Stand: 13.07.2020 09:25 Uhr

Die Reiseberichte des Verlegers Siegfried Unseld

von Katrin Krämer

Am 1. Juli war der 70. Gründungstag des Suhrkamp Verlags. Nach dem Tod von Peter Suhrkamp im März 1959 übernahm der gelernte Buchhändler und Suhrkamp-Mitarbeiter Siegfried Unseld die Leitung des Hauses. Er machte es zum größten und wichtigsten der deutschen Verlagslandschaft. In der "Bibliothek Suhrkamp" ist nun eine Auswahl der "Reiseberichte" erschienen, die Unseld in der Zeit zwischen 1959 und seinem Tod im Jahr 2002 verfasst hat. Zusammengestellt hat sie der langjährige, gerade verstorbene Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger.

Cover des Buchs "Reiseberichte" von Siegfried Unseld © Bibliothek Suhrkamp
Siegfried Unselds Dokumente sind ein Stück bundesrepublikanischer Geistes- und Kulturgeschichte.

Wenn Siegfried Unseld etwas dokumentiert hat, dann fast immer mit Hilfe seines Diktafons, Typ "Stenorette SL" der Firma Grundig. Hier hinein hat er seine vorher notierten Gedanken, Ideen und Anweisungen gesprochen. Und das klang dann so:

An den Leiter der Herstellung, Herrn Staudt. Ich erfahre soeben, dass die zweite Auflage von Thomas Bernhard, "Die Auslöschung", erst am 8. Oktober erscheinen soll. Das geht keinesfalls, dieser Roman darf keinen einzigen Tag nicht lieferbar sein.

Mehr als 1.500 Dokumente

Auf diese Weise sind auch die über 1.500 Reiseberichte entstanden, die der Verlagschef geschrieben hat. Anschließend wurden sie von seiner Sekretärin abgetippt und an die Abteilungsleiter und das Lektorat verteilt. Der Zweck war, die Mitarbeiter auf denselben Informationsstand zu bringen.

Denn wenn Unseld aus New York, München, Mexiko, Wien oder Tokio wiederkam, hatte er mit Schriftstellern über Verträge, Geld und neue Manuskripte gesprochen, mit Verlagen über Rechte verhandelt oder mit Politikern auf höchster Ebene über den deutsch-japanischen oder deutsch-russischen Kulturaustausch gesprochen. Wie im September 1997, als er mit einer Delegation von Bundespräsident Roman Herzog nach Moskau fuhr.

Montag, 1. September. Kranzniederlegungen, offizielle Begrüßung durch Jelzin. Vier-Augen-Gespräch Jelzin-Herzog (…) 19.00 Uhr offizielles Essen

Es geht darum, wie man in beiden Ländern die Gegenwartsautoren bekannt machen könnte. Unselds Vorschlag, dafür ein Gremium zu bilden, wird angenommen.

Unseld: Ein einflussreicher Großverleger

Wie einflussreich der Großverleger war, ist aus solchen Protokollen gut herauszulesen. So funktional, wie diese paar Zeilen aus Moskau klingen, sind die Reiseberichte aber nicht immer. Spürbar beeindruckt schildert Unseld den Besuch bei der 79-jährigen, schwerkranken Djuna Barnes, die ihm 1971 in ihrem New Yorker Appartement gegenübertritt.

Sie hatte einen blauen Schlafmantel an und darunter ein himmelblaues Kleid mit blauen Schuhen. Alles sah sehr alt, aber sehr elegant aus Sie erzählte mir von ihrer gegenwärtigen Arbeit. Sie würde nichts anderes als Gedichte schreiben.

Besuch bei Samuel Beckett in Paris

Geradezu erschüttert ist er, als er 1989 Samuel Beckett mal wieder in Paris treffen will. Als Beckett nicht zur Verabredung im Café Francais erscheint, sucht Unseld ihn zu Hause auf. Er findet ihn in einer runtergekommenen Wohnung, gezeichnet von einem Schlaganfall. Nicht ohne Stolz protokolliert Unseld, was Beckett ihm zum Abschied sagt:

"Siegfried, you’re my best publisher." - Er überlegt: "You are the best publisher anyway"

"Suhrkamp-Kultur" hautnah miterlebt

Dass Unseld sich als Verleger begriff, der - wie er selbst betonte - nicht "einzelne Bücher, sondern Autoren" verlegen wollte, dass er sich um sie kümmerte, ihnen zuhörte, ihre finanziellen Probleme regelte, das alles spiegelt sich in diesen insgesamt 35 Reiseberichten wider.

Wenn Unseld von einem Treffen mit Thomas Bernhard erzählt, der seinen Verleger zum Trinken überreden will, dann ist das die viel zitierte "Suhrkamp-Kultur", die man hautnah miterlebt. Unseld, erfährt man, machte aber gerade wieder eine Fastenkur und blieb lieber nüchtern. Zum Glück für das folgende Gespräch, wie sich dann herausstellt, denn Bernhard deutet an, vielleicht den Verlag wechseln zu wollen.

Siegfried Unseld bei Max Frisch in New York

Hochemotional endet auch ein Besuch bei Max Frisch in New York. Am 19. Mai 1971 macht Frisch Unseld nämlich plötzlich schwere Vorwürfe: Zum 60. Geburtstag habe er kein Geschenk bekommen und überhaupt fühle er sich nicht gewürdigt. Unseld ist erschüttert:

Ich hatte bis zu diesem Datum immer darauf gebaut, dass es auch Freundschaft in der Beziehung zwischen Autor und Verleger geben könnte, aber seit diesem Datum weiß ich, dass das vielleicht nicht oder nicht mehr möglich sein kann und dass ich mich darauf einstellen muss, das Rettungsmittel kann nicht Liebe sein, sondern Arbeit.

Reiseberichte: Einblick in die bundesrepublikanische Geistesgeschichte

Siegfried Unselds "Reiseberichte" sind ein Buch der Begegnungen, das uns Einblicke gewährt in die Arbeit - und ins Innenleben - eines charismatischen Handlungsreisenden in Sachen Literatur. Und es ist ein Stück bundesrepublikanischer Geistes- und Kulturgeschichte. Wie gerne würde man doch die verbleibenden 1.465 Dokumente auch noch lesen.

Reiseberichte

von Siegfried Unseld
Seitenzahl:
378 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Bibliothek Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-22451-9
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.07.2020 | 12:40 Uhr

Ein Mann hält einen Stapel Bücher. © NDR
5 Min

Joris-Karl Huysmans: "Gegen den Strich"

Der dekadente Spross eines Adelsgeschlechts, unfähig zu menschlichen Kontakten, zieht sich in sein extravagantes Haus zurück. Sein Lebensstil fördert seine Neurosen. 5 Min

Mehr Kultur

Logos des Oetinger Verlags sind in einem Regal des Geschäfts "Oetinger Kinderträume" auf Buchrücken zu sehen. © picture alliance / dpa Foto: Axel Heimken

Von "Pippi" bis zum "Sams": Der Oetinger Verlag wird 75

Vor 72 Jahren holt Friedrich Oetinger "Pippi Langstrumpf" nach Deutschland. Es ist der Auftakt der Erfolgsgeschichte des Verlags. mehr