Stand: 08.05.2020 09:50 Uhr

Essays zum Zeitgeschehen der letzten 30 Jahre

von Lisa Kreißler

Ende der 60er-Jahre war Peter Schneider Teil der linksradikalen Berliner Studentenbewegung. Damals suchte er aktiv und laut die politische Auseinandersetzung. In den 70er-Jahren entdeckte er das Schreiben als Mittel der Stellungnahme. Mit seiner Erzählung "Lenz" über die 68er-Bewegung wurde er einem größeren Publikum bekannt. Es folgten weitere Erzählungen und Romane.

Peter Schneider: "Denken mit dem eigenen Kopf" © Kiepenheuer & Witsch
Der Autor beschäftigt sich gern mit Irrtümern bei der Bewertung politischen Geschehens.

Vor allem aber wirkt Peter Schneider bis heute als kritischer Essayist in allen großen Zeitungen. Im April hat er seinen 80. Geburtstag gefeiert. Bei Kiepenheuer & Witsch ist nun unter dem Titel "Denken mit dem eigenen Kopf" eine Sammlung seiner Essays aus den letzten 30 Jahren erschienen.

Im Jahr 1994 fliegt Peter Schneider mitten im größten Kriegstreiben nach Sarajevo, um eine Dokumentation für die ARD zu drehen - im Gepäck eine kugelsichere Weste. Am Flughafen erwartet ihn ein Fahrer in einem VW-Käfer mit zerschossenen Scheiben. Mit Superheldengeschwindigkeit rast er in die Stadt, um seinen Fahrgast vor den Schüssen der serbischen Sniper zu beschützen. Am Hotel angekommen, schenkt Schneider seinem Fahrer seine Sicherheitsweste.

Provokanter Kritiker des politischen Geschehens

In Peter Schneiders gesammelten Essays geht es im Kern genau um dieses Risiko: Die Schutzweste nicht anzulegen und sich verwundbar mitten hinein zu begeben, in den Sturm der gefährlichen Gedanken. Denn:

Wenn man ein Problem aus politischer Rücksicht nicht benennen darf, kann man es auch nicht lösen. Leseprobe

Sein Artikel "Die serbische Barbarei und unsere", in dem Schneider das Zuschauen Europas beim Völkermord in Jugoslawien kritisiert, ist nicht der einzige, der ihm den Ruf eingebracht hat, ein Provokateur zu sein.

Der eigene Verstand zeigt Überlebenswege

"Denken mit dem eigenen Kopf" ist mehr als eine Geschichtsstunde. Zwar erfährt der Leser viel über das weltpolitische Geschehen, vom Mauerfall über den Jugoslawienkrieg und den Einmarsch der Amerikaner in den Irak bis zur neu erstarkten Fremdenfeindlichkeit der rechtspopulistischen Bewegungen heute, in ihrer uneitlen Neugier versammeln sich Schneiders Texte aber vielmehr zu einer Einladung, in die Tiefe zu gehen und dabei niemals den eigenen Verstand zu unterschätzen.

Sicher ist, dass dein und unser aller Verstand - diese von Kant so leidenschaftlich verteidigte "Mitgift der Natur" - das einzige Instrument im Universum ist, das imstande ist, uns einen Weg zum Überleben zu zeigen. Leseprobe

Aufschlussreiche Erfahrungen in den USA

Peter Schneider hat viel Zeit in den USA verbracht. Hinreißend sind seine Versuche, die deutsche Identität im Spiegel des mächtigen transatlantischen Gegenübers zu umreißen.

Vor einigen Jahren, als ich zum ersten Mal für längere Zeit in die USA reiste, gab mir eine landeskundige Freundin die folgende Faustregel auf den Weg: Wer in den USA frisch zur Tür reinkommt, bekommt erst einmal zehn Punkte gutgeschrieben, die er sehr rasch auf null bringen kann. In Deutschland fängt er mit minus zehn Punkten an und hat dann die faire Chance, sich allmählich gegen null hochzuarbeiten. Leseprobe

Amerikaner haben eine begrenzte Toleranz

Schneider spricht sich für das amerikanische Modell der Vorschusslorbeeren aus. Trotzdem stellt er kritische Fragen an die Wahrnehmung der Amerikaner und deckt damit interessante Toleranzgrenzen im Land der großen Freiheit auf.

Sein Text "Versuch, in den USA nicht als Deutscher aufzufallen. Und warum es nicht funktioniert" untersucht den Eindruck, dass ein Deutscher in den USA fast ausschließlich im Hallraum des Nationalsozialismus wahrgenommen wird. Der Text wurde in den 90er-Jahren nur unter großen Schmerzen der Redaktion in der "New York Times" gedruckt.

Der Zweite Weltkrieg ist in fast allen Essays Dreh- und Angelpunkt der Argumentation. Aber Schneider macht einen Unterschied zwischen der Anerkennung einer historischen Wirklichkeit und ihrer beweglichen Bedeutung im Spannungsfeld der Ereignisse der Gegenwart.

Plädoyer für die Meinungsfreiheit

Peter Schneider traut sich, genau hinzusehen, notfalls in die ungeliebte Opposition zu gehen, oft arbeitet er mit dem Widersprüchlichen. Seine Weitsicht macht deutlich, dass es in keinem Krieg eine moralisch einwandfreie Lösung gibt, und dass jeder noch so überzeugende Konsens gefährlich werden kann, wenn man ihn nicht ständig neu befragt.

"Denken mit dem eigenen Kopf" ist ein Buch über einen der wichtigsten Werte der Demokratie: die Meinungsfreiheit. Peter Schneiders Gedanken sind oft unbequem, weil sie die Schwächen etablierter Meinungen offenlegen. Am Ende mündet aber all seine Kritik in seinen eigenen vitalen Glauben an die Kraft der Idee Europas.

Im Ernst: Haben wir etwas Besseres zu verteidigen als eine Lebensform, die die Freiheitsrechte des Individuums auf ihre Fahnen schreibt? Gibt es irgendeine Alternative auf diesem Planeten, der irgendein Mensch mit Lebenslust und Verstand den Vorzug geben würde? Leseprobe

Denken mit dem eigenen Kopf

von Peter Schneider
Seitenzahl:
368 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05379-1
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.05.2020 | 12:40 Uhr

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