Buchcover - Dorothy West: "Die Hochzeit" © Hoffmann und Campe Verlag

"Die Hochzeit": Opulenter Familienroman von Dorothy West

Stand: 11.06.2021 09:29 Uhr

1948 veröffentlichte Dorothy West ihren ersten Roman "The Living is Easy" und erst noch mal fast 50 Jahre später (1995) ihren zweiten und letzten: "Die Hochzeit" hat Hoffmann und Campe jetzt auf Deutsch neu aufgelegt.

von Claudio Campagna

Dorothy West hat sich selbst einmal als "die bekannteste unbekannte Autorin" der "Harlem Renaissance" bezeichnet. Diese Bewegung ging vor etwa 100 Jahren von dem New Yorker Schwarzen-Stadtteil Harlem aus. Afroamerikanische Musiker, Maler und Autoren mischten damals mit neuem Selbstbewusstsein die internationale Kultur-Szene auf. Dorothy West war eine von ihnen.

Im Urlaubsdomizil der afroamerikanische Elite

In den 1950er-Jahren verbringen fast ausschließlich Weiße ihre Urlaubstage auf Martha‘s Vinyard, jener malerischen Ferieninsel in der Nähe von New York. Doch es gibt dort auch eine kleine, abgeschiedene Siedlung mit dunkelhäutigen Bewohnern.

Die Häuser waren wie eine Festung, ein Bollwerk der schwarzen Gesellschaft. Ihre Eigentümer konnten sich rühmen, dass sie, oder besser noch ihre Vorfahren, schon zu Zeiten einen Zweitwohnsitz besessen hatten, als noch sehr wenige Schwarze oberhalb des Dienstbotenrangs zum eigenen Vergnügen den Weg in die Sommerfrische antraten.

Hier verbringt die afroamerikanische Elite ihre freien Tage. Und weil die schicken Cottages und Villen in einem Oval zusammenstehen, wird die Anlage "the Oval" genannt - wie das Büro des Präsidenten im Weißen Haus.

Bildstarke Beschreibungen

Die bevorstehende Hochzeit von Shelby Cole mit einem New Yorker Bar-Pianisten sorgt für Aufsehen im Oval. Schon Shelbys Schwester hat aus Sicht dieser Gesellschaft etwas unpassend einen Schwarzen mit zu dunkler Hautfarbe geheiratet, aber immerhin einen Arzt.

Warum dagegen Shelby, die unter den Ersten und Besten ihrer eigenen Rasse hätte wählen können, außerhalb derselben und des väterlichen Berufs heiraten und ihr Leben an einen namenlosen Weißen wegwerfen wollte - einen Mann, der Jazz komponierte, was als frivole Beschäftigung ohne Amt, Titel oder Zukunft galt -, das überstieg den Verstand der Ovaliten.

Für die schwarze Bourgeoisie des Ovals spielt Geld keine große Rolle mehr. Aber die Hautfarbe durchaus. Das Abschätzen und Bewerten von Menschen nach den Schattierungen ihres Teints ist das Erbe von Sklaverei und Kolonialismus: Die Oval-Bewohner werden immer wieder mit Vorurteilen von Weißen konfrontiert. Aber die Mitglieder dieser gehobenen schwarzen Gesellschaft haben auch selbst diese Denkweise verinnerlicht. Bildstark und psychologisch genau beschreibt Dorothy West, wie das Beurteilen von Farbnuancen sich bis in die tieferen Schichten des Bewusstseins eingegraben hat. Shelbys Mutter etwa, selbst eher hellhäutig, lehnt dunkle Haut am Tage ab, fühlt sich nachts bei Bällen aber davon angezogen.

Ihr gefiel es am besten, wenn die Beleuchtung schummrig war und das Tempo verhalten und wenn die dunkle Hand auf ihrem Rücken sich in ihr nacktes Fleisch presste und sie näher zog, unverfroren nahe, bis zum Berührungspunkt. Und dann loderte der Feuerball zwischen ihr und ihrem Tänzer, bis die Musik verstummte, die Lichter aufflammten und Corinne sittsam zu ihrer Loge zurückkehrte, von ihrem Begleiter locker am Ellbogen geführt.

Opulenter Familienroman und spannende Liebesgeschichte

Dorothy West beschreibt hier ihr eigenes Milieu. Der Vater war noch als Sklave geboren worden, sie selbst gehörte schon zur schwarzen Upperclass. Wie die Figuren im Roman hat West den Großteil ihres Lebens auf Martha‘s Vinyard verbracht. Zu ihren Nachbarinnen gehörte Jacqueline Kennedy Onassis. Die einstige First Lady war es auch, die sie überzeugte, ihren lange liegen gelassenen zweiten Roman zu beenden. "Die Hochzeit" ist, wie man heute sagen würde, ein Roman über Diversity, über die Folgen jahrzehntelanger Rassismus-Erfahrungen und über die Suche nach einer eigenen Identität.

Die Liebe als verbindende - gewissermaßen farbenblinde - Kraft scheint immer wieder auf. Und das macht dieses Buch so lesenswert: Es ist nicht nur ein interessantes Porträt der schwarzen US-amerikanischen Oberschicht in den 1950er-Jahren und ein opulenter Familienroman, es ist auch eine spannende Liebesgeschichte.

Die Hochzeit

von Dorothy West
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem amerikanischen Englisch von Christa E. Seibicke Mit einem neuen Vorwort von Diana Ewans
Verlag:
Hoffmann & Campe
Bestellnummer:
978-3-455-01065-7
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

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