Stand: 13.12.2016 10:17 Uhr  - NDR 90,3  | Archiv

Eine blaue Kuh, die die DDR verärgerte

Die blaue Kuh
von Armin Mueller-Stahl
Vorgestellt von Melanie von Bismarck

Armin Mueller-Stahl ist ein charismatischer und brillanter Schauspieler, der mit 60 Jahren seine Hollywood-Karriere startete und heute einen Teil des Jahres in Los Angeles lebt. Mueller-Stahl, der am 17. Dezember 86 Jahre alt wird, ist mit vielen weiteren Talenten gesegnet: Er ist ausgebildeter Musiker, Komponist, Sänger, Schriftsteller und Maler. "Die Blaue Kuh" heißt ein schmales neues Buch mit Illustrationen von Armin Mueller-Stahl. Es enthält Bilder zu der Ballade "Die Blaue Kuh", die der Künstler bereits 1952 in der DDR schrieb.

Die skurrile Ballade handelt von einer Kuh, die erst ihre eigene Milch austrinkt und dann sich selbst - bis nur noch ein blauer Fleck bleibt und am Ende gar nichts mehr. Armin Mueller-Stahl hat sie geschrieben und vertont, als er noch die Schauspielschule besuchte. "Ich habe gedacht, dieses Lied will ich gerne komponieren. Ich will gerne eine Melodie dazu finden. Die Vorlage dafür, dass etwas verschwindet, ist einfach für eine Komposition ganz aufregend, ganz schön ", erinnert sich Armin Mueller-Stahl.

Eine kuriose Fabel, leicht und heiter wie ein Kinderlied. "Und wir haben es auch getestet", erzählt Armin Mueller-Stahls Ehefrau Gabriele Scholz. "Die Enkeltochter ist sechs Jahre und die war bei einem Konzert dabei, und obwohl sie todmüde war, hat sie laut schallend gelacht."

Ein Lied verärgert die Kontrolleure des Ministeriums

Die Kontrolleure des Ministeriums für Kultur fanden das Lied überhaupt nicht lustig. Armin Mueller-Stahls Auftritte verfolgten sie mit Argusaugen. "Immer wieder, ja, immer wieder, haben sie uns kontrolliert. Besonders wenn ich ins Ausland fuhr, wurde sehr genau aufgepasst, was dort passiert", erzählt der Schauspieler.

Man witterte Staatszersetzendes. War nicht die sich selbst zerstörende, schrumpfende Kuh eine Anspielung auf die DDR und die Partei? Besonders missfiel die Zeile "Da wurde sie ganz mager, ganz klein, ganz hager." Man verstand sie als Anspielung auf Kurt Hager - Politbüromitglied, und zuständig für die Kultur. "Die Fähigkeit dieser Funktionäre zu entdecken, was kein anderer entdeckt, ist immens groß. Und da war der Hager plötzlich da, und dann hat man mir empfohlen, das umzudichten. Was ich aber nicht gemacht habe", so Mueller-Stahl.

Schätze aus der Schublade hervorgeholt

Im Gegenteil. Armin Mueller-Stahl sang besagte Zeile sogar noch provokanter: "Da wurde sie ganz mager und klein wie Hager." Jahrzehnte später, vor sieben Jahren, spielte Armin Mueller-Stahl das Lied von der "Blauen Kuh" zusammen mit seinen anderen DDR-Liedern auf CD ein. Den Ausschlag gab seine Frau. "Ich habe ja die ganzen Konzerte in der DDR miterlebt, ob in Dresden, in Leipzig, im Studentenclub in Berlin, und die waren immer sehr erfolgreich. Und das lag nun alles da in der Schublade und ich weiß ja, dass mein Mann gerne singt, und dann habe ich gedacht: Mein Gott das ist doch schön, wenn man das einfach nochmal festhält. Ich habe in erster Linie an die Familie gedacht."

Die Weitererzählung der "Blauen Kuh" mit Bildern

Seit frühester Jugend zeichnet Armin Mueller-Stahl. Seine Lithografien, Zeichnungen und Ölbilder sind in den vergangenen Jahren mehrfach in Ausstellungen gezeigt worden. Anfang Dezember ist nun das Buch "Die Blaue Kuh" erschienen, mit 19 Bildern in Mischtechnik von jener Kuh, die am Ende ein Fleck und dann weg ist. In freiem lockeren Pinselstrich, mal luftig-leicht und an der Grenze zur Abstraktion, dann wieder malerisch verdichtet. "Ich habe zunächst einmal die ersten beiden Kuh-Bilder gezeichnet. Die waren noch unabhängig von der Geschichte 'Die Blaue Kuh'. Und dann habe ich sie mir eines Tages angeguckt und gesagt: Oh ja, das könnte eigentlich eine Geschichte werden, eine malerische Geschichte, nicht nur eine Illustration, sondern ein bisschen eine Weitererzählung der Blauen Kuh. Das habe ich dann gemacht."

Buchtipp

Die Jahre werden schneller

Armin Mueller-Stahl auf den Schauspieler zu reduzieren, würde dem Multitalent nicht gerecht. Gerade ist ein Band mit Liedern und Gedichten erschienen, dessen Lektüre lohnt. mehr

Die blaue Kuh

von
Seitenzahl:
40 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Hatje & Cantz
Bestellnummer:
978-3775742504
Preis:
19,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 12.12.2016 | 19:07 Uhr

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