Stand: 24.08.2020 15:20 Uhr

Wie die "Sapeurs" mit Mode das Leben feiern

von Brigitte Kleine

Sie nennen sich "Sapeurs" und "Sapeuses", die schrill-eleganten Gentlemen und Ladies aus den Armenvierteln von Kinshasa und Brazzaville: Männer in bunten Designer-Jacketts mit Einstecktuch, Spazierstock und Krokodilleder-Schuhen, Frauen in Nadelstreifen-Anzügen mit Accessoires von Dior, Gucci oder Chanel. Wer zum ersten Mal sieht, wie sie die staubigen Gassen in einen Catwalk verwandeln, reibt sich verwundert die Augen, um sich dann von ihrer Lebensfreude anstecken zu lassen. Auch der renommierte Londoner Fotograf Tariq Zaidi war von ihnen fasziniert, als er ihnen auf einer Afrika-Reise begegnete. Er beschloss, zurückzukommen und ihren Lebensstil näher kennenzulernen. Voraussichtlich in der ersten September-Woche erscheint sein Bildband "Sapeurs. Ladies & Gentlemen of the Congo".  

Antwort auf die Kolonialherrschaft

Die "Sapeur"-Bewegung ist in den 1920er-Jahren als Antwort auf die Kolonialherrschaft der Belgier und Franzosen entstanden. Junge Kongolesen wollten durch teure Kleidung ihr Selbstbewusstsein stärken. Mitte der 1970er-Jahre lebte sie wieder auf als Teil des Protestes gegen den zairischen Diktator Mobutu, der westliche Kleidung zum Zweck der Reafrikanisierung verbieten wollte.

"Bien sapé", schick gekleidet, so nannte man bewundernd diejenigen, die im neuesten Look aus den europäischen Metropolen in den Kongo zurückkehrten. Allmählich entstand daraus die subkulturelle Modebewegung "La Sape", ein Akronym für "Société des Ambianceurs et des Personnes Elégantes" (Gesellschaft für Unterhalter und elegante Menschen). Der populäre kongolesische Musiker Papa Wemba wurde zur Stilikone der "Sapeurs". Von ihm stammt der Satz: "Weiße haben die Kleidung erfunden, wir machen Kunst daraus."

Im "echten" Leben Taxifahrer, Schneider oder Gärtner

Die meisten "Sapeurs" arbeiten tagsüber als Taxifahrer, Schneider oder Gärtner. Nach Feierabend aber verwandeln sie sich in ultraschicke Dandys. Der Gegensatz zwischen ihren Lebensumständen und ihrem Auftreten ist enorm. "Sie leben im Slum", sagt Tariq Zaidi. "Aber plötzlich taucht da jemand auf, der wie ein Millionär gekleidet ist: Jackett von Kenzo, Krawatte von Pierre Cardin, 500- oder 1.000-Dollar-Schuhe."

VIDEO: Tariq Zaidis Fotoband über die "Sapeurs" im Kongo (4 Min)

"Sapeur" zu sein als Ausdruck einer Lebensart

Wenn sie durch die Straßen stolzieren, werden sie wie Superstars gefeiert. Sie bringen Farbe in einen Alltag, der im krassen Widerspruch zu ihrem eleganten Kleidungsstil steht. "Die beste Art, ein Rockstar zu sein, ist, wenn du wie ein Rockstar aussiehst, dich wie einer bewegst, genauso läufst - aber das alles auf eine sehr nette, freundliche Art", sagt der Fotograf. "Sapeur" zu sein - das bedeutet viel mehr als sich zu verkleiden. Es ist Ausdruck einer Lebensart, die sich der Fremdbestimmung widersetzt.

Tariq Zaidi: Dicht dran am Leben der "Sapeurs"

Der 45-jährige Elie Fontaine Nsassoni, aufgenommen 2017 in Brazzaville. © Tariq Zaidi
"Sapeur" zu sein ist Ausdruck einer Lebensart, die sich der Fremdbestimmung widersetzt.

Deswegen war es für Tariq Zaidi auch wichtig, die "Sapeurs" nicht als Objekte zu behandeln. "Ich wollte sie nicht wie irgendwelche Models auf eine Parkbank oder einen dekorativen öffentlichen Platz setzen. Ich wollte verstehen, wo und wie sie leben, wie sie es schaffen, Geld zu sparen, wie ihre Nachbarschaft auf sie reagiert. Ich habe sie nie weiter als 500 Meter außerhalb von ihrem Zuhause fotografiert."

Ursprünglich war die "Sapeur"-Bewegung Männern vorbehalten. In letzter Zeit aber haben sich immer mehr Frauen und junge Mädchen angeschlossen. Auch für sie hat das Styling nichts mit Unterwerfung unter ein Mode-Diktat zu tun. Im Gegenteil. Sie selbst bestimmen ihr Schicksal. Und dafür werden sie im Kongo geliebt. "Die Art, welche Kleidung sie wählen, wie kreativ sie damit umgehen, wie viel von ihrer Persönlichkeit in den Stil mit einfließt - all das kombinieren sie mit ihrer Philosophie eines friedlichen, harmonischen Zusammenlebens. Darum geht es den 'Sapeurs'."

Sapeurs. Ladies and Gentlemen of the Congo

von Tariq Zaidi
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
121 Farbabbildungen, Englisch
Verlag:
Kehrer
Veröffentlichungsdatum:
September 2020
Bestellnummer:
978-3-86828-973-2
Preis:
35 Euro €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 26.08.2020 | 00:00 Uhr

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