Stand: 27.08.2018 09:00 Uhr

Wie sich das Gift des Antisemitismus ausbreitete

Ein ganz normales Pogrom
von Sven Felix Kellerhoff
Vorgestellt von Joachim Gaertner
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"Ein ganz normales Pogrom" erzählt, wie sich das Gift des Antisemitismus ausbreitete.

Guntersblum ist ein kleiner Weinort in Rheinhessen, idyllisch gelegen zwischen Mainz und Worms, mit knapp 4.000 Einwohnern und einer über tausendjährigen Geschichte. Als Guntersblum 2008 bundesweit Schlagzeilen machte, war es allerdings nicht wegen des Weines oder seiner tausendjährigen Geschichte. Stattdessen ging es um zwei Fotos aus der Zeit des sogenannten Tausendjährigen Reiches, wie die Nationalsozialisten ihr Schreckensregime propagandistisch nannten. In der "Welt" erschienen damals zum 70. Jahrestag der Novemberpogrome zwei Fotos, auf denen zu sehen war, wie sechs jüdische Einwohner von Guntersblum am 10. November 1938 auf der Hauptstraße des Dorfes von ihren Mitbürgern bei einem "Schandmarsch" gedemütigt wurden.

Die bis dahin unveröffentlichten Fotos lösten nicht nur in Guntersblum Entsetzen und zahlreiche Nachfragen aus. Sie machten erschreckend deutlich, dass nicht nur in Berlin, München und Köln, sondern auch in der deutschen Provinz im November 1938 die Saat des Hasses aufgegangen war. 

Die Geschichte hinter den Fotos aus Guntersblum

Sven Felix Kellerhoff, Historiker, Journalist und Autor ("'Mein Kampf' - die Karriere eines deutschen Buches") hat die Geschichte hinter den Fotos recherchiert und mit "Ein ganz normales Pogrom. November 1938 in einem deutschen Dorf" ein Buch über die Hintergründe geschrieben. Darin erzählt er von den Schicksalen der Betroffenen, beschreibt, wie das Gift des Antisemitismus sich ausbreitete, und zeigt, dass die Vergangenheit den Ort bis heute nicht loslässt.

Guntersblum war keine Ausnahme

Was in Guntersblum am 10. November 1938 geschah, war keine Ausnahme. In über tausend Städten und Orten gab es Angriffe auf Juden. Innerhalb weniger Tage wurden 1.400 Synagogen, unzählige Beträume, Geschäfte und Wohnhäuser verwüstet oder zerstört. Die Schergen der Nazis verschleppten rund 31.000 Juden in die KZs Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen.

Sven Felix Kellerhoff beschreibt, wie die Einwohner die Folgen des Ersten Weltkrieges erlebten, wie sich in den 20er-Jahren die wirtschaftliche Lage verschlechterte und die NSDAP mit ihren Ortsgruppen auch in der Provinz daraus Kapital schlagen konnte. Und er erzählt von den wachsenden Spannungen zwischen Christen und Juden, die von den Guntersblumer Nationalsozialisten geschürt wurden und ab 1933 zu Diskriminierungen und massiven Schikanen führten - oft verbunden mit persönlichen Rachegelüsten.

Wachsender Judenhass

Damals entschlossen sich viele Juden, die Provinz zu verlassen. Von der Anonymität einer Großstadt erhofften sie sich Schutz und Sicherheit. Wer blieb, sah sich mit dem wachsenden Hass der Nachbarn konfrontiert. Solidarität angesichts der vom Staat verordneten immer schärfer werdenden Verfolgung war von ihnen nicht zu erwarten. Im Gegenteil. Die Situation eskalierte. Und so sahen die Guntersblumer im November 1938 nicht nur zu, sondern waren aktiv an der öffentlichen Demütigung, an den Plünderungen und Verwüstungen beteiligt.

"Vergangenheit vergeht niemals"

Sven Felix Kellerhoff zeigt auch, wie schwer sich die Guntersblumer mit der Aufarbeitung taten. Jahrzehntelang wurde die Judenverfolgung verdrängt. "Doch Vergangenheit vergeht niemals", schreibt er. Auch wenn es viele Jahre dauert, "bis in Form von Bürgerinitiativen, Gedenktafeln und Publikationen die Aufarbeitung greifbar wird". Seit April 2011 erinnern 23 Stolpersteine auch in Guntersblum an NS-Verfolgte.

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Ein ganz normales Pogrom

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Dumont
Bestellnummer:
978-3-608-98104-9
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 29.08.2018 | 00:00 Uhr