Paul Auster: "Mit Fremden sprechen" © Rowohlt

Textsammlung von Paul Auster: "Mit Fremden sprechen"

Stand: 18.11.2020 15:11 Uhr

Paul Auster ist einer der wichtigsten Gegenwartsautoren der USA. Wer ihm auf die Spur kommen will, der sollte die neue, vom Autor selbst zusammengestellte Auswahl seiner wichtigsten Essays lesen.

von Stefan Maelck

"Buch der Illusionen, "Brooklyn Revue", "Nacht des Orakels", "Reisen im Scriptorium" und "Mann im Dunkel", "Unsichtbar" und "Sunset Park" - so heißen die großen Romane Paul Austers. Alle seine fiktionalen Werke spielen in New York. Aber es gibt auch Non-Fiktionales von Auster, darunter etliches Autobiografisches. Wer Auster besser kennenlernen will, der sollte auch das autobiografische "Winterjournal" und den "Bericht aus dem Inneren" lesen. 

Fast immer spielen Austers Werke in New York

Paul Auster ist nicht nur der Meister des Zufalls, er ist auch der Meister der selbstreferentiellen Variation. Seit dem Erscheinen seines ersten Romans, "New York Trilogy",  verwirrt er seine Leser, indem er unberechenbar bleibt in der Art, wie er den Text komponiert, wie er die Figuren und die Handlungsstränge organisiert, verschachtelt und mitunter auch wieder entwirrt, nur um dann noch größere Geheimnisse zu entwickeln. Wobei Auster das Erzählen selbst so wichtig ist, wie seine Figuren. Sein Manifest, "Notizen aus einer Kladde", ist den 400 Seiten von "Mit Fremden sprechen" vorangestellt. Darin heißt es:

Die Welt hat keine objektive Existenz. Sie existiert nur insoweit, als wir sie wahrnehmen können. Und unsere Wahrnehmung ist zwangsläufig begrenzt. Folglich hat die Welt eine Grenze, irgendwo hört sie auf. Aber wo sie für mich aufhört, hört sie nicht unbedingt auch für dich auf.
Von Sprache entfremdet zu sein ist nichts anderes, als seinen Körper zu verlieren. Wenn dir die Worte versagen, zerfällst du in ein Bild von nichts. Du verschwindest. Leseprobe

Der US-amerikanische Autor Paul Auster © picture alliance/KEYSTONE Foto: JEAN-CHRISTOPHE BOTT
Für Fans von Paul Auster: "Mit Fremden sprechen" enthält 44 Essays - Autobiografisches wie Philosophisches.

So müssen wir uns Paul Austers komplette schreibende Existenz als Kampf gegen das Verschwinden vorstellen. Neben Selbstreferenzialität und Zufall sind es vor allem das Motiv des verlorenen Vaters, die Suche nach der eigenen Identität, die Rolle des exzentrischen Außenseiters, die Figur des Schriftstellers und das Motiv der variierten Anekdote.

Über den Zusammenhang von Künstler und Kunst

Es gibt noch ein paar andere Motive, aber diese sind die wichtigsten, denn sie sind der Schlüssel auch für die Essays "Die Kunst des Hungers", in denen Auster uns tief in sein Leben und seine Schreibwerkstatt blicken lässt. Neben diesen bereits unter genau diesem Titel veröffentlichten Texten sind es vor allem die Vorworte, Reden und Texte zu bestimmten Anlässen und Vermischtes, was den Mehrwert des Auster-Readers ausmacht, dessen zentrales Thema die Rolle der Kunst und des Künstlers ist.

Dieses Bedürfnis, etwas zu machen, zu erschaffen, zu erfinden, ist offenbar etwas zutiefst Menschliches. Aber zu welchem Ende? Welchem Zweck dient Kunst, namentlich die Kunst des Schreibens, in dem, was wir die Realität nennen? Ich wüsste keinen zu nennen - zumindest keinen in irgendeinem praktischen Sinn. Leseprobe

Ein Querschnitt durch Austers Gesamtwerk

"Mit Fremden sprechen" das sind: 44 Stücke aus dem Gesamtwerk von Paul Auster, philosophische Betrachtungen, Autobiografisches, die Reise seiner mechanischen Schreibmaschine, 9/11, Hawthorne und Poe, Rudi Giuliani oder Jim Jarmusch. Auster erinnert uns an dessen Film "Night on Earth" und den herrlich verqueren Taxifahrer Helmut, gespielt von Armin Mueller-Stahl.

Das Taxi gleitet jetzt durch die Nacht, eine endlose Nacht auf Erden, und als Helmut die Clownsnase abnimmt, wirkt seine Miene ängstlich und besorgt. Er fährt an einem Verkehrsunfall und etlichen Streifenwagen vorbei. Und flüstert vor sich hin: "New York ... New York." Leseprobe

Immer wieder New York. Natürlich ist dieser Reader vor allem ein Buch für Menschen, denen die Romane von Paul Auster etwas bedeuten. Romane, die man nicht von seiner Biografie trennen kann. "Mit Fremden sprechen" füllt die letzten Leerstellen in der Causa Auster. Jetzt ist Schweden dran.

An jedem Roman wirken Autor und Leser auf gleicher Stufe zusammen, und der Roman ist der einzige Ort auf der Welt, an dem zwei Fremde sich in uneingeschränkter Zweisamkeit begegnen können. Ich habe mein Leben im Gespräch mit Menschen verbracht, die ich nie gesehen habe, mit Menschen, die ich niemals kennenlernen werde, und hoffe, dies bis zu meinem letzten Atemzug zu tun. Es ist das einzige, was ich jemals wollte. Leseprobe

Mit Fremden sprechen

von Paul Auster, herausgegeben von Laurenz Bolliger, aus dem Englischen von Werner Schmitz u.v.a.
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00165-0
Preis:
26,00 €

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NDR Kultur | Neue Bücher | 19.11.2020 | 12:40 Uhr

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