Stand: 28.03.2018 08:45 Uhr

"Syrien. Ein Land ohne Krieg"

Syrien. Ein Land ohne Krieg
von Lutz Jäkel, Lamya Kaddor
Vorgestellt von Juliane Bergmann

In den vergangen Jahren haben im syrischen Bürgerkrieg Hunderttausende ihr Leben verloren. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Das antike Palmyra, die Altstadt von Aleppo - kostbare Kulturgüter, die teilweise unwiederbringlich zerstört worden sind. Grausame Bilder aus dem Schlachtfeld Syrien kennen wir leider nur zu gut aus den Nachrichten. Ein neuer Bildband zeigt, wie das Land zuvor einmal gewesen ist: "Syrien. Ein Land ohne Krieg".

Syrien wie es vor dem Krieg war

Cola und entspanntes Plaudern

Eine Uferpromenade an der Mittelmeerküste: die Corniche von Latakia im warmen Licht der Abenddämmerung. Sechs Jugendliche fläzen sich entspannt auf ausgeblichene grüne Plastik-Stühle. Jeder hat eine Dose Cola vor sich auf dem Tisch. Sie plaudern, schmunzeln. Die Meeresbrise lässt die langen braunen Haare einer der Frauen wehen.

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Lutz Jäkel hat unter anderem auch in Damaskus studiert.

Junge Leute, unbeschwert in einem Syrien ohne Krieg. Es sind Aufnahmen, die der Fotojournalist und Islamwissenschaftler Lutz Jäkel im Frühjahr 2011 gemacht hat, kurz bevor die Aufstände gegen das Regime begannen und ein grausamer Krieg folgte. Lutz Jäkel schreibt im Vorwort:

"Syrien lebt, natürlich. Und Syrien muss lebendig bleiben. Auch und gerade mit den Erinnerungen an die Zeit vor dem Bürgerkrieg. Wir möchten Syrien eine Stimme geben. Verbunden mit dem Wunsch, dass Syrien wieder seinen Frieden findet. Und seine Schönheit zurückerlangt."

Drei Religionen in einer Bäckerei

Alte Männer, die in einem Café in Damaskus wild gestikulierend Karten spielen. Junge Frauen sitzen auf einer Mauer, zeigen sich gegenseitig Bilder auf dem Handy. In einer Backstube schiebt eine Frau frische Brote von einem Blech auf ein Tablett. In dieser Bäckerei arbeiten ein Christ, eine Muslimin und eine Alawitin, erläutert der Text daneben. Szenen, die Normalität zeigen, Alltag, vielleicht Zufriedenheit. Anekdoten von Syrern oder Menschen, die in Syrien gelebt haben, begleiten die einzelnen Fotografien, in deutscher und arabischer Sprache.

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Lamya Kaddor hat als Herausgeberin für das Buch viele Beiträge, syrischer, deutsch-syrischer und deutscher Autorinnen und Autoren gesammelt.

Eine schmale Gasse: Auf dem Gepäckträger eines alten, verrosteten Fahrrads steht ein Mann in schmuddeliger Arbeitskleidung. Mit einer Hand hält er sich am Rohr an der Hauswand fest. Er wirkt lässig, unbeeindruckt von dem fragwürdigen Leiter-Ersatz. Mit seiner Schulter klemmt er ein Telefon ein, in das er spricht. Er schaut auf einen Zettel in seiner Hand. Vor ihm ragt wirrer Kabelsalat aus der Mauer.

Die Übersetzerin Larissa Bender erinnert sich an Situationen wie diese: "Immer wieder faszinierend und bewundernswert war es, zu sehen, wie die Menschen in Syrien auf den vom Regime verursachten Mangel reagierten. Für alles fand man eine Lösung, die Menschen halfen sich gegenseitig. Der Mangel wurde nicht nur hingenommen, sondern fantasievoll in den Alltag eingebaut. Wer den Telefon- oder Stromanschluss nicht auf offiziellem Weg bekommt, der muss seine Beziehungen spielen lassen."

Lachende Bewohner und römische Freilufttheater

Frieden statt Krieg. Das Buch radiert nicht aus. Es negiert nicht das, was ist. Es richtet den Blick auf das Kostbare, das Menschenhand kaputt gemacht hat. Keine Frage, das macht auch wehmütig.

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Syrien vor 2011

Auf der Webseite "Syria before 2011" dokumentiert Lutz Jäkel parallel zu dem mit Lamya Kaddor veröffentlichten Buch "Syrien. Ein Land ohne Krieg" das Leben vor dem Kriegsausbruch. extern

Zu sehen ist vor allem ein lebendiges Land, mit starken Bewohnern, die lachen, die temperamentvoll diskutieren, hart arbeiten und inne halten. Lutz Jäkel zeigt außerdem imposante Landschaften: Olivenhaine, Berge, rauhe Küstenfelsen, aber auch Bauwerke: antike römische Freilufttheater, Siedlungen mit sogenannten Bienenkorbhäusern, Kirchen verschiedenster Religionen.

Auf einer zum Buch gehörenden Internetseite zeigt Lutz Jäkel in kleinen Videos die Menschen hinter den Geschichten dieses Bildbandes, zum Beispiel den Filmemacher Firas Alshater. Er kam ins Gefängnis und wurde gefoltert. 2013 hat er Syrien verlassen, dennoch bleibt er optimistisch:

"Er kann bombardieren. Er kann zerstören. Er kann vertreiben und töten. Aber er ist nicht in der Lage, dieses lebendige und hoffnungsfrohe Lächeln zu verhindern. Denn alle Menschen lächeln in derselben Sprache."

Dieser Bildband dokumentiert nicht nur, er erzählt auch. Und es gelingt ihm wunderbar, eine Stimmung zu erzeugen, ohne Zynismus, ohne Fingerzeig. Dafür mit Hingabe und einem bemerkenswerten Blick für das Kleine.

Syrien. Ein Land ohne Krieg

Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Malik-Verlag
Preis:
45 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 01.04.2018 | 17:40 Uhr

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