Stand: 21.06.2020 20:32 Uhr

"Ich war sofort verrückt nach Mozart. Ich war verliebt!"

von Friederike Westerhaus

Rolando Villazón ist ein Universalkünstler. Als internationaler Opernstar stand er unzählige Male auf großer Bühne, seit 2011 führt er auch selbst Regie. Er ist Intendant der Mozartwoche in Salzburg, Kulturbotschafter für Mexiko und schreibt Romane. Kürzlich erschien sein drittes Buch beim Rowohlt Verlag. "Amadeus auf dem Fahrrad" ist eine humorvolle Erzählung über einen jungen Mann, der an seinem Traum, Opernsänger zu werden, unbeirrt festhält. Vian Maurer zieht sogar nach Salzburg, die Heimatstadt des von ihm so verehrten Wolfgang Amadeus Mozart, um dort einen Teufel in "Don Giovanni" zu spielen. Villazóns Roman ist eine Hommage an den großen Komponisten, die kulturträchtige Festspielstadt und die Liebe zur Opernmusik. NDR Kultur hat sich mit dem Künstler über sein neuestes Werk unterhalten.

Herzlich Willkommen! Sie sind jetzt gerade aus Paris gekommen, das Fliegen war jetzt eine etwas überraschende Erfahrung für Sie, oder?

Rolando Villazón: Dankeschön! Ich bin glücklich, dass ich hier bin. Ja, diese zwei Meter Abstand beim Check-In im Flughafen und bei der Security werden strikt eingehalten. Dann kommt man aber in das Flugzeug und alle sitzen ganz nah nebeneinander. Ich denke mir, wieso geht das nicht in den Konzerthallen? Wieso geht das nicht in den Opernhäusern? Warum dürfen wir nur 50 oder 100 Leute in den Konzerthallen haben? Das geht nicht. Es muss für alle dasselbe gelten. Wenn ich jetzt in Restaurants, Cafés oder die U-Bahn schaue - alles ist voll! Flugzeuge und Züge sind voll. Aber im Theater reicht es nicht aus, nur einen Stuhl freizulassen. Es ist ein bisschen absurd, nur 100 Leute in einem Theater mit einer Kapazität von 2.000 Plätzen zu haben. Das geht nicht. Wenn ein Flugzeug wichtig ist, ist Kultur noch wichtiger!

"Amadeus auf dem Fahrrad" handelt von Vian, einem jungen mexikanischen Sänger, der sich in Salzburg auf die Suche nach seinem Glück begibt. War Salzburg auch für den jungen Villazón so ein Sehnsuchtsort?

Villazòn: Nein. Mein Salzburg-Debüt in 2005 war eine Überraschung, die meine Karriere in eine andere Richtung gelenkt hat. Ich hatte zwar zuvor schon tollte Debüts erlebt, aber "La Traviata" bei den Salzburger Festspielen mit Thomas Hampson, Willy Decker und natürlich Anna Netrebko, war ein unglaublicher Moment für mich persönlich und für meine künstlerische und professionelle Karriere. Erst in diesem Moment habe ich gefühlt, wie wichtig dieses Festival ist. Plötzlich stand ich dort und sagte: "Oh mein Gott, das ist das wichtigste!"

Auch reale Personen, wie Cecilia Bartoli oder Daniel Barenboim, spielen eine Rolle in ihrem Roman. Warum hatten Sie entgegen ihrer vorherigen Romane nun den Wunsch, fiktive mit realen Charakteren zu verbinden?

Villazón: Wenn es um Musik und "The Power of Music" geht, darf keine reine Fantasie vermittelt werden. Es müssen reale Bezugspunkte und echte Momente integriert werden. Cecilia Bartolis Lächeln und das Licht, das sie umgibt, verkörpern gewissermaßen Mozart. Anna Netrebko in einem Blumenkleid auf dem Fahrrad sitzend - all so etwas lässt sich während der Festspiele durchaus beobachten. Es gibt auch Wolfgang, er ist eine echte Person in Salzburg und überaus wichtig. Diese Mischung von Realität und Fiktion finde ich sehr interessant für die Erzählung und auch für mich persönlich, weil ich alle Personen und Orte, die ich in dieser Stadt liebe, abfahre.

Vian verliebt sich Hals über Kopf in die Regieassistentin Julia, die allerdings in einer schrägen Abhängigkeitsbeziehung zu Jacques steht. Vian, dieser junge Mexikaner, was ist das für ein Typ und wieviel steckt da auch von Ihnen drin?

Villazón: Er ist ein Mann auf der Suche nach seiner eigenen Bestimmung. Er träumte davon, ein großer Opernsänger zu werden und plötzlich sagt ihm das Leben, es fehle ihm dafür an Talent. Er befindet sich also gerade in dem Moment der Entscheidung: Wo bin ich? Was ist mein neues Ziel? Er findet sich als Komparse in "Don Giovanni" und versucht das ganz großartig zu machen.
Don Giovanni ist sehr wichtig, denn damit hat meine große Freundschaft zu Wolfgang Amadeus Mozart angefangen. Danach habe ich alle Briefe von Mozart gelesen. Ich war sofort verrückt nach ihm. Ich war verliebt! In diesem Moment ist er mein Freund geworden. Aus 2015 habe ich noch Notizbücher, in denen ich sämtliche Gedanken zu Mozart aufgeschrieben habe. Es gab kein Ziel, ich habe einfach alles, was ich zu ihm im Kopf hatte, aufgeschrieben.
Ich liebe Wolfgang und sage das, weil Sie gefragt haben, wie viel von mir in Vian steckt. Seine Beziehung zu Mozart und wie er Salzburg wahrnimmt - natürlich kommt das von mir!

Don Giovanni ist ausgerechnet in dem Jahr entstanden, in dem Leopold Mozart starb. Inwieweit ist dieses Vater-Sohn-Verhältnis auch etwas, was ihnen aus ihrer eigenen Biografie bekannt ist?

Villazón: Eine Vater-Sohn-Beziehung ist immer interessant - man muss nur Kafka lesen. Mein Vater hatte kein Problem damit, dass ich Sänger wurde. Er hat mich nicht unbedingt unterstützt, aber er hat mich frei gelassen. Vielleicht etwas zu frei (lacht). Ich finde, dass alles, was man in einem fiktiven Buch lesen kann, absolut nicht autobiografisch und unbedingt autobiografisch ist. Alles was da drin ist, kommt von der Erfahrung, den Visionen, den Gefühlen und der Geschichte des Autors.
Fiktion ist wichtig in unserer Zeit, denn wir reden nur noch über Zahlen und Fakten. Zur Zeit des Virus hört man nur noch von Statistiken und wir schauen auf diese Kurve. Das ist eine so makrokosmische Perspektive von allem. Fiktion und Bücher werden dagegen die Geschichte von Personen während der Pandemie erzählen!

Mozart war ja nun wirklich ein Schnellschreiber. Im Kopf war alles schon fertig, es musste nur noch aufs Papier. Ist das bei Ihnen auch so?

Villazón: Der Roman hat fast drei Jahre gedauert und das erste Manuskript hatte 160 Seiten mehr als das finale Buch. Also nein, ich würde mich nicht als ein Mozart beschreiben. Mozart war ein unglaubliches Genie. Allerdings ist auch bei ihm nicht jeder Gedanke eins zu eins auf dem Papier gelandet. Man kann sehen, dass er viele Passagen gestrichen hat. Auch hat er angefangene Stücke in seinem Büro gelassen und ist erst nach Jahren zurückgekehrt, um sie fertigzustellen. Ich finde es schön, dass er zwar eines der größten musikalischen Genies aller Zeiten war, dieses Genie jedoch auch viel Arbeit brauchte. Er ist kein Zauberer, bei dem es "Puff" macht und alles ist fertig.

Weitere Informationen
Cover des Buchs "Amadeus auf dem Fahrrad" von Rolando Villazón © Rowohlt Verlag

Mit Puderperücke gegen den Papa

Der junge Mexikaner Vian will Opernsänger werden, scheitert aber kläglich. Rolando Villazóns neuer Roman "Amadeus auf dem Fahrrad" ist eine Hommage an Mozart und Salzburg. mehr

"Amadeus auf dem Fahrrad". Das Fahrrad steht für Freiheit, das wird ganz klar synonym benutzt. Wie frei ist Mozart denn überhaupt in ihrer Vorstellung gewesen?

Villazón: Er war wohl so frei, wie er es sein konnte. Ich glaube, dass er immer für diese Freiheit gekämpft hat. Natürlich wollte er in einen großen Hof kommen, doch hat dies nicht geschafft - glücklicherweise für uns. Dadurch wurde er zum "Freelancer" in Wien und musste viele verschiedene Stile umsetzen. Die Kirchenmusik war vorbei, es kamen die Kammermusik, Klavierkonzerte und Geigensonaten. Er war darauf angewiesen, Musik zu schreiben und zu verkaufen. Dann kamen die Opern, die er unbedingt wollte. Er sagte: "Wenn ich doch bloß Opern schreiben könnte, dann würde ich nichts anderes mehr machen." Brauchte jemand eine neue Oper, war Mozart zur Stelle. Ich finde es unheimlich mutig von ihm, Salzburg und seinen tollen aber auch strengen Vater und Lehrer zu verlassen. Am Ende heiratete er sogar Constanze - Leopold war auch dagegen. Viele würden dem folgen, was der Vater vorgibt. Nicht Mozart. Er war ein Freiheitskämpfer und das ist wichtig für meinen Protagnonisten. Vian versucht das zu finden, was Mozart im 18. Jahrhundert erreicht hat.

Das gesamte Gespräch von Friederike Westerhaus und Rolando Villazón hören Sie hier:

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur à la carte | 22.06.2020 | 13:00 Uhr

Mehr Kultur

Porträtaufnahme von Axel Milberg. © picture alliance/dpa | Carsten Rehder Foto: Carsten Rehder

Axel Milberg zum neuen Tatort: Frauenhass im Internet

Am Vorabend des internationalen Frauentages sendet das Erste den neuen Kieler Tatort: "Borowski und die Angst der weißen Männer". mehr