Stand: 11.02.2020 15:34 Uhr  - NDR Kultur

"Der goldene Pavillon": vielschichtiger Roman aus Japan

Der goldene Pavillon
von Yukio Mishima, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Vorgestellt von Claudia Cosmo

Yukio Mishima gehörte nicht nur der literarischen Avantgarde seiner Zeit an, der 1925 in Tokio geborene und 1970 verstorbene japanische Autor zählt zu den wichtigsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Er schrieb für die Bühne und verfasste Romane, Erzählungen, Libretti und Gedichte.

In seinem späteren Leben engagierte er sich auch politisch. Yukio Mishima gründete eine private Miliz, mit der er den Kommunismus bekämpfte. Dem Amt des Tennō, des Kaisers, sprach er eine zentrale Funktion für den Fortbestand der japanischen Kultur zu. Als sein Putschversuch gegen das japanische Militär scheiterte, beging Yukio Mishima 1970 rituellen Selbstmord.

Perspektive: Zen-buddhistischer Mönch

Bild vergrößern
Mishimas Roman gewährt tiefe Einblicke in die strenge Lebensweise in einem Zen-Kloster.

Der Schweizer Verlag Kein & Aber widmet sich seit einiger Zeit der deutschsprachigen Neuübersetzung von Mishimas literarischem Werk. Nach "Leben zu verkaufen" und "Bekenntnisse einer Maske" ist nun ein weiterer Roman von Yukio Mishima erschienen: "Der goldene Pavillon".

"Alles um mich herum besaß eine Realität, an der ich jedoch keinerlei Anteil hatte", bekennt Mizoguchi. Der Protagonist in Yukio Mishimas Roman "Der goldene Pavillon" wächst bei seinem Onkel in der Präfektur Kyōto mit der Perspektive auf, einmal als Zen-buddhistischer Mönch zu leben. Aber nicht nur sein vorbestimmter Lebensweg hindert Mizoguchi daran, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Unnötig zu erwähnen, dass mein Stottern eine Barriere zwischen mir und meiner Außenwelt darstellte. Es war der erste Laut, den ich nie richtig herausbrachte. Dieser erste Laut war wie das Schloss an der Tür zwischen meinem Inneren und dem Außen, und nie ließ es sich reibungslos öffnen. Leseprobe

Unbändiger Wunsch nach Zerstörung

Yukio Mishimas Roman "Der goldene Pavillon" spielt in den 1940er-Jahren und gewährt seiner Hauptfigur die Möglichkeit, sich mit dem Außen zu verbinden und das dort Geschehene zu erklären. Denn Mizoguchi offenbart sein Inneres und macht den Leser zum Zeugen eines intimen Bekenntnisses. Man erfährt von Mizoguchis Vorhaben, den goldenen Pavillon in Kyōto niederzubrennen, genau das Nationalheiligtum, das er als Kloster-Novize jeden Tag sieht und verehrt.

Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, die erste wahre Schwierigkeit, auf die ich in meinem Leben stieß, war die Schönheit. Mein Vater hatte mir lediglich beigebracht, dass es "auf der ganzen Welt nichts Schöneres" gab als den Goldenen Pavillon. Wenn die Schönheit sich wirklich dort befand, war mein ganzes Sein von ihr ausgeschlossen. Leseprobe

Roman nach einem realen Verbrechen

Yukio Mishimas Hauptfigur ist eng an eine reale Person angelehnt, die den prachtvollen Pavillon 1950 tatsächlich niederbrannte. Der Schriftsteller besuchte den Brandstifter im Gefängnis und arbeitete dessen Schilderungen in den Roman hinein. Mizoguchi verspürt im Roman den Drang, den Inbegriff des Schönen zerstören zu müssen, weil er an seinem eigenen Äußeren und in sich selbst nichts Schönes entdecken kann.

Pavillon mit Eigenleben

Der Pavillon, der durchaus dunkle Seiten birgt, stellt für Mizoguchi eine ständige Provokation dar. Im Roman fungiert das Gebäude gleichsam als zweite Hauptfigur: Es nimmt in Mizoguchis Beschreibungen manchmal sogar menschliche Züge an und erscheint beispielsweise als unerreichbare, geheimnisvolle Frau.

Yukio Mishimas "Der goldene Pavillon" ist thematisch weitgefächert, komplex und vielschichtig. Er kann als "coming of age"- Roman oder als historisches Dokument gelesen werden, beschreibt er doch die Jahre während des Zweiten Weltkriegs in Japan und gibt außerdem tiefe Einblicke in die strenge Lebensweise in einem Zen-Kloster.

Alles befindet sich in Auflösung

"Der goldene Pavillon" widmet sich aber ebenso philosophischen Aspekten und arbeitet mit thematischen Gegensatzpaaren wie "Erkenntnis und Tat", "Tod und Leben", "Liebe und Haß" oder "Gut und Böse". Diese gegensätzlichen Prinzipien kommen auch in der Beziehung zwischen Mizoguchi und seinem Freund Tsurukawa zum Vorschein.

Ich war das Negativ der Fotografie und er das Positiv. Viele Male hatte ich erstaunt zugesehen, wie meine trüben, düsteren Empfindungen, durch ihn gefiltert, ganz und gar hell und klar wurden und gelangten so nach außen. Leseprobe

Dem Autor Yukio Mishima geht es in "Der goldene Pavillon" nicht darum, die Handlung seines Protagonisten zu werten. Vielmehr ist es ein Text, der sich auf verschiedene Ebenen zoomt und auch über den Wunsch nach Zugehörigkeit erzählt: Sei es zu sich selbst, zu einer Kultur oder zu einer Nation. Doch in Mishimas Roman scheint sich alles am Rande der Auflösung zu befinden, so wie auch die Grenze zwischen dem Innen und Außen verschwimmt.

Der goldene Pavillon

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kein & Aber
Bestellnummer:
978-3-0369-5807-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.02.2020 | 12:40 Uhr

04:50
NDR Kultur

Sven Meurs, Jörg Hülsmann: "Großstadt Wildnis"

16.02.2020 17:40 Uhr
NDR Kultur

Sven Meurs Buch enthält wunderbare Fotos und zeigt: Wer mit offenen Augen durch die Stadt spaziert, kann mit Glück wildlebenden Tieren in urbaner Umgebung begegnen. Audio (04:50 min)

05:01
NDR Kultur

Peter Handke: "Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte"

14.02.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Als Peter Handke im Herbst den Literaturnobelpreis bekam, nahmen die Diskussionen kein Ende. Nun kommt das erste Handke-Buch seit dem Nobelpreis-Streit in die Buchhandlungen. Audio (05:01 min)

04:05
NDR Kultur

Jonathan Coe: "Middle England"

11.02.2020 12:40 Uhr
NDR Kultur

Auf humorvolle Art packt Jonathan Coe große Themen an. Die vielen Geschichten in seinem Buch vermitteln so einen intensiven Eindruck von der Stimmung in Großbritannien. Audio (04:05 min)

Mehr Kultur

51:24
NDR Info

Harald

NDR Info
53:13
NDR Kultur

Tram 83

NDR Kultur