Ralf Rothmann: "Hotel der Schlaflosen" © Suhrkamp

Ralf Rothmanns Erzählungen vom "Hotel der Schlaflosen"

Stand: 14.10.2020 10:45 Uhr

Auf dem Buchdeckel von Ralf Rothmanns neuem Buch fliegen zwei Schnee-Eulen und Eulen sind ja - angeblich - erkenntnisfördernde Lebewesen. Umflattern sie deshalb das "Hotel der Schlaflosen"?

von Joachim Dicks

"Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug", behauptet der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Gregor, der Protagonist aus Ralf Rothmanns Erzählung "Die Nacht in der Wüste" kann dies nur bestätigen. Er ist auf dem Weg nach La Paz in Mexiko, wo er an der Technischen Universität Biochemie unterrichtet.

Die Nacht-Eule symbolisiert für Rothmann Lebensängste

In seinem Auto nimmt er erst Sophia mit, dann noch zwei mexikanische Arbeiter. Es ist noch die Zeit, in der sich Menschen zwei Dosen "Corona" anreichen können, ohne an pandemische Folgen zu denken. Bei einer nächtlichen Autopanne in der Wüste begegnet Gregor nicht nur dem mexikanischen Militär, sondern auch seinen Lebensängsten und einer Nacht-Eule.

In der titelgebenden Erzählung "Hotel der Schlaflosen" schlüpft der Autor in die Rolle Wassili Blochins, eines der grausamsten Vollstrecker der stalinistischen Mordpolitik. Mehrere tausend Menschen hat Blochin mit der Pistole erschossen. Auch der Schriftsteller Isaak Babel war eines seiner Opfer.

Ralf Rothmann inszeniert einen Dialog zwischen Blochin und Babel kurz vor der Exekution:

"Literatur darf nicht taktieren, sie sollte ehrlich sein, Genosse Major. Sie hat eine Verantwortung vor dem Leben, vor der Wahrheit."
Da schlug ich mit der Hand auf den Tisch, dass der Wodka aus den Gläsern schwappte. "Das Leben, das Leben, was spuckst denn du hier für Phrasen? Auch der Tötende ist das Leben! Und was hat die Ehrlichkeit für einen Wert, wenn sie nur Unfrieden stiftet?" Da hatte er es tatsächlich geschafft, dass ich mich in Rage redete. Typisch. "Und was heißt das überhaupt, Wahrheit?" "Die reine und letzte Wahrheit, mein Freund, die sagt immer nur eine Kugel." Leseprobe

Viele Erzählungen handeln von der Beziehung zu den Eltern

Allein aus dieser Erzählung hätte Ralf Rothmann auch einen ganzen Roman entwickeln können. Als historische Rekonstruktion fällt sie heraus aus dem Reigen der insgesamt elf Erzählungen. Alle anderen führen entweder, wenn nicht nach Mexiko, in die Umgebung seiner Wahlheimat Berlin oder in die Zeit seiner Kindheit und Jugend, die er überwiegend im Ruhrgebiet verbracht hat.

In "Geronimo" etwa beschreibt er die eher distanzierte Beziehung eines Jugendlichen zu seinem Vater, ganz ähnlich, wie es Rothmann auch in seinem wohl erfolgreichsten Roman "Im Frühling sterben" gelungen ist:

Es war dieses überraschende, in meiner Kindheit kein dutzend Mal erlebte, aus der grauen Aura seiner Melancholie hervorstrahlende Lächeln, in dem ich zu lesen meinte, dass es nicht nur Arbeit und Enge in unserm Leben gab, die sorgenvolle Alltäglichkeit, sondern auch ein tief verschüttetes Glücksvorkommen, etwas Geheimes, das sich im richtigen Moment in Wohlwollen für alle und jeden verwandelte. Ich zumindest fühlte mich bei diesem Lächeln stets, als würden Eimer voll goldenen Lichts über mich geleert. Leseprobe

Als Motto für sein Buch hat Ralf Rothmann eine Liedzeile von John Cale vorangestellt: "Fear is a man’s best friend." - Angst ist der beste Freund des Mannes. Aber die Erzählungen zeigen auch, dass die Angst nicht nur ein Freund ist, sondern auch zerstörerisch.

Die Geschichten sind weder tröstend noch beschönigend

"Auch das geht vorbei" erzählt die Geschichte eines Mädchens, das von ihrer Mutter viele Jahre misshandelt wird und dann als Erwachsene noch einmal zu ihr fährt. Die Mutter sagt ihr nur wenige Sätze:

Du kannst dich nicht beklagen, hast keinen Krieg erlebt, keine Russen, als du fünfzehn warst. Mit Angelgarn wurde ich da unten zusammengenäht, ohne Narkose! Nach diesen dreckigen Kerlen in den blutigen Uniformen ohne Narkose, es gab ja nichts. Und Jahre später kommst du zur Welt und reißt alles wieder auf.  Leseprobe

Ralf Rothmann beschönigt nichts. Er will auch nicht trösten. Im Gegenteil. Er fordert seine Leserschaft dazu auf, sich nichts vorzumachen. Zugleich ist er voller Empathie für seine Protagonisten, für die vermeintlichen Verlierer und die vom Leben Gepeinigten.

In "Der dicke Schmitt" erzählt er von Elmar, der sich auf dem Bau abschuftet und raubauzig mit seinen Untergebenen umgeht, aber wenn es um seine behinderte Tochter geht, öffnet sich sein Herz ins Unendliche. "Der Wodka des Bestatters" bringt den 70-jährigen Egon unter die Erde. Er hat seinen Vater nie kennengelernt, weil der als 23-jähriger bei einem Grubenunglück ums Leben gekommen ist. Erst jetzt wird der Leichnam des Vaters geborgen, und Egon holt ihn als Bestatter ab.

Tiefe Trauer durchzieht diese Geschichten. Manchmal auch Wut. Hin und wieder auch Heiterkeit. Immer aber stecken sie voller Leben.

Hotel der Schlaflosen

von
Seitenzahl:
200 Seiten
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42960-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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