Elke Gryglewski, Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, steht im Dokumentationszentrums der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Sie ist seit Januar Vorsitzende der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und Leiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen. © Ole Spata/dpa +++ dpa-Bildfunk Foto: Ole Spata

"Antisemitismus - eine deutsche Geschichte" von Peter Longerich

Stand: 10.05.2021 09:10 Uhr

Der renommierte Münchner Historiker Peter Longerich beschreibt in "Antisemitismus - eine deutsche Geschichte" die unterschiedlichen Formen der Judenfeindschaft in Deutschland von der Aufklärung bis heute.

von Otto Langels

Im Herbst 2019 versuchte ein schwer bewaffneter Täter, sich am höchsten jüdischen Feiertag gewaltsam Zugang zu der mit 80 Personen besetzten Synagoge von Halle zu verschaffen. Der geplante Anschlag scheiterte, zeigte aber auf dramatische Weise, dass der Antisemitismus in Deutschland nach wie vor virulent ist.

NS- und Holocaust-Forscher Peter Longerich über Antisemitismus

Peter Longerich: "Antisemitismus: Eine deutsche Geschichte - Von der Aufklärung bis heute" (Cover) © Siedler
Das Sachbuch ist beim Siedler Verlag München im April 2021 erschienen, umfasst , 640 Seiten und kostet 34 Euro.

Für Peter Longerich stellt sich die Frage: Warum sind immer wieder Juden Opfer von Diskriminierung und Gewalt? Warum wurden und werden sie nicht als gleichberechtigt akzeptiert? Seine umfangreiche Darstellung leitet er mit einer ebenso nüchternen wie deprimierenden Bemerkung ein: Alle bisherigen Anstrengungen hätten nicht dazu geführt, den Antisemitismus in Deutschland wirksam zu bekämpfen und auf ein bloßes Randphänomen zu reduzieren. Judenfeindschaft sei nach wie vor mitten unter uns.

Der Münchner Historiker Peter Longerich, ein ausgewiesener NS- und Holocaust-Forscher, trägt eine erdrückende Fülle von Beispielen zusammen, die den Antisemitismus der Deutschen in Wort und Tat belegen; ob als harmlos daherkommende Betonung kultureller oder religiöser Unterschiede, ob als mörderischer Antisemitismus.

Krude Gewaltphantasien bereits 1816 verschriftlicht

"Sollen wir sie, die Juden, kreisweise zusammentreiben, niederschießen oder totschlagen oder ersäufen". "Alle, ohne Ausnahme, Männer und Frauen, Greise und Kinder, Kranke und Gesunde?". Dieses Zitat, das dem "Stürmer", dem Hetzblatt der Nazis entnommen sein könnte, stammt tatsächlich aber aus der Feder Fürchtegott Leberecht Christliebs aus dem Jahr 1816. Der gottesfürchtige Name hielt den Autor nicht davon ab, krude Gewaltphantasien zu entwickeln. Sie zeigen, dass bereits vor 200 Jahren die physische Vernichtung der Juden in der Debatte um ihre rechtliche Gleichstellung erwogen wurde. Wegen ihrer immer wieder aufkommenden Suche nach nationaler Identität konnten und können "die Deutschen" - so Longerich - Juden nicht als gleichberechtige Mitbürger ertragen. "Wenn man sich damit beschäftigt, dann sieht man, dass da eine Kontinuität besteht. Das heißt, dass immer wieder völlig absurde Gründe gesucht werden, die die Juden als die Anderen erscheinen lassen, die man aus der eigenen Gemeinschaft, die man so dringend sucht und herstellen will, ausschließen will."

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"Antisemitismus - eine deutsche Geschichte" - Chronologisch angelegtes Sachbuch

Peter Longerich hat seine deutsche Geschichte des Antisemitismus vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart chronologisch angelegt. In klarer Sprache wendet er sich an ein breites Publikum, auch an Menschen, die mit dem Thema nicht vertraut sind. Ausführlich referiert er Kernaussagen aus Schlüsselwerken des Antisemitismus wie aus weitgehend unbekannten Schriften. Daraus entsteht ein Gesamtbild, wonach der deutsche Antisemitismus kein vorübergehendes Phänomen ist, sondern ein tief in unserer Geschichte und Kultur verwurzeltes Vorurteil.

"Das hat damit zu tun, dass die Juden hier seit sehr langer Zeit leben und als eine Minderheit, die unter uns lebt, abgelehnt wird. Und zwar nicht nur als eine Minderheit, die irgendwie fremd und anders ist, sondern gleichzeitig als eine Minderheit, die einer Verschwörung angehört, auch noch einer internationalen Verschwörung, und die übermächtig erscheint." Peter LongerIch: "Antisemitismus"

 

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Antisemitismus: Mehr als ein Krisenphänomen

Nach einer landläufigen These dienen "die Juden" in Krisenzeiten als Sündenböcke, um von den eigentlichen sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Problemen abzulenken. Diese Erklärung hält Peter Longerich für unzureichend: Der Autor belegt an vielen Beispielen, dass es sich eben nicht ausschließlich um ein Krisenphänomen handelt, sondern um die negative Seite einer nationalen Identitätssuche: "der Jude" als das Zerrbild des heimatverbundenen, patriotischen Deutschen.

"Es ist schon erschreckend, dass der Antisemitismus heute nach wie vor vorhanden ist, es spricht einiges dafür, dass er anwächst, er hat heute vor allem die Form einer mit Antisemitismus aufgeladenen Feindseligkeit gegenüber Israel, und er äußert sich als sogenannter Post-Holocaust-Antisemitismus. Das kann man am besten mit dieser bitter-ironischen Formel beschreiben: Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen." Peter Longerich: "Antisemitismus"

Peter Longerichs profunde Darstellung ist letztlich auch ein Warn- und Weckruf: Um den über Jahrhunderte gewachsenen, fest verankerten und gleichzeitig wandlungsfähigen Antisemitismus wirksam zu bekämpfen, bedarf es mehr als moralischer Entrüstung und hilfloser Appelle.

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