Buchcover: Marcel Proust - Der geheimnisvolle Briefschreiber. Frühe Erzählungen © Suhrkamp Verlag

"Der geheimnisvolle Briefschreiber": Neue Texte von Marcel Proust

Stand: 08.07.2021 14:02 Uhr

Am Samstag jährt sich der Geburtstag von Marcel Proust zum 150. Mal. Da passt es perfekt, dass jüngst nicht nur neue Briefe des französischen Autors entdeckt worden sind, sondern auch neue Prosatexte.

Buchcover: Marcel Proust - Der geheimnisvolle Briefschreiber. Frühe Erzählungen © Suhrkamp Verlag
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von Tobias Wenzel

Die Erzählungen tauchten plötzlich im Nachlass des 2018 gestorbenen französischen Verlegers Bernard de Fallois auf. Eine kleine Sensation. Fallois hatte in den 50er-Jahren eine Doktorarbeit über Proust begonnen und dafür Originalmanuskripte von Prousts Verwandten erhalten, die Doktorarbeit aber nie beendet. Nur warum hat Fallois die Texte mehr als 60 Jahre lang Proust-Forschern und -Lesern vorenthalten? Die Antwort auf diese Frage hat er mit ins Grab genommen.

Neuentdeckungen von Marcel Proust

In der Titelerzählung des Prosabandes "Der geheimnisvolle Briefschreiber" gesteht eine Person in anonymen Briefen einer Frau namens Françoise ihre Liebe und ihr Begehren. Es ist die überzeugendste Erzählung dieser neun neu entdeckten Prosatexte Marcel Prousts. Einige von ihnen hatte der Autor ursprünglich für sein literarisches Debüt "Freuden und Tage" vorgesehen, das er mit Mitte 20 veröffentlichte. Der geheimnisvolle Briefschreiber aus der gleichnamigen Erzählung, das wird dem Leser schnell klar, ist Françoise' gute Freundin Christiane. Denn als die bei Françoise zu Besuch ist, entdeckt Françoise auf einem Tisch ein Blatt Papier mit einer Nachricht:

"Ich flehe Sie an. Erlauben Sie, dass ich Sie sehe, aber wenn Sie es befehlen, gehe ich sofort."
Françoise war entsetzt. Sie dachte daran, das Personal zu bitten, mit Waffen zu kommen. Leseprobe

Homosexualität als wiederkehrendes Thema

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Wunderbar tragikomisch schildert Proust, wie eine gleichgeschlechtliche Beziehung der streng katholischen Françoise so unerhört erscheint, dass sie lange gar nicht auf die Idee kommt, ihre gute Freundin könne sich in sie verliebt haben, und später vorsorglich den Beichtvater ruft. Homosexualität ist ein wiederkehrendes Thema in diesen sehr kurzen Prosatexten. In einer Erzählung erinnert sich ein Hauptmann, wie sich seine Blicke und die eines Gefreiten treffen. Die für den Leser offensichtliche homoerotische Anziehung zwischen zwei Militärs interpretiert der Hauptmann und Ich-Erzähler allerdings in einem Akt des Selbstbetrugs ganz anders:

(…) vermittels dieser geheimnisvollen Verzauberung der Blicke, die wie Seelen sind und uns in ihr geheimnisvolles Reich entführen, wo alle Unmöglichkeit aufgehoben ist, blieb ich, die Realität vergessend, obwohl das Pferd mich bereits weit fortgetragen hatte, mit bloßem Haupt ihm zugewandt, bis ich ihn nicht mehr sah. Er salutierte noch immer, und wahrhaftig hatten sich zwei freundschaftliche Blicke gewissermaßen außerhalb von Zeit und Raum gekreuzt, zwei Blicke einer bereits vertrauensvollen und ruhigen Freundschaft. Leseprobe

Unvollendete Erzählungen

Der Herausgeber Luc Fraisse vermutet, der bisexuelle Proust habe diese Texte nicht veröffentlicht, weil er das Thema Homosexualität als zu brisant für seine Zeit empfunden habe. Das leuchtet mit Blick auf die meisten Texte aber nicht ein. Die wirken nämlich nicht besonders brisant, sondern vor allem unvollendet. Die Erzählung "Jacques Lefelde" etwa bricht mitten im Satz ab. So klärt sich nicht, warum dieser Lefelde, der nach einer tragischen Erfahrung mit einer Frau gar nichts mehr von Frauen wissen will, mehrfach vor dem Ich-Erzähler wegrennt. Der Herausgeber nennt das "rätselhaft". Man könnte auch sagen: unbefriedigend.

Proust-Fans und -Forschern macht diese Ausgabe mit passenden Quellen aus "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", mit Einordnungen und Interpretationen sicherlich viel Freude. Aber ist der Proust-Laie wirklich bereit, für - zieht man mal alles andere samt Fußnoten ab - nur 40 neue Druckseiten des französischen Autors, für diese teils fragmentarische Prosa, stolze 28 Euro zu zahlen? Immerhin: Auch auf diesen wenigen, von Bernd Schwibs hervorragend übersetzten Seiten stößt man hier und da auf literarische Perlen. In der märchenhaften Erzählung "Das Geschenk der Feen" etwa eröffnet uns Proust mit nur einem Satz eine Welt.

Ich kenne eine Dame, die, wenn sie aus dem Louvre kam, mit geschlossenen Augen ging, um nach den vollkommenen Figuren Raffaels, nach den Wäldern Corots nicht mehr die Hässlichkeit der Passanten und der Straßen von Paris sehen zu müssen. Leseprobe

Der geheimnisvolle Briefschreiber. Frühe Erzählungen

von Marcel Proust
Seitenzahl:
174 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Herausgegeben und kommentiert von Luc Fraisse, aus dem Französischen übersetzt von Bernd Schwibs
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42972-3
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

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