Buchcover: Frédéric Beigbeder - Der Mann, der vor Lachen weinte © Piper Verlag

"Der Mann, der vor Lachen weinte": Der freiwillige Untergang

Stand: 04.07.2021 12:40 Uhr

"Der Mann, der vor Lachen weinte" heißt der neue Roman von Bestsellersautor Frédéric Beigbeder. Dem Enfant terrible der französischen Literatur ist ein unfassbar elegantes Buch gelungen.

Buchcover: Frédéric Beigbeder - Der Mann, der vor Lachen weinte © Piper Verlag
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von Peter Helling

Es gibt sympathischere, weniger eitle, sexistische, arrogante Helden als diesen Octave Parango. Der meistgehörte Radio-Kolumnist Frankreichs ist bekannt für seine böse Zunge. Er irrt eine Nacht lang durch Paris, das 8. Arrondissement, rund um den Arc de Triomphe.

Während gleich nebenan die mondäne Welt in Flammen aufgeht, die SUVs brennen, "Gelbwesten" durch die Boulevards marodieren, Luxusboutiquen anzünden und das reiche Paris zum Teufel schicken, fantasiert Octave, der 54-Jährige, ein Ende der Spaßkultur herbei. Das Lachen hat ausgedient, die Smileys und Emojis sollen zu weinen beginnen. Und er, Octave, hat eine Mission: Er will dem Dauergrinsen das Requiem singen.

Humor ist eine Diktatur, denn er duldet keinen Einspruch. Es ist seine scheinbare Leichtigkeit, die ihn so gnadenlos macht. Sobald du dich beschwerst, giltst du als Nervensäge, als jemand, der keinen Spaß versteht, der empfindlich ist. Humor ist, wenn man Fake News einen Lacher hinterher schiebt, und Octave macht sich zum Komplizen dieses Systems. Leseprobe

Octave Parango begeht gesellschaftlichen Selbstmord

Octave Parango ist das Alter Ego von Frédéric Beigbeder. Er ist mal Ich-Erzähler, mal sieht man ihm von außen zu. Und am Anfang seines Buchs begeht Octave Selbstmord - nicht physisch, aber gesellschaftlich: Es ist Donnerstagmorgen, und alle Welt wartet auf seine nächste bissige Kolumne, live, im Sender France Public, vor Millionenpublikum. Stattdessen:

Jede Sekunde dehnt sich zu einer Ewigkeit. Zu einer solchen Situation kann es an einem solchen Ort eigentlich niemals kommen. Leseprobe

Parango hat kein Skript mitgebracht, sitzt ungeduscht im Bademantel im Studio 511 und ist auf Sendung. Voller Verachtung für die arbeitende Bevölkerung, die Frühaufsteher mit den normalen Jobs. Ein Affront. Er wird öffentlich gefeuert.

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Frédéric Beigbeder beschreibt die Odyssee eines Parvenüs

Und dann erfahren wir, wie es dazu kam, ein paar Stunden vorher, in der Pariser Nacht. Die Odyssee eines Parvenüs, der durch luxuriöse Bars streift, Drogen schnupft und mit moldawischen Edelprostituierten Drinks kippt. Octave Parango ist kein Beau, aber er hat diesen ranzigen Charme eines Gestrigen, der über sein Gestrig-Sein Bescheid weiß. Er hat Geld und auch wieder nicht, Geschmack und auch wieder nicht. Frau und kleines Kind an der Atlantikküste. Ein weißer, alternder Mann, ein Narr, der in den Spiegel blickt. Bevor er sich die nächste Line zieht. Er trägt feinste Kaschmirpullover, aber mit Löchern. Seine Kategorien sind aus der Mode. Er ist ein alter Europäer des 20. Jahrhunderts.

Ich glaube, dass in jedem Mann ein Octave schlummert. Er ist es, der am Weihnachtsabend Lust hat, den Pflaumenschnaps auf ex zu leeren. Er, der dir, wenn alles gut läuft, zuflüstert, dass du mehr Spaß hattest, als alles schlecht lief. Leseprobe

"Der Mann, der vor Lachen weinte": Ein unfassbar elegantes Buch

In der Nacht trifft er auf französische Rap- und Popstars, auf Halbweltgrößen. Das Frankreich, das er durchquert, ist ein an der Seele krankes. Zerrissen zwischen Reich und Arm, dekadent und tief konservativ, weiblich, männlich, ein Kampfplatz. In dem dennoch pausenlos gelacht wird. Das Buch nervt auch, weil es auf vielen Seiten ein einziges Name-Dropping ist, ein Who-is-Who der Hippen und Angesagten, nur leicht kaschiert. Dennoch, es ist ein unfassbar elegantes Buch.

Warum mag ich Menschen so schnell? Ist es eine Schwäche, alle küssen zu wollen? Die Mädels tanzen jetzt nicht mehr, sie sitzen einfach nur da, die Gesichter im blassblauen Schein ihres iPhones. Ihre Münder öffnen sich langsam, als würden sie unter Wasser sprechen. Leseprobe

Der freiwillige Untergang Octave Parangos geht ans Herz, denn er ist das Ende des Hochmuts. So könnte die Apokalypse aussehen. So banal, so ganz ohne Trompeten. Eher wie ein Betriebsunfall. Dass der Roman am Vorabend von Corona geschrieben wurde, ist beinahe surreal: Als wäre Octaves Feldzug gegen die Welt der Smileys, gegen das Dauerlachen über alles und jeden, gegen die Spaßvögel auf allen Kanälen, erfolgreich. Das Lachen, scheint es, ist uns vergangen. Und Octave darf endlich weinen.

"Der Mann, der vor Lachen weinte"

von Frédéric Beigbeder
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-07067-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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