Stand: 07.08.2019 12:40 Uhr

Eine "Hexennacht" wird zur Horrornacht

Freinacht
von Thomas Lang
Vorgestellt von Peter Helling
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Der Roman über die Eskalation einer Feier von Jugendlichen beruht auf einer wahren Begebenheit.

Der Ingeborg Bachmann-Preisträger von 2005, Thomas Lang, hat vor drei Jahren ein literarisches Internet-Projekt begonnen, Titel: "Der gefundende Tod". 24 Besucher habe sein Portal jeden Tag gehabt, sagt er. Auch Schüler hätten ihm bei den Figuren, bei einzelnen Formulierungen und anderen Details geholfen. Entstanden ist daraus der Roman "Freinacht".

Vierweg, ein fiktiver Ort in der Provinz. Elle - sie heißt eigentlich Ellen - will ihren 16. Geburtstag feiern. Da sie es cooler machen will als ihre Mitschülerinnen, wählt sie als Location ein abgerocktes Bahngelände.

"Bei mir wird alles anders", rief sie. "Keine Pizza von Mama?" "Verlass dich drauf. Auch kein Korea-Pop. Ich werd nicht mal zu Hause feiern." Leseprobe

Bestialische Tat unter Alkoholeinfluss

Das Problem: Kaum einer aus der Klasse will kommen. Nur Junis, ihr bester Freund, Dennis, ein latent krimineller Mitschüler, und Vale oder Valentin, Sohn eines Bauern - und jüngster der kleinen Gruppe. Zu viert feiern sie in Vierweg bei Eiseskälte mit viel Wodka die titelgebende Freinacht. So nennt sich in Süddeutschland eigentlich die Nacht auf den 1. Mai, die Hexennacht. Sie wird zur gruseligen Initiation, zur Horrornacht: Im Wald um die Ecke findet Dennis die Leiche eines Mannes, schleppt sie aufs Gelände, zugedröhnt vergehen sich die Jugendlichen an ihr, schlagen ihr den Kopf ein, säbeln ein Bein ab. Klauen ein Halskettchen mit dem Namen des Opfers: Frank.

Elle fasste die Lampe ganz hinten an. Das Metall kühlte ihre Hand. Das Gewicht tat ihr wohl. Sie holte aus, sie zog dem herabhängenden Schädel eins über. Die Haut platzte auf, ein Teil des Knochens löste sich mit dem Skalp. Leseprobe

Der Morgen danach: Elles Leben ist völlig aus dem Ruder, Albträume plagen sie - und die geisterhafte Stimme Franks, der ihr immer wieder erscheint. Vale, der Jüngste, entdeckt schwarze Muttermale an sich.

Eine folgenschwere Eskalation

Dennis postet Videos der Leichenschändung im Internet. Das Buch ist die Geschichte einer Eskalation. Was die Jugendlichen wie von innen auffrisst: die Erkenntnis ihrer eigenen Brutalität, der blitzartigen, fast monströsen Gewalt.

Das alles war absolut unvorstellbar, sie hatte etwas getan, was sie gar nicht tun konnte. Es widersprach ihrem Wesen in jeder Faser. Es geschah ihr recht, dass sie kotzen musste ... Leseprobe

Als würde sich der Untergrund metastasenartig auf die Oberwelt ausbreiten. Asbest und halb verfaulende Haustiere, schimmelige Möbel, Opas Demenz, zerrüttete Ehen, Elles Mutter stirbt an Krebs. Vierweg wirkt wie kontaminiert. Auch das Bahngelände steht auf verseuchtem Grund, einer Munitionsanstalt aus dem Zweiten Weltkrieg. Der ganze Ort sei auf Menschenknochen errichtet, heißt es.

Bedeutungsschwerer Roman mit Entscheidungsschwächen

Das ist die größte Stärke des bedeutungsschweren Romans: die Atmosphäre aggressiven Verfalls. Jedoch: Thomas Lang hat ein krudes Buch geschrieben, das sich nicht entscheiden kann, was es sein will. Ein Krimi? Ein Fantasy-, ein Gesellschaftsroman? Manches klingt wie schlimmste Produktwerbung.

Da Elle, wie er fand, keine ordentlichen Handschuhe besaß, lieh er ihr seine eigenen Down Spirit GTX. Dass sie so unglaublich warm hielten, lag an dem clever aufeinander abgestimmten Materialmix aus einer wasser- und winddichten Goretex-Membran, einem feuchtigkeitsleitenden, weichen Innenfutter und einer sehr warmen Daunenfüllung. Leseprobe

Da "möpen" dauernd Smartphones, Drohnen filmen das Gelände, es ist ein Haufen verkorkster Social-Media-Süchtiger. Und doch ist jeder wahnsinnig einsam. Thomas Lang zeichnet ein zu heiß gekochtes Abbild unserer Gegenwart von Facebook, Instagram und Co. und wählt den Stil eines Pubertäts-Romans. Als wären Enid Blytons "Fünf Freunde" unter die virale Walze geraten. Die Dialoge holpern, der gezwungene Jugendslang nervt. Viel "ey" und "easy" und "Bam Bääng".

Immerhin: Auf den letzten Seiten wird es noch mal richtig spannend. Nur: Die befindlichen und hölzernen Einblicke in die Seelenwelt von Jugendlichen langweilen. Das hat etwas Ranschmeißerisches. Als würde Daddy auf der Party seiner pubertierenden Kinder den Allercoolsten mimen. Geht ja auch nicht.

Freinacht

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berlin Verlag
Bestellnummer:
978-3-8270-1400-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.08.2019 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Thomas-Lang-Freinacht,freinacht100.html

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