Stand: 08.11.2017 18:30 Uhr

Robert Harris Sicht auf das Münchner Abkommen

Der neue Thriller von Robert Harris wirft einen neuen Blick auf das historische Münchner Abkommen vom September 1938. Damals gelang es dem britischen Premier Chamberlain, einen unmittelbar drohenden Krieg zu verhindern. Der begann dann aber doch ein Jahr später. Chamberlains Politik wurde nach dem Krieg als wirkungslose Beschwichtigung ("Appeasement") verlacht. In "München" beschreibt Harris nun die dramatischen vier Tage im Herbst 1938, als die Welt noch einmal an Frieden glaubte.

Woher kommt Ihr Interesse ausgerechnet an dem Münchener Abkommen?

Robert Harris: Ich finde, es ist einfach die aufregendste Geschichte, die man erzählen kann. Mein Buch spielt über vier Tage, und die Geschichte ist dadurch sehr griffig. Es geht um die Abmachung zwischen Hitler und Chamberlain. Und das Ergebnis sieht in Wahrheit anders aus als die meisten Menschen denken. Das wollte ich herausstellen. Es ist wichtig, die Sache mal von einer anderen Seite zu sehen.

In der Wahrnehmung der meisten Menschen war Chamberlains Politik ein Fehlschlag. In Ihrem Buch klingt es aber so, als ob er Hitler ausgetrickst hätte.

Robert Harris: Ganz bestimmt hat Hitlers das so gesehen. Er hat sich noch wochenlang über das Münchner Abkommen beklagt und gesagt, dass die Deutschen, die Chamberlain zujubelten, von ihm getäuscht worden seien. Noch kurz vor seinem Tod hat Hitler gesagt, dass Deutschland schon 1938 in den Krieg hätte ziehen müssen. Hitler wollte damals wirklich Krieg. Er hat nicht nur geblufft. Chamberlain ist es wirklich gelungen, das zu verhindern. Er fesselte Hitler mit vielen kleinen Knoten, Goebbels nannte sie "Modalitäten“, und zwang ihn so zum Frieden. In dieser Hinsicht war das Abkommen eher ein Triumph für Chamberlain als für Hitler.

Ihr Buch basiert auf Fakten. Aber es gibt auch Fiktion. Wo verläuft bei Ihnen die Grenze?

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Der Schriftsteller Robert Harris verarbeitet dramatische Ereignisse der Geschichte zu packenden Romane.

Robert Harris: Ich habe einige Figuren erfunden, zum Beispiel einen jungen Engländer, der mit Chamberlain nach München fliegt, und einen jungen Deutschen, der im Außenministerium arbeitet und Teil der Opposition gegen Hitler ist. Die beiden haben 1930 gemeinsam in Oxford studiert. Ich habe das Buch als Spionage-Thriller angelegt, in dem der Deutsche versucht, seinem alten Freund geheime Dokumente zu übergeben und zu Chamberlain zu gelangen, um die Münchner Konferenz zu stoppen. Ich wollte eine unterhaltsame Geschichte erzählen und gleichzeitig die Historie zum Leben erwecken. Ich habe nichts geschrieben, was nicht hätte passieren können. Ich wollte, dass der Leser das Geschehen durch die Augen dieser beiden Männer wahrnimmt.

Was können wir heute noch von dem Münchner Abkommen und seinen Folgen für unseren Umgang mit Diktatoren lernen?

Robert Harris: München, "Appeasement" und Chamberlain wurden so etwas wie Schimpfworte. Besonders in Amerika benutzt man sie, um Menschen von Gesprächen abzuhalten.

Das Cover des Buches "München" von Robert Harris. © Heyne Verlag

Robert Harris: "München"

NDR Kultur -

In seinem neuen Polit-Thriller "München" schreibt Robert Harris die Geschichte des Münchner Abkommens um.

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Als es um einen Krieg gegen Saddam Hussein ging, wurden Gegner oft als “Appeaser“ beschimpft oder mit Chamberlain in Verbindung gebracht. Ich wollte einfach zeigen, dass das eine Fehldeutung der Geschichte ist. Das Münchner Abkommen war ein ehrenwerter Versuch, den Frieden zu erhalten. Chamberlain wusste, dass ein Krieg, wenn er denn käme, entsetzlich werden würde. Und er dachte, dass er mit jeder Woche und jedem Monat, die er diesen Krieg verzögern könnte, Zeit gewinnen könnte, um die britische Armee aufzurüsten. Als der Krieg dann ausbrach, war Großbritannien geeint und entschlossen. Ich habe also eine Sicht auf die Ereignisse, die zur traditionellen völlig gegensätzlich ist.

Wie beeinflusst bis heute der Zweite Weltkrieg die britische Sicht auf Deutschland?

Robert Harris: Wir können unserer Geschichte nach 80 Jahren nicht so einfach entkommen. Der Sommer 1940, als Frankreich fiel, England allein dastand und die Menschen Churchills Reden hörten, ist bis heute ein enormer Teil der britischen Psyche. Das alles hat auch den Brexit beeinflusst und bedeutet, dass die Briten immer noch anders auf Europa schauen als die meisten unserer europäischen Verbündeten, die im Krieg noch stärker litten. Diese unterschiedlichen Ansichten erklären viele gegenwärtige Probleme.

Das Interview führte Daniel Kaiser, NDR 90,3.

Reportage

Zu Besuch bei Bestseller-Autor Robert Harris

29.10.2017 13:30 Uhr
NDR Info

Im Polit-Thriller "München" schreibt Robert Harris die Geschichte des Münchner Abkommens um. Für die NDR Info Sendung "Echo der Welt" hat der Bestseller-Autor sein Haus geöffnet. mehr

Kurz-Vita: Robert Harris

Der britische Journalist, Sachbuchautor und Schriftsteller Robert Harris wurde 1957 in Nottingham geboren.

Er war BBC-Reporter, Redakteur bei der Zeitung "The Observer" und Kolumnist beim "Daily Telegraph". Auch heute noch schreibt er Kolumnen.

Sein erster Roman "Fatherland" wurde 1992 veröffentlicht, sofort ein Bestseller und in 30 Sprachen übersetzt. In Deutschland erschien "Vaterland" erst 1996. Harris ist Experte für fiktionale Storys auf der Grundlage realer historischer Ereignisse, wie in "Imperium", "Titan" und auch wieder in "Intrige".

"Ghost", ein Roman über den Ghostwriter eines Politikers, wurde 2010 vom Regisseur Roman Polanski mit Ewan McGregor und Pierce Brosnan in den Hauptrollen verfilmt. Für die Drehbuchvorlage für "Der Ghostwriter" erhielten Polanski und Harris den Europäischen Filmpreis.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 08.11.2017 | 19:00 Uhr

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