Stand: 28.04.2019 12:40 Uhr

Ein Hotel als Essenz des Universums

Der Mann mit der magischen Kamera
von Pedro Badrán, aus dem Spanischen von Peter und Rainer Schultze-Kraft
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Mit seinem Roman lässt der Autor den Ort seiner Jugend atmosphärisch wieder aufleben.

In Kolumbien ist er schon längst ein angesehener Schriftsteller, in Deutschland war er bisher nahezu unbekannt: Pedro Badrán. Der Schweizer Verlag edition 8, der sich seit vielen Jahren besonders um die kolumbianische Literatur bemüht, will das ändern. Nun liegt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung ein Buch von Badrán vor, und zwar der Roman "Der Mann mit der magischen Kamera".

Ein Fotograf mit einer Mission

"Meine Fotos sollen dieser Geruch nach Feuchtigkeit sein, der Riss in der Wand, das Maunzen der rolligen Katze, die Laken des Hotels, das Sirren eines Moskitos im Zimmer, die Brise, die durch den Patio weht." Leseprobe

Tony Lafont, die Hauptfigur in Pedro Badráns Roman "Der Mann mit der magischen Kamera", hat sich in den Kopf gesetzt, mit mehreren Tausend Polaroid-Aufnahmen ein aus der Zeit gefallenes Hotel der kolumbianischen Küstenstadt Cartagena zu fotografieren und dadurch das Universum einzufangen. Denn in diesem Hotel spiegelt sich Lafont zufolge das ganze Sein.

Im Roman, den Peter und Rainer Schultze-Kraft tadellos ins Deutsche übertragen haben, ist Lafont verschwunden, aber durch seine Aufzeichnungen und Fotos und in der Erinnerung der anderen Figuren allgegenwärtig.

Chronist eines Hotels in Cartagena

Ein junger Mann, der vom Verkauf von Drahteulen mehr schlecht als recht lebt; eine Jongleurin, deren traurige Verbindung erst am Ende des Romans klar wird; der Rezeptionist, der mit Tony Lafont befreundet war - alle warten sie sehnsüchtig auf die Rückkehr des Fotografen, während das Hotel vor dem Aus steht.

Pedro Badrán hat sich für sein Buch von einem realen Hotel in Cartagena inspirieren lassen: "Ich bin gewissermaßen ein Chronist des Hotels. Ich bin da praktisch aufgewachsen, hatte da Freunde. Ich hatte in diesem Hotel eine wunderbare Zeit als Jugendlicher, weil ich über diesen Ort mit der Welt verbunden war: Ins Hotel kamen viele Hippies, Ausländer, Künstler und viele Wahnsinnige, Verrückte."

Tony wollte nicht nur Bilder von den Zimmern haben, sondern auch von den Gästen, den gegenwärtigen und den ehemaligen, von allen, die je im Hotel abgestiegen waren, und sei es nur für eine Nacht, und deshalb müsse er in einigen Jahren um die Welt reisen, um alle Gäste aufzuspüren, Männer und Frauen, keiner darf fehlen, […] keiner, sagte er in seinem Schaukelstuhl, die weit offenen Augen aufs Meer gerichtet und mit seiner magischen Kamera um den Hals. Leseprobe

Erzählung aus verschiedenen Perspektiven

Dadurch, dass Badrán sich der Figur des Tony Lafont nicht über einen allwissenden Erzähler nähert, sondern aus den verschiedenen Perspektiven der anderen, wird der Fotograf zu einer quasi mythischen Gestalt. Das macht zum einen den Reiz des Romans aus. Zum anderen versteht es Badrán, das karibische Cartagena, den Ort seiner Jugend, atmosphärisch aufleben zu lassen und die Figuren mit ihren charakterlichen Eigenheiten plastisch zu zeichnen. So wie Lascario. Der geht Affären mit Touristinnen ein, um sie später schriftlich um Geld für seine angeblich kranke Mutter zu bitten.

Die Gringas schicken dann natürlich ein paar Dollar, und wenig später kommt er in einem neuen Tropenhemd an, mit Terlenkahosen, Lackschuhen und Sonnenbrille. Seit zwei Jahren lebt Lascario von diesen Krankheiten, zwei Leukämien, einer Bauchspeicheldrüsenentzündung, drei Thrombosen, einer Blutvergiftung, vier Fällen von Hepatitis, fünf Lungenentzündungen, einem Herzstillstand, einer zerebralen Ischämie und vier Niereninsuffizienzen, die eine kostspielige Dialysebehandlung erforderten. Leseprobe

Pedro Badrán ist mit "Der Mann mit der magischen Kamera" ein beachtlicher Roman gelungen, eine Liebeserklärung an ein altmodisches Hotel, das Menschen nicht nur beherbergt, sondern auch ihre Geschichten einfängt. Nach der Lektüre geht einem Tony Lafont nicht mehr aus dem Kopf, dieser getriebene Künstler, der seinen Weltschmerz lindert, indem er die Essenz des Makrokosmos im Mikrokosmos eines Hotels zu fotografieren versucht.

Der Mann mit der magischen Kamera

von
Seitenzahl:
220 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
edition 8
Bestellnummer:
978-3-85990-359-3
Preis:
22,20 €

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