Stand: 30.03.2017 13:00 Uhr  | Archiv

Ein unverstellter Blick auf Nordkorea

von Stefanie Groth

Abschottung. Raketentests. Hungersnot: Nordkorea - ein rätselhaftes Land, über das uns außer ein paar Schlagworten aus Nachrichten und gefestigten Vorurteilen nichts bekannt ist. Nun ist es einfach, den Kopf zu schütteln und Kim Jong Un als despotischen und unzurechnungsfähigen Machthaber zu erklären. Es ist einfach, die skurrilen Massen-Inszenierungen um diesen Mann zu belächeln.

Eine junge deutsch-schweizerische Fotografin hat es sich nicht so einfach gemacht. Sie ist dreimal durch Nordkorea gereist und hat es geschafft, mit ihrer Kamera hinter die sorgfältig aufgebaute Propagandakulisse zu blicken. In einem Land, in dem unbedacht gemachte Fotos schmerzhafte Repressionen für die Menschen vor der Kamera bedeuten können. "North Korea. The Power of Dreams" - "Die Macht der Träume" heißt ihr Bildband.

Der richtige Moment

Warten. Warten auf ein flüchtiges Lächeln hier. Einen neugierigen Blick dort. Warten auf unbedachte Momente. Auf den Bruchteil einer Sekunde, in dem das wahre Leben durch die Festung des allgegenwärtigen Staatsapparats hindurch blinzelt, wie Sonnenstrahlen, die eine Wolkendecke aufreißen.

Warten auf diesen einen Moment, genau … jetzt! Ein Mann fährt auf einem Damenrad an einer kleinen Parkanlage inmitten der Stadt vorbei. Kurzärmeliges dunkles Hemd, dunkle Stoffhose. Ein Strohhut schützt ihn vor der Sonne. Hinter ihm sitzt ein kleiner Junge auf dem Gepäckträger, sein Gesicht an den Rücken des Mannes angelehnt, sein Mund leicht offen, die Augen zu. Schläft er vor Erschöpfung? Oder genießt er einfach nur die Sonne im Gesicht?

Eine ältere Frau, wettergegerbtes Gesicht, weiße Haarsträhnen fallen ihr in die Stirn. Sie sitzt wartend auf einer Rolltreppe, Oberkörper auf die Knie gestützt. Umgeben von den Beinen anderer Menschen, die mit ihr nach oben fahren. Sie nimmt den Moment der Aufnahme deutlich wahr, blickt in die Kamera. Lächelt sie?

Die Fotos strahlen Ruhe aus

Ob leere Parkanlage oder Menschenmasse - die Fotografien von Bender strahlen eine Ruhe aus, die man beim Betrachten klar und deutlich hören kann. Ruhe und Bedacht, geschaffen durch klare Linien, viel Licht, schlichte Kompositionen, respektvollen Abstand. Als hätte Bender nicht nur auf den Auslöser gedrückt, sondern mit dem Finger geschnipst, die Zeit und alles darum herum angehalten.

Ein Junge auf dem Gehweg einer der unzähligen Wohnbunkersiedlungen. Er beugt sich versteckt hinter einem Baumstamm inmitten dieser Betonwüste hervor, als würde er gucken wollen, ob der Blick der Kamera tatsächlich ihm gilt.

Menschen, die stolz an ihrem Arbeitsplatz posieren. Menschen, die geistesabwesend, verträumt beinahe, aus vorbeifahrenden Bussen und Zügen blicken. Und Stille.

Suche nach dem Individuum

Bender war zwischen 2011 und 2016 dreimal in Nordkorea. Auf Spurensuche in einem Land, in dem das Individuum scheinbar keine Spuren hinterlässt und das Volk angeblich alles ist. Auf ihrer letzten Reise im Juni 2016 hält Bender fest:

Im Dunkel des Zimmers liege ich auf dem Bett, spüre die Intensität von vermeintlich oder tatsächlich erlebter Realität von nun insgesamt drei Reisen in dieses geheimnisvolle Land.(…) Elf Minuten nach Mitternacht. (…) Ich stehe auf. Gehe ans Fenster. Die Nacht schmeichelt den poststalinistischen Monumentalbauten. Die erleuchtete Skyline suggeriert westliche Metropolennormalität. Hinter der Kulisse aber leben Menschen! Seit Jahrzehnten vergessen von der Welt. Leseprobe

Eine Ignoranz, aus der Verantwortung wachse, sagt die gerade einmal 30-jährige Fotografin. Nordkorea habe sie in den Bann gezogen. Sie fühle sich diesen Menschen verpflichtet. Mit dieser tiefen Empathie gelingt es ihr, schmale Sehschlitze in die sorgfältig errichtete Propagandamauer zu reißen. Gelingt ein unverstellter Blick auf das Leben in Nordkorea.

Vier Jungen in einem Karussell, das einen mit hoher Beschleunigung in Sekundenschnelle von ganz weit oben nach ganz unten stürzen lässt. Kurzer Moment des freien Falls, der Freiheit. Der eine Junge muss laut lachen, der andere hat die Augen zu, als würde er träumen. Einem steht der Mund weit offen, der vierte blickt in die Kamera, als wüsste er nicht genau, wie er das jetzt finden soll. Alle tragen sie eine Schul-Uniform: schwarze Hose, weißes Hemd, blaue Stoffschuhe. Nur die Socken sind bei allen anders, gestreift, gepunktet, gelb, pink.

Ansichten aus einem rätselhaften Staat

Sollte es die eine Wahrheit geben, dann jedenfalls hätte sie viele Facetten. Allenfalls wenige erschließen sich uns gewöhnlich beim Blick in die Medien, die dieses unheimliche, unbekannte Land Nordkorea zumeist als eine Melange aus nuklearem Wahn und massenpsychotischer Monotonie beschreiben. Leseprobe

Benders Fotografien sind eine Antithese zu den Rauchsäulen aufsteigender Mittelstrecken-Testraketen, zu uniformierten Menschenmassen, die präzise Choreographien zu Ehren ihres Machthabers Kim Jong Un vollführen. Was wissen wir von diesem rätselhaften Staat? Von den Bewohnern dieses Landes? 25 Millionen Menschen!? Nichts! Über ihre Hoffnungen, ihren Alltag, ihre Traditionen, ihre Ängste. Gezielte Propaganda auf der einen, befremdetes Desinteresse auf der anderen Seite. Das Ergebnis: systematisches Wegschauen und Ahnungslosigkeit, seit Jahrzehnten.

Nicht mit diesem Buch. Eine Reise durch ein Land, dessen natürliche Schönheit und zaghaft lächelnde Menschen einem nicht mehr aus dem Kopf gehen, wenn man sie erst einmal gesehen hat.

North Korea - The Power of Dreams

von Xiomara Bender
Seitenzahl:
120 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Texte von Anne Ganteführer-Trier, Xiomara Bender, Stefan Grüll und Tom Jacobi - Sprache: Deutsch und Englisch
Verlag:
Kehrer
Bestellnummer:
978-3-86828-735-6
Preis:
35,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 02.04.2017 | 17:40 Uhr

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