Stand: 01.07.2019 08:14 Uhr

Carlo Strenger: "Diese verdammten liberalen Eliten"

von Janine Artist, NDR Info

Die freiheitliche Demokratie ist in Gefahr, sind viele überzeugt. Sie fürchten den zunehmenden Einfluss von Rechtspopulisten und Nationalisten. Auch der schweizerisch-israelische Philosoph und Psychoanalytiker Carlo Strenger gehört zu denen, die warnen. In seinem neuen Buch geht er der Frage nach, warum es so wenig Gegenwehr gibt – von denen, die aus seiner Sicht dazu berufen wären. "Diese verdammten liberalen Eliten – wer sie sind und warum wir sie brauchen" lautet der volle Titel.

 

Buchcover "Diese verdammten liberalen Eliten" von Carlo Strenger.

Buchtipp: "Diese verdammten liberalen Eliten"

NDR Info - Buchtipp -

Warum wehren sich gebildete Kosmopoliten nicht gegen den nationalistischen Populismus? Buchautor Carlo Strenger fordert sie auf, die Komfortzone zu verlassen.

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Gegen den Überlegenheitsanspruch von Religionen und Nationen

Die liberalen Eliten, die Kosmopoliten machen sich wenig aus dem, was Nationalisten vorgeblich wichtig ist: Traditionen, zum Beispiel. Carlo Strenger beschreibt sie in seinem Buch als die, die auf die ganze Welt schauen, über Grenzen hinweg:

"Eine der charakteristischen Eigenschaften liberaler Kosmopoliten ist, dass sie die Idee universeller Menschenrechte als zentralen Wert instinktiv akzeptieren. Der Anspruch einer Nation oder einer Religion, anderen intrinsisch überlegen zu sein, bringt sie mehr als alles andere auf die Barrikaden."

Mit liberalen Kosmopoliten – zu denen er sich selbst zählt – meint Strenger sehr gut ausgebildete, leistungsorientierte und äußerst mobile Menschen, die sich ihren Erfolg und ihren Status selbst erarbeitet haben. Er grenzt sie dabei explizit von Mitgliedern der Finanzelite, die ihr Vermögen geerbt haben, ab. Ebenso wichtig ist es ihm zu betonen, dass die liberalen Eliten nicht neoliberal sind. Sie sind demnach keine Verfechter unregulierter Märkte.

Fallbeispiele zeigen Dilemma der Intellektuellen

Die liberalen Kosmopoliten stehen nach Ansicht des Autors unter enormem Druck, wie er anhand von fünf Fallbeispielen aus seiner Praxis als Psychoanalytiker belegen will. Da ist zum Beispiel der hochbezahlte Politikwissenschaftler und international gefragte Berater Jeff, der fürchtet, nichts erreicht zu haben – beruflich und privat. Ihm attestiert Strenger etwas, das aus seiner Sicht für die liberalen Kosmopoliten typisch ist:

"Eine Kombination aus Überlegenheit […] und einem tiefsitzenden Gefühl der Unsicherheit."

Die Geschichten von Jeff und den anderen Intellektuellen auf seiner Couch dienen Strenger dazu, zu illustrieren, dass die Stärken der liberalen Eliten gleichzeitig ihre Schwächen sind: Durch ihre örtliche und geistige Unabhängigkeit gehörten sie nirgendwo richtig dazu. Durch ihre Sicht auf das große Ganze gerate mitunter der Einzelne aus dem Blick. Der Autor meint, dass das dazu beigetragen hat, dass ihnen – nicht nur – Populisten vorwerfen, abgehoben zu sein und die Nöte derer nicht zu verstehen, die einen kleineren Aktionsradius haben und denen die rasanten Umwälzungen, die Globalisierung und Digitalisierung mit sich bringen, Sorgen bereiten.

Sympathien durch Herablassung verspielt

Dass die liberalen Eliten auf Ablehnung stoßen und politisch weltweit schwächer werden, haben sie Strengers Ansicht nach teilweise auch selbst verschuldet – durch Arroganz:

"Wir alle haben Menschen, die unsere Ansichten nicht nachvollziehen können und/oder nicht teilen, von oben herab behandelt und sie als dumm, begrenzt oder provinziell abgestempelt."

Dagegen erweckten Populisten geschickt den Eindruck, dass sie den Menschen, denen die aktuellen Entwicklungen Angst machen, ihren Stolz und ihre Stimme zurückgeben. Auch wenn sie gar nicht wirklich deren Interessen vertreten, sondern die Sorgen instrumentalisieren, um sich Macht zu verschaffen. 

Aufruf zum entschlossenen Handeln

Strengers Buch ist auch ein Appell an die liberalen Eliten, dem nicht länger ratlos zuzuschauen:

"Wir müssen lernen, ein breites Publikum anzusprechen und die Irrationalität sowie die Lügen politischer Scharlatane wie Trump frontal anzugehen."

Denn genau das ist laut Strenger eine der Kernkompetenzen der liberalen Eliten: Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, Behauptungen zu hinterfragen und zu widerlegen, schlüssig zu argumentieren. Der Autor spricht sich dafür aus, nicht die Wähler zu attackieren, sondern die populistischen Politiker, ihre einfachen Lösungen, Feindbilder, Verschwörungstheorien und Unwahrheiten anzugreifen. Allerdings müssten die liberalen Eliten dafür ihre Komfortzone verlassen:

"Um unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden, können wir uns nicht auf die althergebrachte Funktion des Intellektuellen beschränken, hochfliegende Ideale unter Verweis auf historische Texte zu verteidigen."

Im Internet streiten, in der Schule zur Freiheit erziehen

Stattdessen sollen sie in sozialen Medien und im Fernsehen in die direkte Konfrontation gehen, besser zuhören und verständlicher kommunizieren. Strengers Ansicht nach ist es außerdem notwendig, in umfassende Bildung zu investieren, um den postfaktischen Populismus zu stoppen:

"Wenn die liberale Demokratie überleben soll, müssen wir die größtmöglichen Anstrengungen unternehmen, damit die Bevölkerungsmehrheit die Bürgertugenden und Kenntnisse erwirbt, die notwendig sind, um politischen Argumentationen folgen und ihre Stichhaltigkeit einschätzen zu können."

Kein Patentrezept gegen Populismus

Strenger ist zutiefst davon überzeugt, dass die liberalen Eliten gebraucht werden, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen und komplexe globale Probleme wie Armut, Klimawandel, Migration und Terrorismus zu bewältigen. Sein Buch gibt interessante Einblicke, wie diese Gruppe denkt, und beschreibt anschaulich ihr Dilemma. Es ist unterhaltsam, regt aber auch eigene Gedanken an.

Strengers Empfehlungen gegen Populismus – "mehr Auseinandersetzung" und "mehr Bildung" – sind keine ausgereiften Strategien, was vielleicht ein Ausdruck der Ratlosigkeit ist, die der Autor bei den liberalen Eliten und damit auch bei sich selbst beobachtet. Als Plädoyer für die offene Gesellschaft und Aufruf, das Erbe der Aufklärung zu verteidigen, ist das Buch aber allemal lesenswert.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 22.06.2019 | 10:20 Uhr

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