfang in Paris

Der Held hat eine, verständlicherweise, nüchterne Einstellung zum Leben. Er hat Krieg und Verderben gesehen. In den USA dann Streitereien unter Vietnamesen und Respektlosigkeiten der Amerikaner. Vom Boot gerettet geht er nach Paris. Frankreich ist bis 1954 Kolonialmacht in Vietnam. Der Mann soll sich in einem vietnamesischen Restaurant wegen eines Jobs melden.

Der Laden ist nicht für sein Essen bekannt. In diesem (…) Restaurant puckerten auf den weißen Bodenfliesen Krampfadern braunen Fetts, die gelben Wände waren verschmiert mit, so hoffte ich zumindest, klebrigen Fingerabdrücken, und wann immer die Küchentüren aufschwangen, konnte man das Geschrei und Geplapper der griesgrämigen Kellner und fluchenden Köche hören. Leseprobe

Dieser lakonische Ton zieht sich durch den ganzen Roman. Man kann sich vorstellen, wie der Held einem die Geschichte erzählt, mit Fluppe im Mundwinkel, während er einen Reisschnaps nach dem anderen trinkt. Dass es vor allem in einem Restaurant spielt, ist kein Zufall. Das hat Viet Thanh Nguyen dem amerikanischen TV-Sender CBS erzählt: "Wenn sie ein Flüchtling sind in einem anderen Land, dann wird Essen sehr wichtig. Es ist ein Symbol. Vor allem ein Symbol der Liebe."

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Bezüge zu Adorno, Horkheimer und anderen

"Die Idealisten" ist kurzweiliger als "Der Sympathisant". Der Held fängt als Kloputzer an, wird dann aber zum Drogendealer. Er bewegt sich in einer Welt, in der alle sich für oder gegen den Kommunismus positionieren.

Ein Drogendealer war nur ein Kleinkrimineller, der Einzelpersonen im Visier hatte, und ob er sich dessen nun schämte oder nicht, so erkannte er in der Regel doch die Illegalität seines Gewerbes. Aber ein Kapitalist war ein legalisierter Krimineller, der Tausende, wenn nicht Millionen ins Visier nahm und für seine Raubzüge keinerlei Scham empfand. Leseprobe

Walter Benjamin, Adorno und Horkheimer und noch eine ganze Reihe anderer Theoretiker spielen in den Überlegungen des Helden eine Rolle. Das wird gekreuzt mit drastischen Gewaltszenen. Es wird gefoltert, geschossen und geprügelt wie in einem Quentin Tarantino-Film. Über allem schwebt die Suche des Helden nach seinem Platz. Ist er noch Vietnamese? Franzose? Amerikaner? Er selbst nennt sich einen Bastard. Viet Thanh Nguyen, geboren in Vietnam, aufgewachsen in den USA, würde nicht so weit gehen: "Im Haus meiner Eltern habe ich mich immer wie ein Spion gefühlt. Ich war ein Amerikaner, der die vietnamesischen Gebräuche ausspionierte. Und wenn ich das Haus dann verließ, fühlte ich mich wie ein vietnamesischer Spion, der die amerikanischen Eigenarten ausspionierte."

Viet Thanh Nguyen schreibt in "Die Idealisten" über Identität

Sein nun zweites Buch über einen Vietnamesen, in dessen Brust gleich mehrere Herzen schlagen, ist kein ganz leichter Text. Reflexionen darüber, wer man ist, sind Nguyen wichtiger als Handlung. Das muss man mögen. Es liest sich aber nie mit einem erhobenen Zeigefinger. Stattdessen wird hier viel über Identität nachgedacht. Und das, sehr amerikanisch, hochunterhaltsam. Zwischen schreiend komisch und erschreckend düster.

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Ein Bücherstapel vor einem gefüllten Bücherregal © picture alliance/dpa / Frank Rumpenhorst Foto: Frank Rumpenhorst

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Die Idealisten

von Viet Thanh Nguyen
Seitenzahl:
496 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blessing
Bestellnummer:
978-3-89667-595-8
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.06.2021 | 12:40 Uhr

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