Stand: 10.07.2019 09:07 Uhr

Büchner-Preis: "Bärfuss ist keine Rampensau"

Lukas Bärfuss war Gärtner, Eisenleger und Tabakbauer. Nun ist er Dramatiker, Romancier und Essayist - und Büchner-Preisträger 2019. Die Leiterin der NDR Kultur Literaturredaktion Ulrike Sárkány im Gespräch über den Schweizer Autor und die Entscheidung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

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Ulrike Sárkány: Jedenfalls ist mir der Name im Vorfeld nicht ein einziges Mal eingefallen, obwohl er ein absolut naheliegender Büchner-Preisträger ist. Er ist Jahrgang 1971 und hat für seine zahlreichen Theaterstücke, für seine Romane und Essays schon viele Preise erhalten. Ich war sogar in der Jury, als Lukas Bärfuss im Jahr 2015 den Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen bekam. Das war das erste Mal, dass der Preis für den gesamten deutschsprachigen Raum geöffnet war, und wir haben ihn einem herausragenden Schweizer zuerkannt.

Im selben Jahr ist Lukas Bärfuss auch in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen worden, und das ist ja schon mal eine perfekte Voraussetzung dafür, von der Darmstädter Jury gewählt zu werden. Die besteht übrigens aus dem Präsidium der Akademie und je einem Kulturbeauftragten der Bundesregierung, des Landes Hessen und der Stadt Darmstadt. Aber, um die Verbindung des Schriftstellers zu Niedersachsen noch herauszustellen: Sein Verlag ist der Göttinger Wallstein Verlag - dem kann man auch gratulieren!  Und Lukas Bärfuss hat 2018 die LiteraTourNord gewonnen.

Na, dann hätte er Ihnen ja sofort einfallen müssen!

Sárkány: Oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

In der Begründung heißt es, Bärfuss sehe die heutige Welt "mit furchtlos prüfendem, verwundertem und anerkennendem Blick". Was ist Lukas Bärfuss für ein Mensch?

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Ulrike Sárkány

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Sárkány: Die einfachste Antwort darauf ist wohl: Er ist ein echter Schriftsteller. Die öffentliche Seite seines Berufs behagt ihm wenig. Er ist keine Rampensau, sondern befasst sich am liebsten gründlich und umfassend mit seiner Arbeit. Der erste Roman, mit dem er großes Aufsehen erregt hat, war "Hundert Tage", 2008 bei Wallstein erschienen. Er handelt von einem Entwicklungshelfer, der Anfang der 90er-Jahre in Ruanda ist, als der Völkermord beginnt. Das ist kein Erlebnisbericht - er selber ist auch nie Entwicklungshelfer gewesen - sondern eine glasklare Analyse, in welchen Strukturen solche Katastrophen möglich sind. Lukas Bärfuss kritisiert immer wieder sein eigenes Land, die Schweiz, und ist damit sozusagen ein würdiger Nachfolger von Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch.

Der letzte Roman war ja 2017 "Hagard". Würden Sie den für Bärfuss-Einsteiger empfehlen?

Sárkány:  Keine leichte Lektüre, wie alles, was Lukas Bärfuss schreibt. Vordergründig handelt der Roman von einem Mann, der einer Frau folgt, die er im Gedränge von hinten gesehen hat. Aber die metaphorische Aussage geht viel tiefer. Der Roman handelt quasi vom modernen Menschen, der trotz all seines Wissens durch sein Leben irrt und taumelt. Vielleicht würde ich eher "Koala" empfehlen, das ist eine Auseinandersetzung mit dem Selbstmord seines Bruders, also ein persönliches Thema.

Das Interview führte Andrea Wilke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 09.07.2019 | 11:20 Uhr

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