Buchcover: Uwe M. Schneede "Paula Modersohn-Becker. Die Malerin, die in die Moderne aufbrach" © C.H. Beck Verlag

Radikal neue Sicht aufs Werk der Malerin Paula Modersohn-Becker

Stand: 21.09.2021 06:00 Uhr

Der Hamburger Kunstwissenschaftler Uwe Schneede hat eine Monographie über Paula Modersohn-Becker vorgelegt, die seine Sicht auf die Künstlerin in einer reich bebilderten Biografie festigen soll.

von Anette Schneider

"Egoismus" wird Frauen heute noch gern vorgeworfen, wenn sie ihren Weg gehen. 1897 wurde damit auch die 21-jährige Paula Modersohn-Becker konfrontiert, die sich gegen den Willen der Familie entschied, Malerin zu werden:

"Ihr müsst mich schon alle mit meinem Egoismus nehmen, ich werde ihn nicht los, er gehört zu mir wie meine lange Nase." Paula Modersohn-Becker

Eine ungewöhnliche Monographie

Dieser jungen, mutigen Frau widmet der Kunstwissenschaftler Uwe Schneede jetzt eine ungewöhnliche Monographie, in der er die Künstlerin als "Pionierin der Moderne" zeigt.

Diese radikal neue Sicht auf das Werk Paula Modersohn-Beckers stellte der ehemalige Leiter der Hamburger Kunsthalle erstmals 2014 zur Diskussion. Drei Jahre später belegte er seine Entdeckung in einer Ausstellung. Jetzt schreibt er sie in der Monographie fest, die das Werk der Künstlerin konsequent aus ihrer Zeit heraus interpretiert und würdigt. "Die ganz große, künstlerische Leistung ist, dass sie zwischen dem 19. Jahrhundert, verkörpert etwa durch Liebermann, den schon überlebten Realismus und auch späten Impressionismus, und den jungen Avantgarden, die erst nach ihrem Tod wirklich aktiv wurden, ein ganz eigenes und eigensinniges Werk auf die Beine gestellt hat", erklärt Uwe Schneede.

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Ausschnitt aus einem Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker (1897). © picture-alliance / P.Modersohn-Becker Mus. Bremen

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Erkenntnisreiche Aufenthalte in Paris

Das umfangreiche Quellen- und Bildmaterial führt genuss- und erkenntnisreich vor Augen: Möglich wurde diese künstlerische Entwicklung nur durch ihre Aufenthalte in Paris. Die Zitate aus Briefen und Tagebüchern der Künstlerin, die abschätzigen Verrisse deutscher Kollegen, sowie die radikal neuen, kunsttheoretischen Überlegungen ihrer französischen Zeitgenossen reißen Paula Modersohn-Becker förmlich aus der geistigen Worpsweder Enge und betten sie ein in die Metropole der künstlerischen Avantgarde, in der sie bei mehreren Aufenthalten zwischen 1900 und 1906 Cezanne entdeckte, Gauguin, die Fauves, sämtliche Pariser Museen.

"Sie hat in Paris keine oder so gut wie keine Freundschaften", erzählt Schneede. "Sie ist allein. Schon verdammt mutig als Frau in dieser Zeit. Sie beschäftigt sich aber dauernd mit der Kunst, geht in akademische Kurse, an denen sie in Paris teilnehmen kann, und lernt dort, will dauernd lernen."

Faszinierende Experimentierfreude

120 Abbildungen, darunter viele fast unbekannte Arbeiten, faszinieren durch ihre Experimentierfreude. Immer wieder kreiste sie dabei um die Idee der "groben Einfachheit der Form", mit der sie über das Abbildhaft-Realistische hinausging und eine eigene Bildwelt entwickelte. Wie etwa bei den Figuren ihrer Kinderbildnisse, denen sie durch Zugaben wie Blumen oder Früchte rituellen Charakter verlieh. 

"Sie versucht die Kunst in ihrer groß-umfassenden Bedeutung figürlich zusammenzuhalten, in einem Moment, in dem die Kunst international - vor allem auch in Frankreich - zur Spezialisierung und Abstraktion ansetzt", so Schneede. "Sie erneuert aber dabei für sich selbst, unter dem Eindruck der aktuellen französischen Künstler, die Bildmittel zur Vergegenwärtigung ihrer Figuren."

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Eine lange missverstandene Künstlerin

Schrecklich zu lesen ist, wie allein sie bei all dem war: In Worpswede missverstanden, von ihrem Mann verkannt, von der Kritik verrissen, in Paris ganz auf sich gestellt. Da wirkte 1906 die Begegnung mit dem Architekten Bernhard Hoetger wie eine Befreiung: "Ich glaube, das ist für ihr Leben und vor allem für ihre Kunst etwas so Entscheidendes, dass man es gar nicht überschätzen kann: Da ist ein anerkannter Künstler, der in Paris schon eine Weile lebt, und dieser sagt ihr nun, dass sie eine große Begabung hätte und nimmt das Besondere ihrer Kunst wahr, auf eine sehr freundschaftliche und unterstützende Art und Weise", sagt Schneede.

Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde sie ermutigt, ihren Weg zu gehen. Da blieben ihr noch eineinhalb Jahre, bis sie 1907, mit erst 31 Jahren, starb. So entstand in nur zehn Jahren ein Werk, dass - wie Uwe Schneede in seinem berührenden Buch nun erstmals umfassend und nachvollziehbar belegt - die lange so schrecklich missverstandene Paula Modersohn-Becker zu einer Malerin machte, die "in die Moderne aufbrach".

"Paula Modersohn-Becker. Die Malerin, die in die Moderne aufbrach"

von Uwe Schneede
Seitenzahl:
240 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
C. H. Beck Verlag
Bestellnummer:
978-3-406-76045-7
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.09.2021 | 18:00 Uhr

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