Sendedatum: 22.05.2011 17:20 Uhr  | Archiv

Das Steinhuder Meer

von Guido Pauling

Eine 29 Quadratkilometer große Wasserfläche, entstanden vor rund 14.000 Jahren - Lebensraum für zahlreiche Vogel- und Fischarten, für Amphibien und seltene Pflanzen: Das ist das Steinhuder Meer - Niedersachsens größter See. Der Bildband, den der Biologe Thomas Brandt und der Fotograf Bernhard Volmer jetzt vorgelegt haben, zeigt eine Vielfalt, wie sie etwa bei einer Radtour rund ums Steinhuder Meer nicht zu entdecken ist.

Sonnenlicht durchflutet den Morgennebel über den Teichen bei Hagenburg, südlich des Steinhuder Meeres. Die goldenen, schräg fallenden Strahlen zeichnen Muster in die nebelfeuchte Luft. Bäume und Gräser am Ufer sehen aus wie feinste Schattenrisse. Wer solche Bilder aufnehmen will, muss - wie Bernhard Volmer - Frühaufsteher sein.

"Ich bin heute morgen um 5 Uhr aufgestanden", sagt Volmer. Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang sei das Licht besonders interessant. Wenn sich dann ein Tier im Nebel ins Wasser fallen lässt, gebe es besonders schöne Lichtreflexionen mit dem Wasser.

Geduld braucht der Naturfotograf

Hoffen gehört zur Naturfotografie dazu; hoffen, dass die Tiere genau das tun, worauf der Fotograf lange gewartet hat - oder sie tun doch etwas anderes, dann muss es schnell gehen. Wie bei dem Graureiher, der vor der Strandpromenade von Steinhude auf einem Holzpflock im Wasser sitzt. Sitzt, guckt, und nichts tut sich. Ein Stockentenpärchen paddelt durchs Schilf. See und Himmel verschmelzen zu einer grauen, endlosen Fläche.

Bernhard Volmer: "Der Graureiher saß auf dem Pfahl. Ich hatte schon mehrere Bilder gemacht, auf einmal fing er an sich zu bewegen." Mit zehn Bildern pro Sekunde hat er die Abflugphase des Vogels aufgenommen, "in Steinhude mit‘m Stativ, ohne Tarnung ohne alles - das hätte fast jeder andere auch machen können."

Das ist bescheiden gesagt. Bernhard Volmers Bilder aus dem Naturpark Steinhuder Meer zeigen eine scheinbar vertraute Landschaft ganz neu.

Vielfalt im tanzenden Sonnenlicht

Im grünen Erlenbruchwald unmittelbar am Seeufer blüht die Wasserfeder. Ihre zierlichen blassrosa Blüten scheinen im tanzenden Sonnenlicht zu funkeln. Hier und da spielt eine Blüte Versteck im schwankenden Schilfgras.

Bernhard Volmer: "Was man auf den Bildern glücklicherweise nicht sieht, sind ungefähr 10.000 Mücken. (...) Ich würde niemandem empfehlen, dort länger als ‘ne halbe Stunde zu sein."

Für die Bilder des blau-orange schillernden Eisvogels auf Fischfang brauchte Volmer dagegen mehrere Tage. Kopfüber stürzt sich der Eisvogel ins Wasser des Meerbachs - und Sekundenbruchteile vor dem Eintauchen spiegelt sich das Tier auf der glattschwarzen Wasserfläche.

Und es zeigt sich: besser als Hoffnung sind gute Vorbereitung und viel Geduld.

Bernhard Volmer: "Für die Aufnahme habe ich mehrere Tage im Tarnzelt gesessenen." Nur einen einzigen windstillen Tag habe es gegeben, eine Voraussetzung dafür, dass es glückt. Staub von Bäumen habe die Wasseroberfläche immer wieder verschmutzt, so dass er nur eine einzige Aufnahme habe.

In den Hochmooren am Steinhuder Meer ziehen wieder Kraniche ihre Jungen auf. Wollgras steht in dicken Büscheln im sumpfig-morastigen Gelände. Im Mai wiegen sich die weißen, wattigen Fruchtstände im Wind. Zwei Libellen, die Flügel noch tropfenschwer vom Morgentau, halten sich an einem Blütenstengel fest - ein leichtes Motiv für den erfahrenen Fotografen, der weiß, dass die Insekten frühmorgens noch flugunfähig sind.       

Liebe zur Landschaft

"Man muss sich mit einer ganzen Landschaft soweit auseinandersetzen, dass man sich ja so’n bisschen in die Landschaft verliebt", sagt Volmer. Sein Bildband zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich der Fotograf und sein Texter Thomas Brandt verliebt haben. Brandt, wissenschaftlicher Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer, beschreibt kenntnisreich den Wandel der Landschaft in den vergangenen Jahrzehnten. Seeadler brüten am Ufer, vormals verschwundene Laubfrösche quaken im Schilf und auch der Fischotter ist heimlich zurückgekehrt.

Bernhard Volmers Fotografien zeigen diese seltenen Tiere ebenso wie Eissegler, Kitesurfer und menschliche Wasserratten an der Steinhuder Badeinsel. Das Steinhuder Meer - seine zugänglichen und seine schwer auffindbaren Ecken - hier sind sie in einem bildschönen Band vereint.

Das Steinhuder Meer - Bilder einer Landschaft

von Thomas  Brandt, Bernhard Volmer
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Edition Temmen, 160 Seiten mit etwa 150 Abbildungen
Bestellnummer:
978-3837850185
Preis:
19,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 22.05.2011 | 17:20 Uhr

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