Sendedatum: 21.08.2020 06:40 Uhr

Schuld als Schreibantrieb

von Jan Ehlert

Der Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre zählte zu den bekanntesten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein Erzählband "Als Vaters Bart noch rot war", Geschichten aus seiner Berliner Kindheit, brachte ihm 1958 den Durchbruch - und den Ruf eines Schriftstellers, der schwere Themen humorvoll verpacken konnte. Vor allem aber verstand sich Schnurre als politischer Autor. Am 22. August wäre er 100 Jahre alt geworden.

Plötzlich liegt der Brief auf dem Tisch. Wie aus dem Nichts ist er erschienen, weiß, mit schwarzem Rand.

"Muss einer gestorben sein, denk ich. [...] Richtig, ne Traueranzeige. Ich buchstabiere. Von keinem geliebt, von keinem gehasst, starb heute nach langem mit himmlischer Geduld ertragenen Leiden: Gott." Buchauszug

Der Auftakt zur "Gruppe 47"

Der Schriftstellre Wolfdietrich Schnurre vor einer Bücherwand. © dpa /Picture Alliance Foto: dpa Porträtdienst
Wolfdietrich Schnurre lebte die letzten Jahrzehnte seines Lebens in Schleswig-Holstein. Er starb 1989 in Kiel.

"Das Begräbnis" - mit diesem Text eröffnete Wolfdietrich Schnurre den vermutlich legendärsten Leseabend der Nachkriegszeit: das erste Treffen der Gruppe 47. Und schon in diesem Text wird deutlich: Schnurre ging es ums Ganze. Denn wo kein Gott mehr ist, da muss man die Verantwortung bei den Menschen suchen. Auch - und besonders - für die Verbrechen des Nationalsozialismus. ""Ich muss schreiben", sagte Schnurre über seinen Antrieb, "und das 'muss' hat nicht mit einem stellvertretenden Schuldgefühl, sondern mit einem sehr konkret empfundenen eigenen Schuldgefühl zu tun. Ich habe auf jeden Fall auf der falschen Seite gestanden, habe mir das immer klargemacht und daraus resultiert eine Art von Schuld, die auf irgendeine Form verarbeitet werden muss."

Oder auf viele Formen: Schnurre schrieb Kurzgeschichten, Gedichte, Prosa, Kinderbücher und Hörspiele. Kein anderer Autor der Nachkriegsjahre war produktiver als er. Kaum ein anderer wurde so stark zur Stimme der Antikriegsbewegung.

Mittelalterliche Zustände der Gegenwart aufzeigen

Es ist wenig, was ich verlange zu wissen.
Weniger als die Obrigkeit will.
Ich begehre zu wissen, wo es Blaubeeren gibt
und nicht: Gibt es Krieg?
Ich begehre zu wissen, wann Regen fällt.
Und nicht: in wie viel Teile zerfällt ein Gewehr?
Es ist wenig, was ich vom Leben verlange.
Doch mehr, als die Obrigkeit will. Buchauszug

Ja, Schnurre wollte und erwartete mehr - vom Leben, aber auch von der Obrigkeit. Etwa von der Adenauer-Regierung, deren Auseinandersetzung mit der Kriegsvergangenheit ihm nicht weit genug ging. In seine Buch "Das Los unserer Stadt" geht er hart mit ihr ins Gericht. Es sei "der Versuch, die heutigen deutschen politischen und soziologischen Zustände ins Mittelalter zu verlegen", sagte er, "und gleichzeitig daran zu zeigen, dass heute auch einiges durchaus mittelalterlich anmutet."

"Jenö war mein Freund" wurde Schullektüre

"Das Los unserer Stadt" sei sein liebstes Buch, erzählte Schnurre. Sein bekanntestes ist vielleicht sein Versuch einer Biografie: "Der Schattenfotograf". Oder die Erzählung "Jenö war mein Freund". Die Geschichte über die Freundschaft zwischen einem neunjährigen Deutschen und einem gleichaltrigen Sinto-Jungen schaffte es in die Schulbücher der Bundesrepublik.

Weitere Informationen
Hans Werner Richter mit den schwedischen Schriftstellern Karl Wennberg (re.) und Per Olof Sundman (li.) am 10. September 1964 während der Jahrestagung der "Gruppe 47" im mittelschwedischen Sigtuna. © Picture-Alliance

Die Gruppe '47

1947 wurde die "Gruppe 47" gegründet. Mit Grass, Böll, Walser und Enzensberger stellte die Gruppe Autoren, die die Literatur der jungen Bundesrepublik nachhaltig prägen sollten. mehr

Vater hatte Bedenken, als ich ihm von Jenö erzählte. Versteh mich recht, sagte er, ich habe nichts gegen Zigeuner, bloß.... Bloß? fragte ich. Die Leute, sagte Vater und seufzte. Er nagte eine Weile auf seinen Schnurrbartenden herum. Unsinn sagte er plötzlich. Schließlich bist Du jetzt alt genug, um Dir Deine Bekannten selbst auszusuchen. Kannst ihn ja erstmal zum Kaffee mitbringen. Buchauszug

Erzählungen müssen eine Moral in sich tragen, davon war Wolfdietrich Schnurre überzeugt. Das machte seine Bücher oft unbequem, ließ sie schneller in Vergessenheit geraten als die Werke seiner Weggefährten Grass oder Böll. Ausgezeichnet wurden sie trotzdem: Unter anderem erhielt Schnurre 1983 den Büchner-Preis. 1989 ernannte die Stadt Kiel den langjährigen Schleswig-Holsteiner zum Kulturpreisträger. Annehmen konnte Schnurre diesen Preis nicht mehr. Anderthalb Wochen vor der Preisverleihung starb er im Alter von 68 Jahren.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.08.2020 | 06:40 Uhr

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