Stand: 03.10.2019 12:40 Uhr

Aus dem Leben eines Fußball-Stars

Nicht wie ihr
von Tonio Schachinger
Vorgestellt von Alexander Solloch
Bild vergrößern
Schachingers Debütroman beschreibt Phänomene aus der Fußballer-Welt.

Die Jury für den Deutschen Buchpreis hat mit einigen ihrer Nominierungen sehr überrascht - nicht nur beim Erstellen der Longlist im August, sondern auch vor zweieinhalb Wochen, als sie dann die kurze Liste veröffentlichte: Die sechs Kandidaten also, die sich jetzt noch Hoffnungen auf den Preis machen können, der am 14. Oktober verliehen wird. Darunter ein ganz und gar unbeschriebenes Blatt: Tonio Schachinger, geboren 1992 in New Delhi, aufgewachsen in Wien - eine junge Hoffnung der ohnehin gerade sehr vitalen österreichischen Literatur. "Nicht wie ihr" heißt sein Debütroman.

Mag es wohl auch vereinzelt noch Schriftsteller geben, die ihr Können nicht auf den großen, die Wirren des 20. Jahrhunderts einfangenden Familienroman verwenden und sogar auch nicht auf irgendeine katastrophische Zukunftsvision, mag es die auch tatsächlich irgendwo geben - auf die Idee, einen Fußballroman zu schreiben, ist noch keiner von ihnen gekommen.

Fußball - ein ungewöhnliches Thema für einen Roman

Fragt man Autoren nach den Gründen, sagen sie: "Wie soll das gehen? Fußball muss man sehen, Fußball kann man nicht erzählen!" Tonio Schachinger unterschreibt diese Kapitulationserklärung nicht. Wer, wenn nicht die Literatur, wäre zuständig für alles, was die Menschen umtreibt, für alles? Und immerhin - auch ein Fußballer liegt mal am Strand und sinniert.

Möwen haben keine Angst vor Menschen, aber auch keinen Respekt. Möwen sind wie die seelenlosen Maschinen, die jedes Jahr aus den deutschen Akademien strömen, ohne eine Ahnung von der Welt oder von sich selbst, die 500 Pässe spielen können mit einer Quote von 94 Prozent, aber keinen einzigen, der ihnen selbst einfällt. Möwen sind purer Zweck, wie die Passquotenroboter, die das deutsche U21-Team füllen, für die Fußball nur ein Vehikel ist, die genauso gut Unternehmensberater oder Marktforscher sein könnten. Manuel Neuer ist die Protomöwe, momentan sicher der beste Torwart der Welt, aber wenn man ihm was anderes aufgetragen hätte, würde er es genauso gut machen. Leseprobe

Die Hauptfigur erinnert an existierende Spieler

Wie kann es also gelingen, einen guten Fußballroman zu schreiben? Indem man von den menschlichen Zuckungen in einem Betrieb erzählt, der oft so seelenlos scheint. Indem man vor allem eine Figur findet, die der Leser lieben und schmähen kann, die er umarmen und ohrfeigen will. Hier ist sie: Ivo Trifunović, österreichischer Nationalspieler mit altjugoslawischen Wurzeln, erkennbar geformt aus Paradiesvögeln der realen Fußballwelt, etwa Aleksandar Dragović von Bayer Leverkusen und vor allem Marko Arnautović, der inzwischen in China sein Geld verdient.

Bei Werder Bremen erinnern sie sich noch gut an diesen begnadeten Techniker, der allerdings nie ganz frei war von jenen Eigenschaften, die in deutschen Mannschaften nicht so gern gesehen werden: Exzentrik und Selbstbewusstsein. "Die letzten Jahre hatte ich auch kein Angebot aus Deutschland. Ich denke, die Deutschen wollen mich gar nicht mehr. Na, gegessen wird zu Hause, weil meine Frau kocht super. Kocht natürlich auch deutsch, weil sie Deutsche ist", meint Fußballer Arnautović.

Zwischen Euphorie und Depression

Ivo also: Ein junger Mann, der nichts anderes will als Fußballspielen, zum einen, weil er glaubt, dass er nichts anderes kann, zum anderen, weil in diesem Spiel das ganze Leben steckt: die Freude, die Euphorie, wenn etwas gelingt, wenn der Einzelne ganz im Geist der Mannschaft, aufgeht. Dann aber auch wieder die dunkle Einsamkeit, die den Spieler ganz schnell überschwemmen kann, wenn er plötzlich raus ist aus der Mannschaft, gesperrt, verletzt oder einfach nicht gebraucht.

Heute vor einem Jahr war Ivo ganz oben: seit September fix qualifiziert für die EM, Doppeltorschütze im Derby gegen Liverpool, hat einem traurigen Steven Gerrard respektvoll die Hand geschüttelt, war glücklich. Heute ist Ivo niedergeschlagen, und morgen wird er es auch sein und übermorgen und überübermorgen, und genau deshalb ist er niedergeschlagen, weil alle Tage gleich sind. Leseprobe

Weil ihn Fragen martern, die all sein Geld nicht beantworten kann: Ist er, der fußballertypisch so jung geheiratet hat, noch glücklich in seiner Ehe? Liegt das Glück nicht woanders? Bei Mirna? Wo ist Mirna, warum meldet sie sich nicht? Oder ist es vielleicht doch besser, zu Hause zu essen?

Beobachtungen aus der Welt des Fußballs

Dynamisch und lustvoll, mit lauter guten Patzern und schrägen Ideen, erzählt Tonio Schachinger aus dem Leben eines ganz normalen Mannes, "nicht wie ihr" und doch einer von uns. Ganz nebenher zeigt er, dass das, was auf dem Fußballplatz passiert, selbstverständlich literaturfähig ist:

Der Schiedsrichter holt die rote Karte aus seiner hinteren Hosentasche und hält sie in Ivos Gesicht. Wie weit der Weg vom Feld in den Kabinengang ist, merkt man erst, wenn man ihn alleine geht, unter den enttäuschten Augen Zehntausender, und man als einzige Erinnerung an seinen Fehler ein Kribbeln im Ellenbogen spürt. Leseprobe

Für den Deutschen Buchpreis ist dieser Roman vermutlich zu speziell; aber wer sich für Fußball interessiert, weiß eh, dass es langweilig ist, zum Sieger zu halten.

Nicht wie ihr

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kremayr & Scheriau
Bestellnummer:
978-3-218-01153-2
Preis:
22,90 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.10.2019 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

06:24
NDR Fernsehen
52:30
NDR Fernsehen