Stand: 10.07.2019 12:00 Uhr

Von den Sonderlingen der Weltliteratur

Ladies in Shorts
von Werner Morlang
Vorgestellt von Amelia Wischnewski
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Der 2015 verstorbene Autor Werner Morlang hatte eine Vorliebe für kuriose Details.

Angefangen hat alles "am Ende" für dieses Buch. Es ist eine Art Vermächtnis des begeisterten Literaturkritikers und Germanisten Werner Morlang. In den letzten sieben Jahren seines Lebens hat er seine funkelnden Essays an literarischen Abenden im Schauspielhaus Zürich mit einem kleinen Publikum geteilt.

Porträts von Außenseitern der Weltliteratur

Jetzt, drei Jahre nach seinem frühen Krebstod mit 66 Jahren, öffnet der Verlag Nagel & Kimche diese Schatztruhe für ein größeres Publikum. Darin befinden sich 17 brillant geschriebene Porträts von Morlangs Lieblingsaußenseitern der Weltliteratur. Geistig anregend und doch bekömmlich bildet der Sammelband "Ladies in Shorts" eine wunderbare Lektüre für die Zeit zwischen den Sprüngen ins kühle Schwimmbecken.

Eine Sprache wie aus einem vergangenen Jahrhundert

Was einem sofort auffällt, ist Werner Morlangs Sprache. Sie wirkt, als käme sie aus einem vergangenen Jahrhundert. Jedes Wort, jede Formulierung stammt von einem, der sich Zeit genommen hat. Nicht nur ein bisschen, sondern richtig viel. Als hätte Morlang sich nicht die Gegenwart mit Handys, Internet und Kurztexten geteilt, die wie Blitze in 0,01 Sekunden um die Welt schießen.

Morlang hat Texte gewebt wie feine Stoffe. Jeder Text muss Dutzenden Überarbeitungen ausgesetzt gewesen sein. Kein spontaner Schnellschuss darunter, dafür sprachliche Verzierungen, farbenfrohe Muster, elegante Figuren, festgezurrt, kein Faden hängt lose herab. Eine Kostprobe:

"Und weil die Liebesverstrickungen in großer Literatur selten gut ausgehen, haben sie weniger den euphorischen Taumel gefeiert als vielmehr die Klage darüber geführt, dass sich das Objekt ihrer Begierde ihrem verzweifelten Werben entzog. Das hat freilich die in amourösen Angelegenheiten unglücklich agierende russische Lyrikerin Marina Zwetajewa nicht daran gehindert, den verwegenen Satz zu notieren: 'Der Mann, der mich nicht liebt, ist mir ein Rätsel.'"  Leseprobe

Morlangs beiläufiger Ton erinnert an eine aristokratische Plaudertasche

Der Germanist Morlang schreibt, als wäre er dabei gewesen. Ohne akademische Distanz. Sein beiläufiger Ton erinnert dabei vielmehr an eine aristokratische Plaudertasche aus einem Jane-Austen-Roman, der Nachbar, der stets bestens informiert ist und sein Wissen statt Gebäck zum gesitteten Nachmittagstee serviert. Wie über die neuseeländische Autorin Katherine Mansfield.

"Sie - die spätere Schlankheit in Person - litt damals unter ihrem pummeligen Äußeren und wurde nach einem neunmonatigen Englandaufenthalt ihrer Eltern von der Mutter mit der harschen Bemerkung begrüßt: 'Nun, Kathleen, wie ich sehe, bist du noch immer so dick wie zuvor.'" Leseprobe

Seine Quellen behält er für sich, man kann sich nur entscheiden, ihm zu glauben, wenn er zum Beispiel Folgendes über Katherine Mansfields Weggefährtin Ida Baker erzählt: 

"Ida hat ihr mehr Wünsche von den Augen abgelesen, als ihr lieb war, und auch wenn Ida geselligen Anlässen fernblieb, lauerte doch stets im Hintergrund ihre jegliche Demütigung stumm hinnehmende Opferbereitschaft." Leseprobe

Wie ein Marktzugeständnis wirkt das Anknüpfen an die derzeit moderne Frauenthematik. Auf dem Einband thront ein Fräulein mit lockigem Bubikopf auf einer Terrasse über den Dächern einer Stadt, zurückgelehnt in einen klapprigen Gartenstuhl, die Beine hochgelegt, ein Buch in der Hand. Einband und Titel "Ladies in Shorts" legen nahe, dass sich der Autor Werner Morlang vor allem Frauen gewidmet hat. Doch mit einem Blick ins Innere des Buches wird klar: Hier sind die "Ladies" in der Unterzahl. Nur sieben von siebzehn Kurzgeschichten handeln von Schriftstellerinnen. 

Es überwiegen die Porträts von männlichen Autoren

Morlangs eigentliche Faszination galt Männern wie Jim Thompson, Wilkie Collins und David Goodies, denen er das erste Kapitel "Nachtmahr-Abtei & Série Noire" gewidmet hat:

"Seine Anzüge trug er fadendünn aus, um sie alsdann blau einzufärben. Gelegentlich kreuzte er in der Öffentlichkeit in einem Bademantel auf, den ihm ein Freund überlassen hatte. Weitere kabarettistische Spielchen bestanden darin, dass er rief 'Schaut her!', [dann] purzelte er halsbrecherisch eine Treppe hinunter. Auf Hollywood machte er damit jedenfalls keinen Eindruck. Schon nach kürzester Zeit mochte sich kaum mehr jemand an den Sonderling erinnern." 

Ganz im Gegensatz zum Schweizer Literaturkritiker Morlang. Der hatte ein Faible für Literaten, in deren Schreiben er eine besondere Qualität ausmachte, die aber im Kanon zu wenig oder ganz unbeachtet geblieben sind. Ein Grund dafür mag Morlangs Liebe zum Krimi gewesen sein. Eine Disziplin, die schnell als Schmuddelkind in der Literatur abgetan wird.

Die 10- bis 20-seitigen Porträts sind und bleiben Einführungen, als welche sie für die literarischen Abende im Schauspielhaus Zürich verfasst wurden. Aber Morlangs Hingabe an die Sonderlinge der Weltliteratur animiert zum Weiterlesen.

Ladies in Shorts

von
Seitenzahl:
296 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit einem Nachwort von Manfred Papst.
Verlag:
Nagel & Kimche
Bestellnummer:
978-3-312-01116-2
Preis:
24,00 €

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