Stand: 08.09.2020 10:41 Uhr

Weltalphabetisierungstag: Ein Tag für das Lesen und Schreiben

von Ole Wackermann

Es klingt unvorstellbar, ist aber leider Realität: Mehr als sechs Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Mit dem Weltalphabetisierungstag macht die UNESCO jedes Jahr am 8. September auf das Problem des Analphabetismus aufmerksam.

Junger Mann schaut müde auf ein Blatt Papier © Fotolia.com Foto: vladans
Mehr als Sechs Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben.

"In der Grundschule bin ich nicht mehr hinterhergekommen. Dann habe ich noch oft die Schule gewechselt und dann habe ich das nicht mehr hinbekommen mit dem Deutschunterricht", erzählt ein Teilnehmer eines Alphabetisierungskurs für Erwachsene in Norderstedt. Und eine Frau berichtet: "Meine Mutter hat von morgens bis abends gearbeitet. Die kam abends um sechs vom Feld. Die hatte natürlich auch keine Lust mehr. Deshalb hat sie lieber vorgelesen, als dass wir das lesen sollten. Das war einfacher für sie."

Nicht richtig lesen zu können, ist für die Betroffenen im Alltag oft mit viel Hilflosigkeit und Scham verbunden. Viele erzählen, dass sie sich nicht trauen, offen damit umzugehen. Sie sagen dann, sie hätten die Brille vergessen oder bitten unter einem Vorwand andere darum, das Lesen und Schreiben für sie zu übernehmen. Die zunehmende Digitalisierung verschärft das Problem zum Teil.

Digitalisierung bietet auch Chancen

Die Universität Hamburg hat vor zwei Jahren eine groß angelegte Studie veröffentlicht, dabei kam heraus: Nur 40 Prozent der Erwachsenen mit Leseschwäche trauen sich Online-Banking zu, nur knapp 60 Prozent kommen mit Online-Wohnungsbörsen zurecht. Deshalb fordert Bundesbildungsministerin Karliczek auch, mehr zu tun, damit Erwachsene noch Lesen und Schreiben lernen und außerdem ihre Medienkompetenz zu verbessern. Dabei biete die Digitalisierung auch Chancen, so gebe es auf vielen Webseiten mittlerweile eine Vorlesefunktion.

Zahlreiche Angebote im Norden

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Auch Landesregierungen und Kommunen im Norden gehen das Problem an. In Niedersachsen geht die Landesregierung davon aus, dass allein dort 620.000 Menschen betroffen sind. Die Volkshochschulen bieten allerorts Kurse an, damit Erwachsene Lesen und Schreiben lernen oder verbessern. In Niedersachen gibt es mittlerweile auch zehn regionale Grundbildungszentren, die neue Ansätze erproben, um grundlegende Bildung bei Erwachsenen zu verbessern. In Mecklenburg-Vorpommern nimmt man gerade die Schüler an Förderschulen in den Blick und bietet ihnen ein freiwilliges 10. Schuljahr an, damit sie noch so viel wie möglich mitnehmen.

Dabei gibt es durchaus schon Erfolge. Eine erste große Studie war 2010 zu dem Ergebnis gekommen, dass 7,5 Millionen funktionale Analphabeten in Deutschland gibt - also Menschen die nicht ausreichend lesen und schreiben können, um im Alltag zurecht zu kommen. Die neuere Hamburger LEO-Studie von 2018 geht mittlerweile nur noch von 6,2 Millionen Betroffenen aus.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 08.09.2020 | 08:15 Uhr

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