Stand: 09.10.2019 15:36 Uhr

Wende-Roman von Tom Müller: "Die jüngsten Tage"

Die jüngsten Tage
von Tom Müller
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Der Autor erzählt von zwei Freunden aus Ost-Berlin in der Zeit nach der Wende.

Das Jahr 2019 dürfte für Tom Müller ein unvergessliches werden. Zunächst ist der 37-jährige Berliner vom Lektor zum Verleger des Tropen Verlags aufgestiegen und mit dem Verlag nach Berlin umgezogen. Dann ist kürzlich im Hamburger Rowohlt Verlag auch noch sein Debütroman "Die jüngsten Tage" erschienen - und Müller direkt auf der Auswahlliste zum aspekte-Literaturpreis gelandet. Viele Gründe also zu feiern also für Tom Müller.  

Kurz vor Schluss - "Die jüngsten Tage" sind nach über 220 Seiten fast überstanden - zitiert Tom Müller - der "unverschämt gut aussehende" neue Verleger des Tropen Verlags (wie er kürzlich in der "Stuttgarter Zeitung" genannt wurde) - einen Schlüssel für das Text-Sammelsurium, das er geschrieben hat: einen Song der Hamburger Band Tocotronic.

Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
Und werden es auch niemals sein
Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk
Was bildest du dir ein? Text des Songs "Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk"

Eine Jugendfreundschaft in der Nachwendezeit

Wir sind hier nicht in Seattle, auch wenn der Roman über Jonathan, Strippe und die anderen Vorstadtkinder die ganze Zeit so tut als ob: abgründig wie die Grunge-Musik, die in der Nachwendezeit von Seattle aus die Welt ins Nirwana führte: existentialistisch, ausgespuckt von der Welt.

Derart im Underground-Duktus vorgetragen, klingt selbst eine Jugendfreundschaft mysteriös, erscheinen Geschäfte auf dem Schulhof als großer Deal, werden Fahrraddiebstähle zum knallharten Crime.

Mountainbikes mit achtzehn Gängen, BMX, Rennräder. Fahrradcomputer, Vorder- und Rücklichter. Geklaut werden sie sowieso. Wenn wir es nicht machen, machen es die Jugos, die Russen, die Polen. Aber was tun die fürs Revier? Die schicken die Kohle nach Hause, und wir bluten aus. Hand aufs Herz, sagte er. Woran glauben wir?
Uns!, riefen wir. Leseprobe

Pubertierende mit Problemen

Halbstarke, wie sie überall herumstromern und sich voll stark vorkommen. Die hier aber seien erzählenswert, meint Lektor und Verleger Tom Müller mit seinem Debütroman, denn die hier pubertieren nicht irgendwann, sondern in der Wendezeit, die Jonathan rückblickend wie die "jüngsten Tage" erscheinen, verheißungsvoll, göttlich. Sie pubertieren auch nicht irgendwo, sondern am äußersten Rand von Ost-Berlin.

Kurz dahinter war die Stadt zu Ende: Brandenburg, wo Pfannkuchen Berliner hießen, die Leute nachts gegen Bäume fuhren und Fuchs und Hase Heil Hitler riefen. So sagte man. Leseprobe

Hier ist auch der Ich-Erzähler Jonathan verwurzelt. Nur ruft er nicht "Heil Hitler" wie Fuchs und Hase. Jonathan zitiert ellenlang den mussolinitreuen Nazi-Dichter Gabriele D’Annunzio. Das ist ja auch intellektueller und gibt der pubertären Großmannssucht anfangs noch einen edlen Anstrich.

Orientierungslos und desillusioniert

Später im Erwachsenenalter steigert sich Jonathans D’Annunzio-Liebe allerdings ins Psychotische. Warum? Weil die Umstände ihm keine andere Möglichkeit ließen? Der Mauerfall? Die Orientierungslosigkeit? Ausgerechnet sein Freund Strippe - als Jugendlicher selbst so großspurig wie orientierungslos - stellt Jonathan irgendwann die entscheidende Frage: "Was, wenn nicht alles verkehrt ist, sondern nur du?"

Man mag es kaum glauben: Die beiden normal-existentialistischen Jugendlichen werden irgendwann erwachsen. Der eine, Strippe, wird Lokaljournalist in Berlin. Der andere, der Ich-Erzähler Jonathan, wird in Hamburg Lehrer.

Beide sind desillusioniert. Aber von was? Den nichterfüllten Freiheits- und Allmachtsfantasien der Wendezeit? Das hätte Wumms! Doch es sind nur die Wachstumsschmerzen beim Erwachsenwerden. So ist das bedeutungsschwangere Geraune auch nur noch maximal die Hälfte wert. Schließlich sind wir nicht im Underground von Seattle, sondern nur im Zelturlaub auf Sylt. Das ist ziemlich viel Überhöhung auf ziemlich flachem Terrain!

Die jüngsten Tage

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04544-9
Preis:
22,00 €

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