Pascale Hugues: "Mädchenschule" (Cover) © Rowohlt

Pascale Hugues über ein Klassentreffen: "Mädchenschule"

Stand: 29.12.2021 14:36 Uhr

Wenn der Höhepunkt des eigenen Lebens überschritten ist, gewinnt die Vergangenheit an Bedeutung. Bilder, Erinnerungen und Gefühle tauchen wieder auf. Darum geht es auch in dem Buch "Mädchenschule" von Pascale Hugues.

Pascale Hugues: "Mädchenschule" (Cover) © Rowohlt
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von Heide Soltau

Angefangen hat alles mit dem Klassenfoto, das ihr eines Tages in die Hände fiel. Brav sitzen die Mädchen in ihren Bänken und blicken lächelnd in die Kamera. Myriam, Catherine, Anne-Marie - von allen wusste sie noch die Namen, erzählt Pascale Hugues. Wirklich von allen! Und dann gab es da noch das mit Schottenstoff eingebundene Poesiealbum, das ihr die Großmutter 1968 zum neunten Geburtstag geschenkt hatte.

Poesiealben sind ein Überbleibsel deutscher Kultur im Elsass

"Es ist ein Überbleibsel der deutschen Zeit im Elsass. Als die Franzosen nach dem Krieg zurückkommen 1945, ist das wirklich eine kulturelle Säuberung des Elsass. Alles, was Deutsch ist, muss verschwinden. Aber das Poesiealbum wird vergessen. Deswegen haben Elsässerinnen wie die kleinen Deutschen Poesiealben gehabt", erzählt die Autorin.

Aber nur jene Elsässerinnen, deren Eltern es sich leisten konnten, Geld für so etwas auszugeben. In ihrer Klasse besaßen längst nicht alle ein Poesiealbum. Die Grundschule Sainte Madeleine lag im armen Krutenau-Viertel, damals noch ein unsanierter Stadtteil mit Fachwerkhäusern und engen, feuchten Wohnungen und Toiletten im Hof.

"Das Frankreich Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre war noch sehr arm. Manche hatten nicht genug zu essen. Der Vater wurde einmal die Woche bezahlt, am Freitag. Und Donnerstagabend gab es manchmal Milch und Brot. Roseline erzählt: zum Frühstück gab es entweder Brot und Butter, oder Brot und Marmelade, aber nie beides zusammen", berichtet die Autorin.

Roseline war eine sehr gute Schülerin, die später nur aufs Gymnasium gehen durfte, nachdem sich die Lehrerin bei ihrer Mutter dafür eingesetzt hatte und ein Stipendium organisierte.

Gedankenaustausch mit ehemaligen Klassenkameradinnen

Mit zwölf ihrer ehemaligen Mitschülerinnen hat Pascale Hugues für ihr Buch Gespräche geführt, zunächst einzeln, dann in der Gruppe. Was ist aus den neunjährigen Mädchen auf dem Klassenfoto geworden, die ihr damals so blumige Sprüche ins Poesiealbum geschrieben haben? Darunter auch die berühmten Zeilen:

Sei wie das Veilchen im Moose,
sittsam, bescheiden und rein
und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein. in "Mädchenschule" zitierter Poesiealbum-Spruch

Giacomina dagegen, die Tochter einer italienischen Gastarbeiterfamilie, die zu acht in einer Wohnung von 40 Quadratmetern lebte, verewigte sich mit den Worten:

Ich kenne zwei Blumen
Die Rose und die Lilie
Die Rose ist mir die Liebste
Die Lilie segne Gott. in "Mädchenschule" zitierter Poesiealbum-Spruch

"Diese Frauen haben sich alle durchs Leben durchgeboxt, in einer sehr klugen Weise", sagt Hugues. "Ich habe richtig Glück gehabt, man konnte über das Leben und über die Welt reflektieren. Sie sind alle sehr intelligent und sehr nachdenklich. Deswegen waren diese Gespräche auch so interessant. Das waren keine stillen Hausmütterchen, die nur sauber gemacht habe oder ihre Männer bedient haben. Das waren sehr starke Frauen mit sehr dezidierten Meinungen, aber auch mit einer Lust, zu reflektieren."

Die Träume, Wünsche und Geschichten der Mitschülerinnen

Was sicher auch an den Fragen und dem Interesse lag, das die Autorin ihnen entgegengebracht hat: das Interesse für die kleinen, unspektakulären Dinge, die für ihre Klassenkameradinnen selbstverständlich waren und zum Alltag gehörten. So wurden Anne-Marie und Pilar von ihren Müttern mit einem Sack schmutziger Wäsche in den Waschsalon geschickt, wo sie dann, während die Trommel lief, ihre Hausaufgaben machten. Hugues, die selbst aus dem Bildungsbürgertum stammt, wollte wissen, wie ihre Mitschülerinnen aufgewachsen sind, wollte deren Träume, Wünsche und Geschichten kennenlernen.

"Ich glaube, Ende der 60er-Jahre ist so eine Schwelle. Mein Poesiealbum ist geschrieben worden 1968. Und es gab die Welt vorher mit diesen altbekannten Sprüchen, wo Frauen eine ganz besondere, sehr konservative Rolle haben, lieb und leise und bedienend und nicht stolz. Und die Welt draußen, das ist '68, das ist die neue Zeit, wo die Frauen auf den Boulevards demonstrieren. Wo es um sexuelle Befreiung, die Pille und den Wunsch nach Abtreibungsrecht geht und man seinen BH verbrennt", analysiert die Autorin.

Pascale Hugues legt Porträt einer Frauengeneration vor

Mit ihrem Buch legt Pascale Hugues das Porträt einer Frauengeneration vor, der es gelungen ist, die traditionellen Rollenmuster ein Stück weit hinter sich zu lassen und trotz schwieriger Startbedingungen aufzusteigen. Für alle war es wichtig, zu arbeiten und finanziell unabhängig zu sein. Anschaulich und berührend erzählt die Französin wie die Mädchen von einst zu Frauen geworden sind, die nicht mehr bescheiden wie ein Veilchen im Moose ihr Leben fristen. Daran mitgewirkt hat auch Madame Franz, die Grundschullehrerin, die ihren Beruf liebte und für alle eine Ersatzmutter war.

Mädchenschule

von Pascale Hugues, aus dem Französischen von Liz Künzli
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3498002718
Preis:
20,00 €

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