Tobias Haberl  im Porträt © Olaf Unverzart / Piper Verlag

Schriftsteller Tobias Haberl - Wie kann man überzeugend Mann sein?

Stand: 29.08.2022 09:00 Uhr

Der Publizist Tobias Haberl untersucht in seinem neuen Buch "Der gekränkte Mann" den Kultur- und Normenwandel und fragt sich: "Wie kann man heute überzeugend Mann sein - offen und empathisch, aber nicht dressiert und glattgeschnitten?"

Seit vielen Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten kämpfen Frauen um Akzeptanz, Gleichberechtigung und ihre Rolle in Beruf, Familie und Gesellschaft. Manche Erfolge sind geglückt, vieles ist erreicht, aber das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht in Sicht. Wie ist der Blick der Männer auf die komplexen und vielseitigen Geschlechterdebatten? Wie ist ihre Gefühlslage? Wo stehen sie? Diese Fragen versucht Schriftsteller Tobias Haberl in seinem Buch "Der gekränkte Mann" zu beantworten.

In Ihrem Buch "Der gekränkte Mann" sprechen Sie auf den ersten Seiten die Leserinnen und Leser direkt mit einer Vorwarnung an. Da heißt es: "Sie werden auf Reizwörter, provokative Sätze und Tabus, vielleicht auf ganze Passagen stoßen, von denen sie sich angegriffen fühlen. Ziemlich sicher sind mir Fehler und kränkende Halbsätze unterlaufen, die mir gar nicht bewusst sind. Garantiert bin ich zu wehleidig polemisch und einseitig." Im Vorwort liefern Sie schon ganz schön viele vorauseilende Entschuldigungen. Wie groß ist die Sorge, missverstanden zu werden?

Tobias Haberl: Offensichtlich war sie groß, sonst hätte ich mich nicht zu diesen vorauseilenden Entschuldigungen hinreißen lassen. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das machen soll oder nicht. Im Endeffekt habe ich mich dafür entschieden, was aufrichtig ist. Ich habe beim Schreiben oft gedacht, ob ich überhaupt richtig liege. Ist das Buch eigentlich ein wichtiger und differenzierter Beitrag zur Debatte, oder kommt es vielleicht zur falschen Zeit, weil wir gerade andere Probleme haben. Es ist wirklich so, dass ich den Feminismus grundsätzlich unterstütze und das Patriarchat überwinden will. Ich hatte die Sorge, dass ich falsch verstanden werde, gleichzeitig war ich auch ein gebranntes Kind. Ich habe ein, zwei Texte veröffentlicht, in denen ich schon mal im Shitstorm stand. Jetzt steht es im Buch und ich glaube, es kann nicht schaden. Wer das Buch ganz liest, wird merken, dass es ein wirklich differenzierter und sehr aufrichtiger Beitrag zur Debatte ist.

Tobias Haberl  im Porträt © Olaf Unverzart / Piper Verlag
AUDIO: Tobias Haberl über sein Buch „Der gekränkte Mann“ (55 Min)

Sie sagen gerade schon, dass Sie selbst finden, dass der Feminismus eigentlich nicht so schlecht ist und dass wir Geschlechtergerechtigkeit erreichen sollten. Und Sie schreiben, dass es so auch vielen anderen Männern geht. Und dass Sie eigentlich verstanden haben, dass es eine Gleichberechtigung der Geschlechter geben muss, nur mit der Umsetzung haben Sie noch Probleme. Die gewöhnlichen Männer beschreiben Sie als anständig, als harmlos, vielleicht ein bisschen langweilig. Sind die in Ihren Augen in der Diskussion die neuen Diskriminierten, wenn Sie ein Buch über den gekränkten Mann schreiben?

Haberl: Das wäre mir jetzt ein bisschen zu einseitig. Was mich an der Debatte stört, ist, dass immer die Ränder und die Extreme betont werden. Auf der einen Seite sind die Feministinnen, die ich wunderbar finde, trotzdem gibt es Ausnahmen und ich finde, die Leute schießen über das Ziel hinaus, sind zu ideologisch und zu dogmatisch. Grundsätzlich unterstütze ich den Feminismus. Auf der anderen Seite stehen die typischen alten, reaktionären, weißen Männer, die sich mit Händen und Füßen gegen jede Veränderung wehren oder sogar frauenfeindlich oder sexistisch sind. Ich kann mich weder mit der einen, noch mit der anderen Seite identifizieren und glaube einfach, dass die Mehrheit der Männer, vielleicht sogar auch die schweigende Mehrheit, die in der Debatte gar nicht so vorkommt und in den sozialen Netzwerken ein bisschen dazwischensteht. Das sind weder glühende Frauenfeinde noch glühende Feministen. In den vergangenen Jahren habe ich wahnsinnig viel gelernt durch die Debatte, ich bin sensibler und achtsamer geworden. Ich mache nicht mehr jeden dummen Witz, der mir gerade einfällt. Ich profitiere davon, dass das Thema wieder hochgekommen ist. Ich schaue zurück in meine Vergangenheit: Wo habe ich vielleicht was Unrechtes getan oder gesagt? Ich empfinde das als persönlichen Gewinn und bin auch dankbar dafür. Gleichzeitig ist mir die Debatte ein bisschen zu ideologisch und manchmal auch wirklich männerfeindlich geworden. Die 'Me Too Debatte' ist superwichtig, aber danach ist eine Art Verachtungs-Lawine entstanden, als wären Männer für alles Übel der Welt verantwortlich, und als wären Frauen grundsätzlich die Lösung. Das finde ich nicht. Und das sage ich nicht, um Männer zu verteidigen, sondern weil ich uns vor Irrtümern bewahren will und immer wieder für ein Miteinander plädiere und nicht für ein Gegeneinander, in dem vor allem Männer diffamiert, verhöhnt, ausgelacht und für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht werden.

Nun ist es ja so, Herr Haberl, dass Frauen immer noch schlechter bezahlt werden, seltener in Führungspositionen arbeiten und exorbitant häufiger Gewalt durch Männer erleben als umgekehrt. Braucht diese ewige Ungerechtigkeit der Geschlechter nicht auch ein bisschen Kampfgeist, um einen Wandel anzustoßen?

Haberl: Da bin ich voll dabei. Die Autorin Margarete Stokowski hatte mal gesagt: Ein Feminismus, der nicht übertreibt, ist keiner. Ich stimme ihr voll zu, um gehört zu werden, vor allem wenn eine Minderheit oder eine unterdrückte Minderheit gehört werden will, muss sie laut schreien und muss auch nerven. Damit bin ich vollkommen einverstanden. Trotzdem haben die Debatte und die Forderungen teilweise solche Auswüchse angenommen und sind teilweise absurd geworden. Ich nenne mal ein paar Beispiele: Auf einmal ging es darum, dass man nicht mehr H wie Heinrich, sondern H wie Hannover sagen soll, weil sich jemand diskriminiert fühlen könnte. Oder dass das Maskottchen des 1. FC Köln, ein Geißbock namens Hennes, durch eine Ziege ersetzt werden soll, um ein feministisches Zeichen zu setzen. Wenn ich so etwas lese, glaube ich, dass das dazu führt, dass Männer sich von dieser Debatte eher abwenden und keine Lust haben, da mit zu gehen und sagen: Also wenn ihr mir so kommt, dann habe ich auch keine Lust mehr. Ich glaube tatsächlich, dass wir beides parallel denken müssen - den Feminismus, die Selbstermächtigung von Frauen, die Gleichberechtigung, aber auch die Verlustängste und diese Findungsprozesse von Männern, in die sie durch diesen Normenwandel, der gerade abläuft, gestoßen werden. Wenn wir das Eine gegen das Andere ausspielen, glaube ich, verlieren wir die Männer, unsichere Männer, vielleicht nicht so gebildete Männer, Männer, die vielleicht gar nicht so privilegiert sind, wie wir immer meinen, anstatt sie für eine gerechte, ausbalancierte Gesellschaft zu gewinnen. Ich glaube, dass wir bessere Ergebnisse erzielen, wenn wir die Seelenlage der Männer mitdenken.

Das Gespräch führte Juliane Bergmann.

Weitere Informationen
Hans-Helmut Poppendieck, Barbara Engelschall, Christian Kaiser und Carsten Schirarend © mkmedien
55 Min

Barbara Engelschall und Hans-Helmut Poppendieck über Botanische Gartenkunst

1821 wurde am Dammtor der Botanische Garten in Hamburg gegründet. 200 Jahre Gartenkunst und Forschergeist. 55 Min

Eine junge Frau mit dunkel braunen langen Haaren schaut frontal in die Kamera. Sie sieht ernst aus. © Peter Hartwig / courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin Foto: Peter Hartwig / courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin

Malerin Kristina Schuldt: Ihre Bilder sind farbenfroh und großformatig

Die Leipziger Künstlerin Kristina Schuldt gehört in Deutschland zu den interessantesten Malerinnen ihrer Generation. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 29.08.2022 | 13:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Romane

Mehr Kultur

Besucherinnen und Besucher auf Kampnagel © Kampnagel Foto: Anja Beutler

Kampnagel in Hamburg wird 40: "Du wirst den Ort mögen"

Die ehemalige Fabrik hat längst einen internationalen Ruf als eines der wichtigsten Häuser für zeitgenössische Formen von Tanz, Theater und Performance. mehr