Sophia Kroemers Buch über das Leben nach einer Vergewaltigung

Stand: 18.04.2021 09:00 Uhr

Wie bewältigt man ein Trauma? In ihrem neuen Buch "Dieselbe und doch nicht die Gleiche" schreibt Sophia Kroemer über das Leben nach einer Vergewaltigung.

Wie lebt man weiter nach einer Vergewaltigung? Wie schafft man es, wieder Nähe zuzulassen, sich selbst zu spüren oder den Mitmenschen zu trauen? Die Hamburger Autorin Sophia Kroemer hat ein Buch über dieses schwere Thema geschrieben. Untertitel: "Mein Weg durch das Trauma". Sie hat selbst erlebt, wovon sie erzählt, aber sie hat für ihr Buch bewusst fiktive Figuren erfunden: "Die Verfremdung hat mir geholfen, Abstand zu der Geschichte zu wahren", schreibt Sophia Kroemer im Vorwort, "und trotzdem meine eigenen Gefühle und Gedanken zu verarbeiten und mit einzubringen.

"Dieselbe und doch nicht die Gleiche": Eine Vergewaltigung verändert alles

Ihre Hauptfigur Sakari lernt auf einem Stadtfest einen Jungen kennen. Sakari trinkt zuviel, der Junge nutzt das aus. Danach ist in ihrem Leben nichts mehr wie es war. Und immer wieder kommt das Erlebte zurück: "Es war ein sonniger, warmer Tag. Ein Tag, der gut anfing. Tief in mir hat er nie ein Ende genommen. Ich bin immer noch da, auf dem staubigen überfüllten Platz, zwischen der Menschenmenge, dem Gedränge und Getanze. (...) Ich höre immer noch die tiefe, raue Stimme eines Jungen. "Hey, alles ok bei dir?" Daran zu denken ist wie langsam zu ersticken."

Am Leben, aber nicht wirklich lebendig

Das Buch beginnt einige Monate nach der Vergewaltigung. Sakari wollte sich das Leben nehmen und ist in eine psychiatrische Klinik gegangen: "Die Klinik ist ein sicherer Hafen gewesen, ein Ort zum Ausruhen, aber auch ein Ort zum Leiden." Jetzt sie wieder zu Hause, am Leben, aber nicht wirklich lebendig: "An Tagen wie diesen bewege ich mich überhaupt nicht. Ich bleibe einfach im Bett liegen, mein Körper streikt. Wozu auch? Nichts scheint heute so sinnlos wie aufstehen."

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Cover des Buchs "Was, wenn wir einfach die Welt retten?" von Frank Schätzing. © Verlag Kiepenheuer & Witsch

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Sophia Kroemer schreibt von der Angst, Menschen nahezukommen

Eindringlich beschreibt Sophia Kroemer in ihrem Buch, wie die Tat Sakari verändert hat: Sakari hat Angst, Menschen nahezukommen, Angst, vor jeder Art von Berührungen, Angst, das Wort Vergewaltigung auszusprechen. Sie empfindet Scham, über das, was ihr passiert ist, und Schuldgefühle, weil sie merkt, dass ihre Familie mit ihr leidet. Ihre Eltern, ihr Bruder und ihr Freund wollen ihr helfen. Aber für Sakari ist es unmöglich, diese Hilfe anzunehmen, obwohl sie sich zurück ins Leben wünscht: "Ich vermisse es eine schnulzige Romanze zu gucken und einfach zu flennen. Ich vermisse es, zu lachen. Ich vermisse es, vor Wut jemanden an zu schreien. Ich vermisse das Malen. Und ganz besonders vermisse ich das Tanzen."

Eine Freundin namens Kari

Im Laufe des Romans lernt Sakari langsam, sich wieder ihren Mitmenschen anzunähern. Eine große Hilfe ist ihr freches Alter Ego, das immer wieder unvermittelt auftaucht:  Ein cooles, lebhaftes und selbstbewusstes Mädchen namens Kari. Es ist der Teil von ihr, an den sie selbst lange herankommt. Im Vorwort erklärt Sophia Kroemer, warum sie diese Figur erfunden hat: "Ich denke, viele Menschen wünschen sich eine bessere, zweite Version von sich. Ich habe mir gerne vorgestellt, mit dieser zweiten Sophia sprechen zu können, besonders wenn ich mich allein gefühlt habe. Das war und ist meine ganz eigene Art, mit meinem Trauma umzugehen." Trotz der schweren Thematik, Hauptfigur Sakari nimmt einen von Beginn an mit auf ihrem Weg. "Dieselbe und doch nicht die Gleiche" - ein lesenswertes Buch, das helfen kann, das Unbegreifliche etwas zu verstehen.

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Julia Westlake © Julia Westlake Foto: Katja Zimmermann

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Dieselbe und doch nicht die Gleiche

von Sophia Kroemer
Seitenzahl:
240 Seiten
Verlag:
Fischer
Bestellnummer:
978-3-596-70063-9
Preis:
15,00 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 19.04.2021 | 22:45 Uhr

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