X Schneeberger: "Neon Pink & Blue" © die brotsuppe

Schräge Biografie von X Schneeberger: "Neon Pink & Blue"

Stand: 28.10.2020 15:37 Uhr

Schon auf den ersten Blick ist das Romandebüt des Schweizer Autors X Schneeberger laut und grell: ein pinkfarbener Buchdeckel, der Titel darauf leuchtet so irisierend, dass man ihn kaum lesen kann.

von Juliane Bergmann

"Neon Pink & Blue" heißt das Buch. Verhandelt wird darin die Identitätskrise eines schillernden Transvestiten. Laut und grell trifft auf Schwermut. Das passt überraschend gut zusammen.

Die Sommersonne brutzelt auf den Zürichsee. Am Ufer tänzelt in schmuddeligen Klamotten mit Waffeleis in der Hand: X, die Hauptfigur dieses Romans.

Man befände sich künstlerisch in bester Gesellschaft einer Ringelreihe tanzenden Selbstmörderkappelle im Seetang-Tütü, zähneklappernd eingereiht in der Compagnie eines Gebirges aus lauter Schweigen; zwischen Endmoränen purer Sprachlosigkeit abgelegen gelegen, ab und an bockspringend über Scheiterbeigen geschwärzter Zeilen. Leseprobe

Biografie einer Dragqueen

X Schneebergers Autoren-Biografie verrät seinen männlichen Vornamen, Christoph, und seine Dragqueen-Vergangenheit. Um eine Art Autobiografie oder Autofiktion scheint es sich zu handeln. Flott wird klar: Um das Spiel mit Geschlechtern geht es, denn X ist im Buch mal "er", mal "sie", mal "es" - die meiste Zeit sogar unpersönlich "man".

Als Kind schon wird der Protagonist von anderen als "verdrehtes Wesen" empfunden. Weil er lieber ein Mädchen geworden wäre. Weil er sich die Fingernägel lackiert. Weil er vorm Spiegel im Elternschlafzimmer in den Kleidern der Mutter posiert. Nur seine Rückgratverkrümmung bekommen die Eltern operativ korrigiert.

Manipulationen am lebenden Objekt seien notwendig, gar existenziell erschienen, sonst wären richtig gehen und richtig stehen, richtig liegen und richtig sitzen unmöglich vor lauter Verdrehtheit. Man tanzte aber. Um sein Leben. Damit der gerade Rücken nicht einzig das Tragen einer Uniform bedeute. Leseprobe

Schnell gewöhnt man sich an die schräge Erzählung

Tatsächlich stellt sich dieses Erzählen zunächst einmal ziemlich quer. Erstaunlich aber, dass man sich schnell daran gewöhnt. Unkonkret legt sich das Pronomen "man" nicht auf ein Geschlecht, ja nicht einmal auf ein Individuum fest. Für irgendwen könnte es stehen, vielleicht aber auch für alle? Die größtenteils benutzte indirekte Rede verstärkt den sonderbaren Blick auf die Figur.

Uns wird über X erzählt - von jemand Drittem, so scheint es. Das schafft Distanz, macht uns gleichzeitig zu Eingeweihten dieser bewegten Lebensgeschichte. Aufgewachsen im familiären Spießertum in Seeland im Schweizer Kanton Bern beginnt X mit Anfang 20, als singender Transvestit aufzutreten.

Jedes traurige Liebeslied ein richtiger Abschied, Tanzaff im Off. Ein Kunstwesen. In eigener, wie mit fremder Feder. Man sage das eine und rede im jeweilig Anderen. Selbst als Transvestit wäre man als ob ein Transvestit. Mehr Vorstellung denn Darstellung. Mehr Pose als Haltung, mehr Geste als Bedeutung. Leseprobe

Auf den Party-Sommer folgt Arbeits- und Obdachlosigkeit

Tage- und nächtelange Partys münden in einen Sommer, in dem sich X pudelwohl fühlt. Getanzt wird selbstironisch zum Soundtrack von Mary Poppins.

Man sei in Gelächter und Grimassen, Faxen und Posen, Mitsingen und Ausrufen ausgebrochen wie in einem Erweckungsgottesdienst. Leseprobe

X bekommt keine Jobs mehr - zu viel Unpünktlichkeit - und verliert die Wohnung. Von Stilz, einem ehemaligen Bankräuber, erhält X des Öfteren Schlafplatz und Mahlzeit. Geschichten sind die Bezahlung, die X in seinem letzten Schatz findet, einer alten Zigarrenschachtel mit Erinnerungsstücken, darin ein Set künstlicher Wimpern, Artikel über UFO-Sichtungen im Heimatort, Fotos der Familie.

Der Autor schreibt erfrischend experimentierfreudig

X ist eine Figur voller Widersprüche und Zerrissenheiten: Auf der Flucht und auf der Suche nach einem Platz, sich auflösend und sich herausputzend, voller Glitzer und Schminke, voller Rotz und Staub. In Teil zwei des Buches erleben wir dann seine Verwandlung zur Dragqueen X Noëme und nicht ganz unwichtig: seine Ich-Werdung.

Das Verschämte, endlich ausgebrochen, das Verdrehte, finalement auf links gedreht, das Verdruckste bin, finally, ich. Leseprobe

Lustvoll wirft X Schneeberger in diesem Buch sprachliche und erzählerische Konventionen über Bord - erfrischend. Diese Experimentierfreude ist keine Effekthascherei, denn er hat auch inhaltlich etwas zu sagen, er blickt mutig in den Abgrund. Ein melancholisches, bittersüßes Debüt.

Neon Pink & Blue

von X Schneeberger
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
die brotsuppe
Bestellnummer:
978-3-03867-027-8
Preis:
28,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.10.2020 | 12:40 Uhr

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