Das Buchcover von Timon Karl Kaleytas Roman "Die Geschichte eines einfachen Mannes" © Piper

Timon Karl Kaleyta: "Die Geschichte eines einfachen Mannes"

Stand: 05.05.2021 13:10 Uhr

Eigentlich kennt man ihn als Musiker und Drehbuchautor. Doch nun hat Timon Karl Kaleyta seinen ersten Roman vorgelegt. Das Debüt "Die Geschichte eines einfachen Mannes" ist stark autobiografisch inspiriert.

Das Buchcover von Timon Karl Kaleytas Roman "Die Geschichte eines einfachen Mannes" © Piper
Beitrag anhören 4 Min

von Benedikt Scheper

"Don't judge a book by its cover", mahnt eine englische Redewendung. Doch der Umschlag von Timon Karl Kaleytas Roman zeigt, dass das manchmal sehr wohl möglich ist. Zumindest drückt die fotorealistische Buntstiftzeichnung genau das aus, was der Autor auf den folgenden rund 300 Seiten erzählt. Ein junger Mann in Badehose lässt sich auf einer roten Luftmatratze treiben. Seine Arme hängen über dem glitzernden Wasser. Er wirkt völlig gelassen, scheint zu träumen von nichts Geringerem als seiner erfolgreichen Zukunft. Kurz: Der auf dem Cover Abgebildete könnte der Ich-Erzähler sein. Selbstbewusst genug, um sich seine eigene Erfolgsgeschichte einfach herbeizuträumen.

"Mein Leben bis zu diesem Tag, ich kann es nicht anders sagen, erinnere ich als eine einzige, nie endende Aneinanderreihung schöner und allerschönster Momente. Daheim mangelte es mir an nichts, nie litt ich Hunger oder anderes Leid, nie erfuhr ich auch nur irgendein erwähnenswertes Unrecht. Nein, jeder Tag kam im Grunde einer Verbesserung und nochmaligen Verbesserung des Vortages gleich, und hätte ich wählen müssen, kein Schicksal der Welt wäre mir lieber gewesen als mein eigenes." Leseprobe

Unbändiger Glaube an den eigenen Erfolg

Der Protagonist erinnert ein wenig an Felix Krull. Er stürzt sich ins Leben mit einer Chuzpe, die ihresgleichen sucht. Nie käme der Sprössling einer Arbeiterfamilie auf die Idee, äußere Umstände könnten ihn am schnellen Aufstieg in höhere Sphären hindern. Ob in der Schule oder an der Universität: Zweifler, Kritiker, auch wohlmeinende Ratgeber - sie alle belächelt er. Als er Medizin wegen des Numerus Clausus nicht studieren kann, wählt er Germanistik und Soziologie, um dem Professor erst mal Pierre Bourdieus Thesen als Unfug darzustellen. Soziale Herkunft und gesellschaftliche Konventionen - alles irrelevant, wenn, ja wenn man nur an den eigenen Erfolg glaubt. Grund genug, selbst alte, wohlhabende Freunde im Stich zu lassen.

"Was weiß er schon von meinen Sorgen, von meinem Kampf um einen Platz in der Gesellschaft? Ihm wurde doch alles auf dem Silbertablett serviert. Aber schau mich an. Ich bin meinen Verhältnissen entflohen und habe mir ein neues Leben ausgedacht. Ganz allein und ohne fremde Hilfe." Leseprobe

Ganz in der Tradition des Schelmenromans

Der Erzähler kämpft seinen eigenen Klassenkampf, geht dabei über Grenzen. Mal produziert er einen Hit ohne jede Ahnung von Musik. Mal erschwindelt er sich ein Auslandsstipendium in Madrid. Dort lebt er in den Tag hinwein, verliebt sich in seine Vermieterin, um sie just in dem Moment in einer Nacht- und Nebelaktion zu verlassen, als ihm das Geld ausgeht. Schuld? Haben natürlich immer die anderen. Die Erzählhaltung - eine Mischung aus Arroganz und Narzissmus. Der Stil wirkt etwas antiquiert. Doch das Ergebnis ist lesenswert - ganz in der Tradition des Schelmenromans. Denn ein junger Mann, der das Leben in Zeiten politischer Überkorrektheit als Spiel versteht, ist einfach erfrischend, gerade weil er unzeitgemäß agiert, spricht und handelt.

"Nur ein Pessimist hätte bei allem, was in den vergangenen Monaten passiert war, noch an einen Zufall geglaubt, nur ein Hochstapler, nur ein Betrüger hätte zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit seines Scheiterns weiterhin eingepreist. So jemand aber war ich gerade nicht. Nein, Hochstapler und Aufschneider, die ihre Geltung und ihre Position nur durch Täuschung und List erreichten und darum wussten, die zu jedem Zeitpunkt und zur allgemeinen Unterhaltung damit kokettierten, dass ihr Schwindel gewiss schon bald auffliegen würde et cetera, verachtete ich zutiefst." Leseprobe

Anzeichen unzuverlässigen Erzählens blitzen selten, aber häufig genug auf, um dem Filou als Leser nie alles zu glauben. Auch das macht den Reiz dieser autofiktionalen Memoiren eines Lebenskünstlers - im besten Sinne des Wortes - aus.

Die Geschichte eines einfachen Mannes

von Timon Karl Kaleyta
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Piper Verlag
Veröffentlichungsdatum:
1. April 2021
Bestellnummer:
978-3-492-07046-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.05.2021 | 12:40 Uhr

Mehr Kultur

Szene aus "Hamlet 21" von John Neumeier. © Kiran West Foto: Kiran West

Ballett-Tage: John Neumeiers "Hamlet 21" aus dem Klassenzimmer

Mit dem Stück über die Jugend des dänischen Prinzen sind an der Hamburgischen Staatsoper die 46. Balletttage eröffnet worden. mehr