Stand: 25.01.2017 12:40 Uhr

Ein Dorf sucht einen Mörder

Bogmail
von Patrick McGinley, aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Bei Erscheinen des Buchs 1978 in Irland kam es zu einem Sturm der Entrüstung, wegen angeblicher Beleidigung der Landbevölkerung.

Dass "neue Bücher" nicht zwingend ganz neu sein müssen, beweist derzeit einmal mehr der Göttinger Steidl Verlag. Da ist jetzt nämlich der seinerzeitige Debütroman des mittlerweile knapp 80-jährigen Iren Patrick McGinley erstmals auf Deutsch erschienen: "Bogmail. Roman mit Mörder". In Irland sind die 'Nachrichten aus dem Sumpf' bereits vor fast 40 Jahren veröffentlicht worden und haben damals hohe Wellen geschlagen, die erst jetzt nach Deutschland schwappen.

Übersetzung mit viel Sinn für Lokalkolorit

Ob Harry Rowohlt - Gott hab ihn selig oder vielleicht auch Pu, der Bär - ob Rowohlt also diesen Roman jemals in den Händen gehalten hat? Wahrscheinlich nicht! Sonst hätte er wohl gebrummelt "hätte ich auch nicht besser schreiben können" oder sogar "wunderbar" - und sich dann gleich daran gemacht, diesen "Roman mit Mörder" auf seine ihm eigene Rowohlt-genialische Art ins Deutsche zu übertragen. Aber aus welchem Grund auch immer scheint ihm "Bogmail" von Patrick McGinley durchgerutscht zu sein. Und das, obwohl er schon 1978 erschienen ist und heute zu den Klassikern zeitgenössischer irischer Literatur zählt.

Übersetzt worden ist er trotzdem nie. Bis jetzt, da ihn Hans-Christian Oeser ins Deutsche übertragen hat. Wahrscheinlich mit rowohltscher Lust und Leidenschaft, jedenfalls mit unfassbar viel skurrilem Lokalkolorit - lebt der Übersetzer Oeser doch seit Jahrzehnten selbst genau dort, wo der Roman spielt und versteht deshalb nicht nur diese komische irische Sprache, sondern auch, was die, die sie sprechen, damit meinen. Eine Meinung haben sie alle, die Figuren in McGinleys Roman, der in großen Teilen in Roatys Pub spielt, wo Tag für Tag dieselben Männer einkehren, Männer - so heißt es - die an Felsen und einsame Bergstraßen erinnern.

Tresen-Thema für die "Klugscheißer"

Selbst im Zwielicht des Pubs behielten sie ihre tief ins Gesicht gezogenen Schirmmützen auf, und obwohl man mitunter sah, dass sie darunter hervorblinzelten, hatte ihr Blick etwas Unnachgiebiges, als glaubten sie, durch Beobachtung den beobachteten Gegenstand verändern zu können. Ihre hageren Gesichter waren mit Spinnennetzen tief eingegrabener Falten überzogen, die sich von den Augenwinkeln verzweigten oder kreuz und quer über ein stoppeliges Kinn verliefen und den edlen Gleichmut ausdrückten, mit dem sie den unablässigen Widrigkeiten des Lebens begegneten. Leseprobe

Da sitzen die "Klugscheißer aus dem Dorf" - wie McGinley sie durchaus liebevoll nennt - Abend für Abend, trinken Whiskey um Whiskey, Pint um Pint und führen Gespräche über Schafe, Wildenten und Brachvögel oder auch den Sinn des Seins und die Welt des Wissens - hier irgendwo im irischen Nirgendwo, wo Roaty einen der beiden ortsansässigen Pubs führt. Er, Roaty, ist der Mörder. Das wissen wir Leser von der ersten Seite an. Die anderen wissen es nicht. Außer einem, dem "Bogmailer" (eine Zusammensetzung aus 'Bog', Moor, und 'Blackmailer', für Erpresser).

Auf den Mord folgen Erpresser-Mails

Dieser Bogmailer muss Roaty gesehen haben, nachdem er nachts seinen Hilfskellner Eales ("Eales war das Böse. Er musste vernichtet werden.") mit einem Band seiner völlig veralteten "Encyclopædia Britannica" erschlagen und dann im nahen Torfmoor vergraben hat.

Es war ein perfekter Mord, ein Triumph der Intelligenz unter schwierigsten Bedingungen. Und statt wie MacBeth "heftigen Gram" zum Opfer zu fallen oder "jener giftgen Last, / die schwer das Herz bedrückt", hatte seine Auffassungsgabe sich beinah noch gesteigert, seine Lebensfreude sich noch verstärkt. Leseprobe

Ganz so perfekt kann der perfekte Mord wohl doch nicht gewesen sein. Jedenfalls kommt ihm jemand auf die Schliche. Aber wer von seinen Stammgästen hätte so viel Sprachwitz, wie in jeder einzelnen "Bogmail" aufblitzt? Natürlich gebraucht ein "Roman mit Mörder" auch einen Kommissar, ganz klar. Den gibt es auch, doch dummerweise hat Sergeant McGing es vor allem auf Schwarzbrenner abgesehen und hofft mit einem Coup in dieser Richtung einmal ganz groß rauszukommen.

Man muss sich nur einmal dieses dörfliche Panoptikum großartiger Gestalten anschauen, dann ahnt man schon, womit man es hier zu tun hat. Zum Schluss ist es eigentlich völlig egal, wie es zu Ende geht. Schade ist nur, dass es zu Ende geht und man in dieser illustren Runde nicht noch einen weiteren, letzten Whiskey nehmen kann.

Bogmail

von
Seitenzahl:
344 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Steidl
Bestellnummer:
978-3-95829-208-6
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.01.2017 | 12:40 Uhr

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