Sendedatum: 25.10.2012 12:40 Uhr

Reise-Skizzen in 70 Episoden

Atlas eines ängstlichen Mannes
von Christoph Ransmayr
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Siebzig Episoden führen durch Kontinente, Zeiten und Seelenlandschaften

"Atlas eines ängstlichen Mannes" - so lautet der Titel des neuen Buchs von Christoph Ransmayr. Im Werk des österreichischen Schriftstellers spielt das Reisen immer schon eine entscheidende Rolle. Erinnert sei nur an seine Bücher "Die Schrecken des Eises und der Finsternis", "Die letzte Welt" und "Der fliegende Berg".

Diesmal umspannt Christoph Ransmayr beinahe das gesamte Erdenrund - von der Osterinsel über Brasilien nach China, Indien und Indonesien bis nach Südafrika, aber auch nach Österreich und Irland. Siebzig Episoden mit "seherischer Gabe".

Leseprobe:
"Ich sah die Heimat eines Gottes auf 26 Grad 28' südlicher Breite und 105 Grad 21' westlicher Länge: eine menschenleere, von Seevögeln umschwärmte Felseninsel weit, weit draußen im Pazifik."

Das Meer als verbindendes Medium

So beginnt dieser bemerkenswerte, berauschende "Atlas eines ängstlichen Mannes", dessen erstes Kapitel "Fernstes Land" überschrieben ist und sogleich in die weit abgelegene Heimat der Rapa Nui, zu den Osterinseln, führt. Das Meer bleibt das alles verbindende Medium. Es spendet Geborgenheit und Einsamkeit zugleich. Und immer gewährt es Zutritt in unbekannte Sphären.

"Ich sah ..." mit dieser biblisch-anmutenden Satzformel beginnen alle Siebzig Reise-Skizzen, in denen der Sprung von den Osterinseln auf einen Wachturm der Chinesischen Mauer mit einem einzigen Seitenumblättern gelingt. Und dort, an der chinesischen Mauer erfährt der Erzähler und durch ihn der Leser von einem Ornithologen, wie Vogelgesang und Weltpolitik miteinander zusammenhängen:

Leseprobe:
"Vielleicht konnte das Reich eines so unmusikalischen Menschen wie Mao Tse-tung  schon allein deswegen keinen Bestand haben, weil es das erste und einzige aller bisherigen chinesischen Reiche war, in dem Singvögel nicht bloß aus blöder Fressgier wie in manchen Ländern Europas, sondern ausnahmslos alle Vögel als Getreidefresser und Ernteschädlinge in sämtlichen Provinzen dieser sogenannten Volksrepublik zu Millionen und Abermillionen getötet worden waren. Es habe hierzulande einen Frühling gegeben, in dem der Himmel über Peking tatsächlich vogelfrei gewesen war. Vogelfrei! Was für eine Freiheit."

Der Titel "Atlas eines ängstlichen Mannes" wird den ein oder anderen zunächst irritieren. Denn weder handelt es sich um einen Atlas mit Bildern und Karten noch lässt sich der Erzähler als "ängstlicher Mann" charakterisieren. Weder Furcht noch Verzagtheit machen ihn aus.

Demut vor der Natur

Der Autor Christoph Ransmayr ist kein "ängstlicher Mann".

Seine Ängstlichkeit ist ein Akt der Demut und der Andacht. Die Natur, die Eis- und Gebirgslandschaften, die Wüste und die Begegnungen mit fremden Menschen lassen den Erzähler unablässig staunen. Und seine Pflicht ist die eines Übersetzers. Wie wird aus Erfahrung Literatur: "Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt."

Immer mal wieder kehrt der Erzähler an die Orte zurück, von denen er herkommt, die ihm vertraut sind. Und wie beiläufig, als wollte er sie in einem Wust von Geschichten verstecken oder gar entdramatisieren, berichtet der Autor vom Tod seines Vaters, vom Abschied. Und spätestens da zeigt sich das Reisen auch als Flucht oder zumindest als Umkreisung der eigenen Herkunft.

Leseprobe:
"Ich glaubte an der rechten Hand des Aufgebahrten noch die Restwärme des Lebens zu spüren, als ich sie ergriff. Der Gehilfe sah mich nicht an, sah aber eine Tränenspur, die über diese blaue Hand lief, und wollte mich trösten und zeigte behutsam auf die Stirn des Toten und sagte, das wird verschwinden, das Blau wird verschwinden, am Abend wird Ihr Vater wieder sein, wie er war."

Philosophische Abenteuerreise

"Die Ankunft" heißt das letzte Kapitel, und diesmal begegnet der Erzähler keinem Gott, sondern flüsternden Mönchen im Himalaya-Gebirge. Der beschwerliche Weg durch den Tiefschnee, der schwere Rucksack, der seinen Träger tief einsinken lässt, wird zur Metapher dieser Lebensreise. Erschöpft vor Anstrengung und doch beglückt kommt er ans Ziel. Das Lesen wird bei Ransmayr zu einer philosophischen Abenteuerreise:

Leseprobe:
"Ich fühlte mich geborgen wie in jenen verlorenen Zeiten, in denen ich Abend für Abend zu Bett gebracht worden war und durch einen Türspalt, der wegen meiner Angst vor der Finsternis offenstand, einen Lichtstreifen sah und die Flüsterstimmen von Menschen hörte, die mich behüteten. Als aus der schneeweißen Asche ein Funke ins Höhlendunkel sprang und im Flug erlosch, schlief ich ein. Nun war ich angekommen."

Das Hörbuch, von Christoph Ransmayr selbst eingelesen, ist im Argon-Verlag erschienen.

Atlas eines ängstlichen Mannes

von
Seitenzahl:
464 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-10-062951
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.10.2012 | 12:40 Uhr