Die Krimi-Autorin Christiane Fux. © Petra Ender Foto: Petra Ender

Zwischen Bergen und Bunthäuser Spitze: Krimiautorin Christiane Fux

Stand: 13.12.2021 11:07 Uhr

Seit 20 Jahren lebt sie in München. Für ihre Romane recherchiert sie vor Ort, in ihrem Stadtviertel, Hamburg-Wilhelmsburg.

von Peter Helling

Christiane Fux ist gerade mit dem Nachtzug aus Venedig zurückgekommen, etwas verschlafen sitzt sie jetzt am Telefon in München. "Ich hab gerade entdeckt, man kann sogar von Innsbruck nach Hamburg fahren mit dem Nachtzug und dann in München einsteigen!“ Ja, Heimweh nach Hamburg habe sie oft, vor allem nach Wilhelmburg, wo sie aufgewachsen ist. "Jetzt bin ich länger in München als in Hamburg!“ Vor mehr als 20 Jahren ist sie aus Liebeskummer nach München gezogen, die Stadt selbst findet sie mäßig interessant. Was sie aber im Süden hält, sind die Berge, sagt sie, am liebsten am frühen Morgen loswandern! "Das ist sehr berührend, wenn man offen ist". Und Hamburg, seufzt sie, habe vieles, aber nun mal keine Berge.

Theo Matthies, der Ermittler von Hamburg-Wilhelmsburg

Der Leuchtturm an der Bunthäuser Spitze in Hamburg-Wilhelsburg. © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Hier tauchte Fux' erste fiktive Leiche auf: Am Leuchtturm an der Bunthäuser Spitze in Hamburg-Wilhelmsburg.

Die Journalistin und Krimiautorin von Büchern wie "In stiller Wut" und "Unter dem Elbsand" hat Germanistik mit dem Schwerpunkt Psychologie studiert. Die gebürtige Freiburgerin kam mit ihrer Mutter im ersten Lebensjahr nach Hamburg. Als sie sechs Jahre alt war, zogen sie nach Hamburg-Wilhelmsburg. Für ihre Romane recherchiert sie vor Ort, in ihrem Stadtviertel. Am Leuchtturm an der Bunthäuser Spitze wurde, sagt sie schmunzelnd, ihre "erste Leiche" angespült, natürlich rein fiktiv. Ihr Ermittler in vier Bänden ist Theo Matthies: Die erfolgreiche Krimi-Reihe atmet das Flair von Wilhelmsburg, der zweitgrößten bewohnten Flussinsel weltweit, unterstreicht sie. "Die echten Wilhelmsburger sind halt so ein eigener Schlag, immer noch: echt Insel. Die würden da auch nie wegziehen, das find ich auch toll". Ob in ihrer Lieblingsbuchhandlung Lüdemann, auf dem Friedhof an der Kreuzkirche, ob beim Kaffeetrinken auf dem Dach des "Energie-Bunkers": Sie trifft immer wieder Bekannte von früher. Wilhelmsburg ist für sie ein Stadtteil mit vielen Gesichtern, "unglaublich gedrängt auf einem kleinen Bereich gibt es da ganz viel": 70er-Jahre-Beton in Kirchdorf-Süd neben idyllischem Fachwerk, Öko-Architektur von der Internationalen Bauausstellung neben Gemüsegärten hinterm Deich: Offen, freundlich, ja dörflich gehe es hier zu. "Ich docke da sofort an".

Schon als Kind ein Krimi-Fan

Als Medizinredakteurin für das Online-Gesundheitsportal netdoktor.de hatte sie die letzten zwei Corona-Jahre sehr viel zu tun, an Romanschreiben war nicht zu denken, sagt sie, "ich habe noch nie so viel gearbeitet, ich war komplett okkupiert".

Ihr neuester Thriller "Schattenmauer" über die deutsch-deutsche-Vergangenheit mit der Kommissarin Hadice Öztürk sollte schon kurz vor dem ersten Lockdown im Februar 2020 erscheinen. Aber durch die Pandemie wurde alles verschoben, im Sommer 2021 war es endlich soweit.

Normalerweise befruchten sich ihre zwei Berufe als Journalistin und als Krimiautorin gegenseitig, sagt Christiane Fux. Immer wieder flattern Themen  aus ihrer journalistischen Arbeit heran, wie das sogenannte "Münchhausen-Syndrom" oder Mobbing. Und die Krimis? Ihre große psychologische Neugier treibe sie an, "wie Menschen ticken. Ich habe immer Krimis gelesen, ich hab Agatha Christie als Kind verschlungen, 'Drei Fragezeichen', sehr früh bin ich auf die Krimis von Sjöwall & Wahlöö gestoßen, da geht es weniger um das 'Whodunit' , sondern um die sozialen, gesellschaftlichen Hintergründe."

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Praktikum beim Bestattungsinstitut

Mord, sagt sie, ist nun mal der extremste Auswuchs zwischen den Menschen: "Was steckt dahinter, wie kommt es dazu?". Und, ganz Journalistin: Für ihre Theo Matthies-Reihe musste sie Fakten recherchieren. Ihr Ermittler ist nämlich Bestatter und Chirurg, stammt sogar aus einer echten Bestatter-Dynastie. Die Romane stecken voller lebhafter und auch unheimlicher Details, etwa, dass die Augen einer Verstorbenen mit einer Linse versehen werden, damit sie nicht zu tief in die Höhlen sinken. Theo Matthies sollte sich einfach mit Toten auskennen. Und sie, seine Schöpferin, hatte noch nie einen toten Menschen gesehen, das ging nicht. Gesagt, getan: Ein Jahr vor dem Erscheinen des Debüts der Reihe hat sie ein Praktikum bei einer Bestatterin in Innsbruck gemacht. Ihre erste Leiche zu berühren, sei ihr unter die Haut gegangen. "Was auf jeden Fall da ist, ist ein großer Wunsch zu verstehen, wie die gelebt haben. Mich berühren auch sehr alte Fotos, auch wenn ich die Menschen niemals getroffen habe. Weil einem auf einmal klar wird: Das sind so Abdrücke der Vergangenheit, wie ein Echo von Leben, das berührt mich sehr."

Geschrieben wird morgens

Buchcover "Das letzte Geleit" © Piper Verlag
Ihren Ermittler Theo Matthies schickt die Autorin erstmals 2012 auf Täterjagd.

Christiane Fux schreibt morgens zwischen sechs und acht Uhr. Dann eine Runde spazieren, duschen, und um neun ist sie im anderen Job als Journalistin. 2012 kam der erste Fall von Theo Matthies heraus, "Das letzte Geleit", 2016 erschien der vierte Band, "Das Mädchen im Fleet". Bevor sie anfängt, einen Krimi zu schreiben, braucht sie einen Mord, das "grobe Gerüst" nennt sie das: einen giftigen Fledermausbiss, eine tödliche Kugel im Zoo, ertrunken im Kanal. Beim Schreiben selbst aber lasse sie sich vom Moment treiben. "Manchmal drängen sich da plötzlich neue Figuren rein. Da kann schon mal, wie beim letzten Roman, der Schluss ein ganz anderer werden, ganz plötzlich.", die Dynamik der Geschichte wolle das so.

Hamburg, eine fast ideale Stadt

Auch wenn sie die letzten zwei Jahre keinen neuen Krimi geschrieben hat: An einem Morgen im ersten Lockdown, Frühjahr 2020 war das, wachte sie auf und hatte plötzlich die Idee, ein "Krimispiel" zu machen. Spannende Anleitungen für vier oder auch acht Personen: Da geht es darum, mit  verteilten Rollen einen Kriminalfall durchzuspielen. "Mörderische Dinnerparty" heißt die Serie, zwölf verschiedene Teile gibt es schon, man kann sie sich online herunterladen. Eine schöne Ablenkung vom Alltag, sagt die Autorin, gerade jetzt.

Und dann bekennt sie noch: Hamburg sei nicht nur eine gute Krimistadt, sondern für sie die tollste Stadt in Deutschland. Was sie mag: "Wenn ich da bin: der Humor von den Leuten, wie man miteinander umgeht. Ich lieb‘ halt den Hafen, was der Hafen mit sich bringt an Weltoffenheit".

Am liebsten würde die selbsterklärte Großstadtpflanze mit Hang zur Natur Hamburg-Wilhelmsburg nach München transferieren. Die perfekte Mischung, aber die Berge sind für sie nach wie vor das schlagende Argument. Und ein neuer Krimi? Christiane Fux zögert kurz und sagt dann: "Die Zeit ist bald wieder reif".

Christiane Fux' neuer Roman "Schattenmauer" ist bei Piper erschienen, hat 384 Seiten und kostet 12,99 Euro.

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