Stand: 05.03.2018 10:00 Uhr

Peter Härtlings letztes Buch

Der Gedankenspieler
von Peter Härtling
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Bevor Härtling ab 1974 als freier Autor arbeitete, war er Chef-Lektor beim S. Fischer Verlag. Sein letztes Buch heißt "Der Gedankenspieler".

Im vergangen Jahr, im Sommer, starb der Schriftsteller Peter Härtling im Alter von 83 Jahren. Viele erinnern sich lebhaft an seine Kinder- und Jugendbücher: "Das war der Hirbel", "Ben liebt Anna" oder "Krücke". Manche kennen seine Gedichte und haben seine Romane geliebt, in denen es oft um große Figuren der Kulturgeschichte ging. Posthum erscheint jetzt sein letzter Roman mit dem Titel "Der Gedankenspieler", den der Schriftsteller kurz vor seinem Tod beendet hat.

Die letzte Lebensphase eines Mannes

Dieser letzte Roman beschreibt tatsächlich auch die letzte Lebensphase eines Mannes. Als ob der Künstler Peter Härtling sich selbst dabei zugesehen und alles notiert hätte und dann doch variiert, verdichtet und in eine Kunstfigur verwandelt. Er nennt seine Hauptfigur Johannes Wenger. Wenger war einmal Architekt und schreibt noch immer, soweit es seine Kräfte erlauben, über Architektur.

Er ist gestürzt und nun auf fremde Hilfe und einen Rollstuhl angewiesen. Wenger ist ein Griesgram, einer, der anderen vor den Kopf stößt, die ihm Gutes tun wollen. Einer, der es schwer hat zuzugeben, dass er es allein nicht mehr schafft. Wenger ist ein Eigenbrötler, ein Einsamkeitsverkoster, der Häuser gebaut hat und selber unbehaust blieb. So beschreibt er sich in einem Brief an seinen Hausarzt, der eine Art Rechtfertigung dafür ist, dass er sich selbst als veritable Zumutung empfindet.

Ein Roman wie ein Brief

Dieser Brief wird durch den ganzen Roman hindurch immer weiter in die Kindheit von Wenger fortgeschrieben. So erzählt er dem Arzt Mailänder auch vom großen Trauma seiner Kindheit. Auch seinem Alter Ego Johannes Wenger ist das zugestoßen, was die größte Verletzung im Leben von Peter Härtling war. Seine Mutter hat sich das Leben genommen. Ihre beiden Kinder, Peter Härtling und seine Schwester, waren allein mit ihr in der Wohnung, während sie mit Tabletten vergiftet drei Tage lang starb, ohne dass Hilfe kam.

In einem Interview, das Peter Härtling zu seinem 60. Geburtstag gegeben hat, sagte er dazu: "Wir haben beide als Kinder schon begriffen, in einer Zeit, in der es Flucht gab, in der mein Vater schon gestorben war in Kriegsgefangenschaft, in der wir flüchten mussten, in Städte kamen, die wir nicht kannten, zu Menschen kamen, die uns unendlich fremd und auch nicht freundlich gesonnen waren, wir begriffen, dass unsere Mutter erschöpft war. Dass die Erschöpfung mit solch einem Akt endete, auch enden musste, hat uns beide, glaube ich, unendlich verwirrt, durcheinander gebracht, und ein Trauma, eine Verletzung ist, glaube ich, in uns beiden geblieben."

Schicksalsschläge in Mitgefühl verwandeln

Peter Härtling war eine große, starke Persönlichkeit und konnte Schicksalsschläge in Güte und Mitgefühl für andere verwandeln, in Respekt vor den Lebensgeschichten, die Menschen mit sich herumtragen: "Vor allem bei Kindern sind solche Verletzungen oft sehr langwierig und schließen sich schlecht. Deswegen gehe ich mit Menschen, soweit es mir möglich ist, halbwegs aufmerksam um. Ich finde immer, Aufmerksamkeit ist eine wunderbare Stufe der Freundlichkeit."

So schließt man in dem Roman "Der Gedankenspieler" auch den Miesepeter Johannes Wenger irgendwann ins Herz und würde ihm gern so begegnen, wie es sein Hausarzt tut, der diesen Patienten, mit dem er sich längst befreundet fühlt, in die Osterfeien mit seiner Familie einlädt. Was für ein weltumarmender Vorschlag für eine Gesellschaft, in der sich so viele über Einsamkeit beklagen - ohne jede Gefühlsduselei in Romanform gegossen.

Der Gedankenspieler

von
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05177-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.03.2018 | 12:40 Uhr

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