Mikhal Dekel "Die Kinder von Teheran. Eine lange Flucht vor dem Holocaust" (Cover) © Wbg Theiss, Stuttgart

Kaum bekannte Fluchtgeschichte: "Die Kinder von Teheran"

Stand: 26.07.2021 10:23 Uhr

Mikhal Dekels Vater, ein polnischer Jude, floh Anfang der 1940er-Jahre ohne Eltern zu Fuß über mehrere Jahre 20.000 Kilometer bis nach Palästina. Im packenden Sachbuch "Die Kinder von Teheran" erzählt Dekel seine Geschichte.

von Andrea Schwyzer

Die Literaturwissenschaftlerin Mikhal Dekel begann auf den Spuren ihres Vaters, Jahrgang 1927, zu recherchieren und stieß auf eine praktisch unerzählte, eine schier unglaubliche Geschichte. Die ist nicht nur ihrem Vater, seiner Schwester und der Cousine widerfahren, sondern, in ähnlicher Form, rund 250.000 polnischen Juden.

Unglaubliche Fluchtgeschichte von Polen bis Palästina

Drei Kinder: neun, zehn und 13 Jahre alt. 20.000 Kilometer. Ohne Eltern. Zu Fuß. Von Polen über die Sowjetunion, Sibirien, Usbekistan und Indien bis nach Palästina. Drei Jahre waren sie unterwegs - im Februar 1943 am Ziel. Nachlesen kann man diese unglaubliche Fluchtgeschichte in Mikhal Dekels Buch.

Es ist eine Geschichte, beruhend auf Fakten, die sie minutiös und gegen Widerstände ankämpfend recherchiert hat. Was macht so eine Vergangenheit mit einem Menschen? Zum Beispiel mit dem eigenen Vater? Dekel erzählt: "Mein Vater war eine rätselhafte Person. Eher ruhig, distanziert. Er hatte so etwas wie eine leise Wut in sich. Er war auch ein sehr guter Mensch, ehrenwert, verantwortungsvoll. Aber es kochte eben auch etwas in ihm drin. Da war diese Verbitterung."

Mikhal Dekel erfährt von langer Flucht erst nach dem Tod des Vaters

Mikhal Dekel wusste, dass ihr Vater, ein polnischer Jude, den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Doch das war auch schon alles. Von den 20.000 Kilometern erfuhr sie erst später, mit über 40 Jahren. Da war sie selbst schon Mutter und der Vater bereits viele Jahre tot. Sie lebte damals in New York, weit weg von ihrer Heimat Israel.

Als ein befreundeter Professor sie auf die Kinder von Teheran ansprach und sie, die Tochter eines solchen Kindes, nicht wusste, was sie antworten soll, war ihr Interesse geweckt. "Mein Bestreben, mehr zu erfahren, war zunächst nicht persönlich motiviert. Eher politisch, beziehungsweise wissenschaftlich. Doch allmählich taten sich immer mehr unbeantwortete Fragen auf und die Geschichte wurde viel größer. Es war nicht mehr nur eine Erzählung über die Kinder von Teheran, obwohl die natürlich besonders interessant ist."

Reise entlang der Fluchtroute der "Kinder von Teheran"

Diese unbeantworteten Fragen zwangen sie dazu, dorthin zu reisen, wo ihr Vater, seine Schwester und die Cousine einst waren: Zu den Stationen der langen Fluchtroute. Was sie herausfand: Die Teheran-Kinder waren eine Gruppe von knapp 900 polnisch-jüdischen Kindern, die während des Zweiten Weltkriegs in den Iran und später in das britisch kontrollierte Palästina evakuiert wurden.

Sie waren aber lediglich ein kleiner Bruchteil einer viel größeren Gruppe von in Polen geborener Juden, etwa eine Viertelmillion, die die Vernichtung durch die Nazis in den Weiten Russlands, in Zentralasien, im Iran, in Indien, im Libanon und auch in Ostafrika überlebten.

Gespräche und Dokumente zeigen Ausmaß des Leidens

Im Gespräch mit diesen Überlebenden und beim Durchforsten von etlichen Archiven, wurde ihr das Ausmaß dieser Fluchtbewegung, aber auch des Leidenswegs ihres Vaters, allmählich bewusst. Dekel begann zu verstehen: "Die Arbeit an meinem Buch und meine Reise, also das Nachzeichnen seines Wegs, machte mir klar, wie viel er verloren hatte. Und auch, dass er eigentlich keine Zuflucht fand. Er wurde mit seinen Erfahrungen allein gelassen."

Nachwort von Aleida Assmann in deutscher Ausgabe

Aleida Assmann auf der NDR Kultur Sachbuchpreis-Gala © NDR Foto: Axel Herzig
Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann vermutet, die Recherche fürs Buch sei eine Art Therapie für die Autorin Mikhal Dekel gewesen.

In der deutschen Übersetzung findet sich ein Nachwort der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Eine solche Geschichte zu schreiben, müsse für die Autorin auch eine Art Therapie gewesen sein. Stimmt, sagt Dekel - und denkt erst einmal an ihren Vater: "Ich träume oft davon, dass er noch hier ist und ich mit ihm darüber reden kann, was er durchgemacht hat. Wir waren uns immer ein wenig fremd und ich vermute, das hätte uns einander nähergebracht."

Dekel fügt hinzu: "Es hat mich nicht nur meinem Vater in vielerlei Hinsicht nähergebracht, sondern auch meiner jüdischen Identität oder dieser Kriegs- und Freiheitserzählung, die mich und die Menschen meiner Generation geprägt hat  - ohne genau zu wissen, wie sie uns geprägt hat."

Ihr Buch sei gerade dabei, die Menschen ihrer Generation aufzuwecken, erzählt Dekel. Es sei eine Art Blaupause und eröffne die Chance, die eigene Familiengeschichte zu erzählen: "Das ist die Geschichte vieler Menschen, nur wussten sie nichts davon. Viele schreiben mir, dieses Buch habe sie erschüttert. Sie erzählen von den Eltern und Großeltern, die in Usbekistan oder im Iran waren. Oft wurde von einem Einzelfall ausgegangen. Und so glaube ich, dass in den nächsten Jahren noch viele weitere bis dato unerzählte Geschichten auftauchen werden."

Die Kinder von Teheran. Eine lange Flucht vor dem Holocaust

von Mikhal Dekel
Seitenzahl:
464 Seiten
Genre:
Sachbuch
Zusatzinfo:
Aus dem Englischen von Tobias Gabel. Mit einem Nachwort für die deutsche Ausgabe von Aleida Assmann.
Verlag:
Wbg Theiss, Stuttgart
Veröffentlichungsdatum:
14. April 2021
Bestellnummer:
978-3-8062-4278-2
Preis:
28 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.07.2021 | 18:00 Uhr

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