Uta von Arnim: "Das Institut in Riga. Die Geschichte eines NS-Arztes und seiner 'Forschung' Eine Spurensuche im Baltikum" Cover des Sachbuches © Nagel & Kimche

"Das Institut in Riga": Vergangenheit eines Großvaters und NS-Arztes

Stand: 30.12.2021 07:00 Uhr

Uta von Arnim rekonstruiert aus Interviews, Zeitzeugenberichten und Dokumenten das Bild ihres Großvaters: des führenden NS-Arztes Herbert Bernsdorff im Sachbuch "Das Institut in Riga. Die Geschichte eines NS-Arztes und seiner 'Forschung'.

von Otto Langels

Herbert Bernsdorff war ein führender Mediziner des NS-Regimes. Von 1941-1944 leitete er das Gesundheitswesen in den besetzten baltischen Staaten sowie Teilen Weißrusslands. In Riga gründete er in der Zeit ein "Forschungsinstitut", wo deutsche Ärzte einen Impfstoff gegen Fleckfieber entwickeln sollten und dafür Juden aus dem Rigaer Ghetto als "Versuchskaninchen" missbrauchten. Uta von Arnim, eine Enkelin Bernsdorffs, hat aus Interviews, Zeitzeugenberichten und Dokumenten das Bild eines führenden NS-Arztes rekonstruiert.

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Ärztin und Journalistin Uta von Arnim erfährt Details über ihren Großvater

Vor Jahren erfuhr Uta von Arnim, eine Berliner Ärztin und Journalistin, dass ihr verstorbener Großvater Herbert Bernsdorff mehr als ein netter Landarzt in Niedersachsen gewesen war. Sie begann zu recherchieren und sammelte Material. Bernsdorff stammte aus Riga, war schon früh ein überzeugter Nationalsozialist, machte im Baltikum Karriere und erreicht 1942 den Zenit seiner Macht, wie Uta von Arnim schreibt.

Er gestaltet nationalsozialistische Gesundheitspolitik für ein riesiges Gebiet. Mit einer Fülle von Titeln und Funktionen. Vom Ministerialrat steigt er auf zum Landesdirigenten, vom Beauftragten des Reichsärzteführers zum Gesundheitsführer des Ostlandes. Zitat aus dem Buch

Menschenversuche: Läusen übertragen Fleckfieber - Schwere Lektüre

In seine Verantwortung fallen Krankenhäuser, psychiatrische Anstalten, Wehrmachts- und Kriegsgefangenenlazarette. Bernsdorff ist zudem zuständig für die medizinische Forschung in der Region. Was Uta von Arnim hier in knappen, nüchternen Sätzen an Details zu Versuchen mit Fleckfieber-Erregern ausbreitet, ist als Lektüre manchmal schwer erträglich. Jüdischen Häftlingen werden kleine Schachteln umgebunden, darin infizierte Läuse.

Die Läuse erkennen den Geruch menschlicher Haut. Kaum krabbeln sie auf der Haut, stechen sie durch den Stoff und saugen. Sobald sich die Läuse vermehrt haben, bekommen die Häftlinge zehn bis zwölf Läusekäfige gleichzeitig auf Arme und Beine geschnallt. Ihre zerbissene Haut ist geschwollen, juckt und schmerzt, entzündet sich, eine einzige schreckliche Wunde. Zitat aus dem Buch

Gutshaus am Rande von Riga wird zur Versuchsanstalt

Schauplatz der Menschenversuche ist ein Gutshaus am Rande von Riga, einst als Feriendomizil im Besitz der Bernsdorffs, ein Ort der Idylle.

Inmitten sumpfiger Wiesen liegt einsam, zwischen Fluss und Meer, das alte Familiengut Kleistenhof. Sobald die Frühlingsstürme vorbeigezogen sind und nur noch ein sommerfrisches Lüftchen von der Ostsee weht, kommt für die warmen Monate die Herrschaft aus Riga, Großmutter, Mutter, Tanten, Kinder und Cousinen. Zitat aus dem Buch

"Das Institut in Riga": Kontrast literarischer Passagen und sachlicher Beschreibungen

Der Kontrast von literarischen Passagen und sachlichen Beschreibungen, von Familienidyll und nationalsozialistischen Verbrechen machen Uta von Arnims Buch zu einer bemerkenswerten und zugleich beklemmenden Lektüre; das Ergebnis eines schwierigen Prozesses, dem sich die Autorin ausgesetzt hat. "Das Schreckliche, das Unfassbare war sehr schwer zu formulieren, deshalb habe ich es so knapp wie möglich geschrieben und habe die wirklichen Verbrechen in die Anmerkungen gepackt", erzählt die Autorin.

Mitarbeiter Bernsdorffs lernten auch das Bedienen von Gaskammern

Herbert Bernsdorffs Mitarbeiter führten nicht nur Versuche mit Fleckfieber-infizierten Läusen durch, sie wurden auch für das Bedienen der Gaskammern geschult und zu angeblichen Desinfektionen geschickt.
1944 stand Bernsdorff auf einer Kriegsverbrecher-Liste des sowjetischen NKWD, im Nürnberger Ärzteprozess tauchte sein Name auf, aber er wurde nie zur Rechenschaft gezogen.

Die Familie taucht nach dem Krieg im Strom der Flüchtlinge aus dem Osten in Niedersachsen unter, ab 1948 arbeitet Bernsdorff wieder als Arzt. Er besorgt sich sogenannte Persilscheine, die ihn als Nazi-Gegner und Judenschützer ausweisen, bleibt aber ein überzeugter Nationalsozialist. "Es gab kein Unrechtsbewusstsein. Er hat weiterhin daran geglaubt- an die Wertvorstellungen der Nationalsozialisten. Es ist gegen ihn ermittelt worden, aber als es dann zur Anklage kommen sollte, war er dann schon tot", sagt Uta von Arnim.

Herbert Bernsdorff war großes Rad im Getriebe des Nazi-Regimes

Herbert Bernsdorff war, wie seine Enkelin sagt, ein großes Rad im Getriebe des Nazi-Regimes. Doch darüber wurde nach 1945 geschwiegen. Sie brachte den Mut auf, die Mauer der Tabus und Ausreden zu durchbrechen und das Wirken ihres Großvaters als NS-Arzt nüchtern zu schildern. Es ist ihr auf eindrückliche Weise gelungen.

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30.12.2021 12:00

von Uta von Arnim
Seitenzahl:
241 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Nagel & Kimche
Bestellnummer:
978-3-7844-3597-8
Preis:
22 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.12.2021 | 18:00 Uhr

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