Takis Würger: "Noah" (Cover) © Penguin

Takis Würger: "Noah"

Stand: 02.03.2021 13:50 Uhr

Fast genau vor zwei Jahren erschien der Roman "Stella" des Autors und Spiegel-Redakteurs Takis Würger. Er beruhte auf der Geschichte der Jüdin Stella Goldschlag.

von Katja Eßbach

Sie hatte während des Nationalsozialismus als so genannte Greiferin für die Gestapo gearbeitet und versteckte Jüdinnen und Juden verraten. Die Reaktionen auf den Roman waren zum Teil harsch, viele Kritiker warfen dem Autor Holocaust-Kitsch und Gräuel im Kinderbuchstil vor.

Holocaust-Roman ohne Kitsch

Um es gleich vorweg zu sagen, in "Noah" gibt es keinen Holocaust-Kitsch. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen verzichtet Takis Würger auf einen zweifelhaften Ich-Erzähler wie den Schweizer Friedrich, der im Roman "Stella" naiv und ahnungslos die Geschichte herausposaunte. Zum anderen ist die Sprache zwar sehr reduziert und kompakt, ähnelt aber diesmal keineswegs dem Stil eines Kinderbuchs.

Der Autor schreibt zurückgenommen, fast dokumentarisch, gleitet nur ganz selten in einen vielleicht etwas zu bemühten Ton ab. Takis Würger erzählt die Lebensgeschichte des Juden Noah Klieger. Der hilft bereits mit 13 Jahren jüdische Kinder aus Belgien in die Schweiz zu schmuggeln. Mit 17 wird er von der Gestapo verhaftet und nach Auschwitz deportiert:

Die Tür ging auf, drei SS-Männer betraten die Halle. "Wer von euch ist Boxer?", brüllte einer von ihnen. Noah war kein Boxer. Drei der nackten Männer traten einen Schritt vor und hoben die Hand. "Wer von euch ist Boxer?" Noah trat vor, hob die Hand und ließ die SS-Leute seinen Namen notieren. Leseprobe

Nach dem Todesmarsch kommt es zum Wiedersehen mit den Eltern

Obwohl Noah noch nie in seinem Leben geboxt hatte, wird er Mitglied der so genannten Boxstaffel von Auschwitz. Er gewinnt keinen einzigen seiner Kämpfe, aber die zusätzlichen Suppenrationen, die er ab sofort bekommt, retten ihm das Leben. Als die Russen immer näherkommen, wird das Lager geräumt:

Die Häftlinge hatten sich in den frühen Morgenstunden auf dem Appellplatz aufzustellen. Die Männer bildeten Fünferreihen. Es war eine schöne Nacht, kalt und klar. "Im Gleichschritt vorwärts, Marsch." Noah und seine Freunde marschierten Richtung Westen in die Finsternis. Die Holzschuhe hatten kein Profil. Der Schnee blieb an der Sohle haften. Noah hatte kein Wasser dabei. Aus den Wunden an seinen Beinen rann Eiter. Leseprobe

Wider jede Wahrscheinlichkeit überlebt Noah Klieger den Todesmarsch und zwei weitere Konzentrationslager. Wider jede Wahrscheinlichkeit haben auch seine Eltern überlebt. Zufällig, und wäre es keine wahre Geschichte, würde man es anzweifeln, trifft Noah sie in Brüssel in einer Straßenbahn wieder.

Gleich drei erklärende Nachworte

Bereits zum zweiten Mal hat sich Takis Würger einer Geschichte über den Holocaust angenommen. Bei seinem Roman "Stella" wurde ihm der Vorwurf gemacht, dass diesem ästhetisch und ethisch jeder Maßstab fehle. Vielleicht, denn es wirkt ein bisschen wie der Versuch sich abzusichern, hat der Autor seinem neuen Buch deshalb drei erklärende Nachworte angefügt. Eines von Alice Klieger, der Nichte Noahs. Eines von Sharon Kangisser Cohen, die Chefredakteurin der Yad Vashem Studies. Und eines vom Autor selbst:

Dieses Buch ist Noahs Buch. Dies ist Noahs Geschichte. Er war dabei. Er hat mich gebeten, das Zeugnis seines Lebens festzuhalten. Seine Erinnerung. Das habe ich versucht. Leseprobe

Eine Absicherung hat dieses Buch jedoch gar nicht nötig. Es ist bewegend, zu Herzen gehend, aufklärerisch und unbedingt wichtig.

Noah Klieger ist 1948 nach Israel ausgewandert. Dort wurde er Sportjournalist. Obwohl er nie wieder deutschen Boden betreten wollte, ist er 1963 nach Deutschland gereist - zu den Auschwitzprozessen. Später kommt er immer wieder, um mit jungen Deutschen über die Shoah zu sprechen. 2018 erzählt er Takis Würger sein Leben. Am 13. Dezember desselben Jahres stirbt Noah Klieger in Tel Aviv.

Noah

von Takis Würger
Seitenzahl:
188 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
Mit einem Nachwort von Sharon Kangisser Cohen und Alice Klieger, Hardcover, Leinen, 12,5 x 20,0 cm, 1 farbige Abbildung
Verlag:
Penguin
Bestellnummer:
ISBN 978-3-328-60167-8
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 03.03.2021 | 12:40 Uhr

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