Stand: 12.10.2018 10:02 Uhr

Zukunft im Gegenwartsroman: Prophetie, Widersinn, Spiel?

Bei der Nominierung für den Deutschen Buchpreis stand die historische Perspektive im Vordergrund, es gibt aber auch starke Zukunfts- bzw. Gegenwartsromane in diesem Bücherherbst. Bücher, die uns vor der Kulisse eines ausgedachten Morgens Interessantes über das Heute verraten über die Welt, in der wir schon leben. Ulrike Sárkány hat die Verfasser der Romane "Hysteria", "Die Hochhausspringerin" und "Finsterwalde" auf der Frankfurter Buchmesse getroffen.

"Hysteria" von Eckhart Nickel

Eckhart Nickel, einst Co-Autor des Popliteraten-Romans "Tristesse Royal", meldet sich zurück auf der literarischen Bühne mit einem Kabinettstück über ein kulinarisches Institut der Zukunft, in dem Obst, Gemüse und Fleisch künstlich gezüchtet werden. Dass dieselben Zuchtmethoden auch auf kleine lästige Fliegen angewendet werden können, ist dann schon der Störfall in jener Utopie, die er in seinem Roman "Hysteria" entwirft:

Bild vergrößern
Ulrike Sarkany interviewt Eckhardt Nickel zu seinem neuen Roman "Hysteria".

"Es gibt natürlich das Culinary Institute in Kalifornien, wo ich fünf Jahre gelebt habe, und das ist eigentlich eine Kochschule in Amerika. Ich glaube, das hat seine Wege in die Idee des Studiums der Kulinarik gefunden. Aber worum es in meinem Verständnis geht: Alles dreht sich ums Essen."

So weit, dass das Land von einer Naturpartei regiert wird, die ernsthaft dafür plädiert, den Einfluss des Menschen auf die Natur komplett rückgängig zu machen: "Es gibt ja diese Bewegung der Rousseau-Husaren und die haben diesen Schlachtruf "Returanatura". Es ist natürlich wie mit allem: Die Hysterisierung von bestimmten Prozessen, die sich gesellschaftlich natürlich auch durch die ganzen sozialen Medien entwickelt, führt dazu, dass man sich vorstellen kann, dass das nur politisch geregelt werden kann. Es verwandelt sich in eine Extremform, die dann auch politisch ist, weil es darum geht, dass es ein Sendungsbewusstsein gibt, das man an die Menschen weitertragen will."

"Die Hochhausspringerin" von Julia von Lucadous

In Julia von Lucadous Roman "Die Hochhausspringerin" spielt die Regierungsform eine untergeordnete Rolle, da man längst in einem Überwachungsstaat lebt, in dem der "gläserne Bürger" Wirklichkeit geworden ist. Sehr treffend dabei die Nivellierung aller Künste und Kompetenzen, denen bislang noch Achtung entgegengebracht wird. Eine Möglichkeit für ein Mädchen aus der Vorstadt, ins Zentrum mit den ungleich besseren Lebensbedingungen aufzusteigen, besteht in jener neuen Welt darin, Hochhausspringerin zu werden.

Bild vergrößern
Julia von Lucadou, Autorin des Romans "Die Hochhausspringerin", im Gespräch mit Ulrike Sarkany.

"Das ist so eine Art Mischung aus Base Jump und ganz normalem Turmspringen", erklärt Autorin Julia von Lucadous, "also Frauen, die sich von Hochhäusern werfen und dann, ganz kurz bevor sie aufprallen würden, einen Flugmodus an ihrem sogenannten Fly Suit aktivieren und dann wieder in die Höhe schweben oder fliegen. Manchmal eben auch nicht, das ist das große Risiko, und deswegen ist der Beruf oder dieser Sport so beliebt bei den Zuschauern, weil es eben diesen Nervenkitzel auch noch dabei mitbringt."

Riva, die Hochhausspringerin, die bei Instagram die meisten Follower hat, verweigert eines Tages den Dienst. Eine Wirtschaftspsychologin wird daraufhin auf sie angesetzt. Der Motor dieser sich selbst organisierenden Gesellschaft ist das Prinzip des freien Marktes. "Eben dieser unglaubliche Fleiß, Ehrgeiz und die damit verbundene Angst vor dem Absturz oder dem Abstieg. Die Ich-Erzählerin möchte alles richtig machen, immer die höchste Bewertung von ihrem Chef bekommen, was ihre Arbeit angeht, und ist so ein bisschen dadurch auch getrieben", erklärt Julia von Lucadous. Und ergänzt: "Ich habe selbst auch die Erfahrung gemacht, dass mich dieser Leistungsdrang angesteckt hat, als ich zum ersten Mal im Beruf war und das Gefühl hatte, ich muss da ganz hoch performen, um den Platz, den ich mir da ergattert hatte, auch behalten zu dürfen, und das war mir irgendwann auch unheimlich, wie sehr ich da angesteckt war und immer höher, schneller weiter wollte."

"Finsterwalde" von Max Annas

Wenn ein Zukunftsroman Gänsehaut erzeugen kann, hat er meist sehr viel mit unseren realen Verhältnissen zu tun. Die Horrorvision, die Max Annas in seinem Roman "Finsterwalde" entwickelt, ist die Machtübernahme einer Partei, die sich inzwischen einfach mit einem großen "D" als Name begnügt. Eben noch lebten in Berlin Menschen aus aller Welt Tür an Tür. Doch jetzt stehen viele Wohnungen leer, in die qualifizierte Einwanderer aus anderen Teilen Europas umgesiedelt werden.

Ulrike Sárkány © NDR Foto: Christian Spielmann

Zukunft im Gegenwartsroman: Prophetie, Widersinn, Spiel?

NDR Kultur - Journal extra -

Eckhart Nickel, Julia von Lucadous und Max Annas machen in ihren Romanen Anleihen bei Orwell und Huxley, aber sie holen uns auch direkt an unserer Haustür im Jahr 2018 ab.

0 bei 0 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

"Die Handlung von 'Finsterwalde' findet nach 2026 statt. Die EU ist auseinandergebrochen, es gibt rechte Regierungen in Europa, und zwar viele. Es gibt auch neue Bündnisse; Deutschland ist Teil eines neuen Staatenbündnisses namens European Economy. Die deutsche Regierung hat viele Leute deportiert, die keinen deutschen Pass haben, und ist jetzt dabei, Leute zu deportieren, die einen deutschen Pass haben, aber nicht so deutsch aussehen, wie die neue deutsche Regierung sich das vorstellt."

Es stellt sich heraus, dass aus Asien und Afrika stammende Menschen, die nicht direkt abgeschoben werden konnten, in Lager im Osten abtransportiert wurden. "Insofern werden weiße christliche Familien ins Land geholt, um die Lücken aufzufüllen. Ansonsten ist natürlich die Segregation, die die Regierung vornimmt, eine, die nach rassistischen Kriterien aufgestellt ist, auf jeden Fall. Letztlich bin ich ein naiver Optimist, der an die Liebe glaubt. Und die Menschen, die sich in Finsterwalde miteinander verbünden, die schließen sich zusammen, um anderen Leuten zu helfen, und sie ziehen diese Aufgabe durch gemeinsam."

Weitere Informationen

"On the same page" für die Erklärung der Menschenrechte

Eine gemeinsame Kampagne von Buchmesse und Börsenverein zusammen mit ZDF, arte und dem SPIEGEL heißt "On the same page". Jürgen Deppe hat nachgehakt. mehr

NDR Kultur

Journal extra von der Frankfurter Buchmesse

11.10.2018 19:00 Uhr
NDR Kultur

Ulrich Kühn berichtet von der größten Buchmesse der Welt und spürt der Frage nach, wie die Literatur die übrige Welt zu packen kriegt und was Verlage dazu noch beitragen können. mehr

NDR Kultur

Live: Die ARD Radionacht der Bücher

12.10.2018 20:00 Uhr
NDR Kultur

Wie jedes Jahr am Buchmessenfreitag sind die Stars der Literatur zu Gast im Frankfurter HR-Funkhaus. Live aus dem Sendesaal stellen Autoren und Autorinnen ihre aktuellen Neuerscheinungen vor. mehr

Frankfurter Buchmesse will Akzente setzen

Die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse haben das diesjährige Programm vorgestellt. NDR Kultur Redakteurin Claudia Christophersen war bei der Pressekonferenz dabei. mehr

Deutscher Buchpreis geht an Inger-Maria Mahlke

Die in Hamburg geborene Schriftstellerin Inger-Maria Mahlke erhält den Deutschen Buchpreis 2018. Sie bekommt die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Roman "Archipel". mehr

Roman des Jahres: "Archipel" von Inger-Maria Mahlke

Sechs Bücher standen auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises. Gewonnen hat Inger-Maria Mahlke mit ihrem Roman "Archipel". Das Kulturjournal stellt alle Bücher kurz vor. mehr

Shortlist: Rückbesinnung und Besonnenheit

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018 steht fest. In diesem Jahr setzt die Jury auf literarisch hochwertige Darstellungen geschichtlicher Zusammenhänge, bemerkt Redakteurin Ulrike Sárkány. mehr

Deutscher Buchpreis: Diese Titel gehen ins Rennen

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Longlist für den Deutschen Buchpreis bekannt gegeben. Die Jury nominierte auch vier Autorinnen aus dem Norden. (14.08.2018) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal extra | 11.10.2018 | 19:00 Uhr

Mehr Kultur

43:38
NDR 1 Welle Nord

Joja Wendt - Star der 88 Tasten

16.10.2018 20:00 Uhr
NDR 1 Welle Nord
02:02
Kulturjournal

Zurück im Haus der Großeltern: Die Nachfahrin

15.10.2018 22:45 Uhr
Kulturjournal
05:48
Kulturjournal

Museumsdetektive: Raubkunst in Hamburg gefunden

15.10.2018 22:45 Uhr
Kulturjournal