Stand: 16.10.2018 13:50 Uhr

Was von der Jugend übrig bleibt

Den Himmel stürmen
von Paolo Giordano, aus dem Italienischen von Barbara Kleiner
Vorgestellt von Katja Lückert
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Der Autor beobachtet, was von der Jugend noch bis ins Erwachsenenalter wirkt.

Paolo Giordano beschäftigt sich in seinen Romanen mit jungen Menschen, selten sind sie älter als er selbst. Er wurde 1982 in Turin geboren, wo er Physik studierte und mit einer Promotion in Theoretischer Physik abschloss. Sein erster Roman "Die Einsamkeit der Primzahlen", ein Buch über ein junges Paar, das durch alle Schwierigkeiten der Adoleszenz geht, war ein internationaler Bestseller. Er wurde in über 40 Sprachen übersetzt und verfilmt. Giordano erhielt dafür mehrere Auszeichnungen, darunter den angesehensten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega.

Gereifte Jugendliche

Die Protagonisten seines neuen Romans "Den Himmel stürmen" sind ebenfalls noch Jugendliche, doch Giordanos Blick auf sie ist deutlich gereift.

Alles beginnt in Speziale, einem kleinen Weiler in der Nähe von Brindisi in Apulien. Um diesen Ort, die Sehnsucht nach ihm und die Angst und die Abscheu vor ihm, kreist dieser überaus fesselnde Coming-of-Age-Roman unablässig. Teresa lebt mit ihren Eltern in Turin, geht zur Schule und studiert später auch dort. Doch die langen italienischen Sommerferien verbringt sie immer im Süden, im Haus ihrer Großmutter, wo sie eines Tages die Jungen vom Nachbarhof kennenlernt, die dort in einer Art religiösen Gemeinschaft mit ihrem Ziehvater leben.

Ferien bei der Oma in Apulien

Sie waren zu dritt und sehr jung, wie ich damals, fast noch Kinder. In Speziale wurde mein Schlaf andauernd von neuen Geräuschen unterbrochen: dem Rauschen des Rasensprengers, von wilden Katzen, die auf der Wiese miteinander rauften, einem Vogel, der endlos denselben Ton von sich gab. In den ersten Sommern bei der Großmutter kam es mir fast immer so vor, als würde ich gar nicht schlafen. Von dem Bett aus, in dem ich lag, betrachtete ich, wie die Dinge, die einst meinem Vater gehört hatten, zurückwichen und wieder näherkamen, als ob das ganze Haus atmen würde. Leseprobe

Paolo Giordano gelingt es in diesem 500-Seiten-Roman atmosphärisch dicht und impressionistisch und zugleich erstaunlich handlungsreich zu schreiben. Während Teresa zu Beginn des Romans die Jungen Bern, Tommaso und Nicola kennen lernt, und mit Bern sogar ein Liebesverhältnis eingeht, bricht sie später ihr Studium ab, um selbst auf diesem Hof zu leben und dort neue Lebensformen zu erproben. Selbstversorgung, ökologische Landwirtschaft und Geschlechtergerechtigkeit sind die Ideale dieser verschworenen Gemeinschaft.

Glauben und Verstehen

"Der Roman handelt von der Sehnsucht nach einem Glauben", sagt Giordano, "der gewissermaßen als Schlüssel zum Verständnis der Welt fungieren könnte. Dabei geht es nicht nur um Glauben im religiösen Sinne, sondern einfach um ein System von Gedanken und Überzeugungen, das uns diese komplizierte Welt lesbarer macht.

Doch Teresa muss feststellen, dass eine solche verzweifelte Sinnsuche auch einige negative Seiten haben kann, besonders wenn sie zu radikalen Ideen führt. Über 25 Jahre - von den 90ern bis heute - erzählt Paolo Giordano die Geschichte von Teresa und ihren Freunden, von denen die einen eine bürgerliche Existenz beginnen und die anderen zu politischen Aktivisten werden. Manches erfährt der Leser erst im Rückblick aus Gesprächen, die Teresa schon in der heutigen Zeit mit ihren ehemaligen Freunden führt.

Viele unerwartete Wendungen

Paolo Giordano über seine Entwicklung als Schriftsteller: "'Die Einsamkeit der Primzahlen' war ein Buch, das von der Jugend handelte und geschrieben war von jemandem, der selbst noch sehr jung war. Mit diesem neuen Roman habe ich diese Zeit verlassen. Ich schaue mehr darauf, was von der Jugend übrig geblieben ist und spüre den Dingen nach, die davon noch ins Erwachsenenalter wirken."

"Den Himmel stürmen" ist ein Buch, das nichts auslässt: Ökoaktivismus, künstliche Befruchtung, den Überlebenskampf in einer Eisgrotte im Norwegen. Atemlos blättert man die Seiten um, um der jeweils nächsten völlig unerwarteten Wendung der Geschichte zu folgen. Paolo Giordano betreibt ganz nebenbei eine ganz erstaunliche Studie darüber, wie sich Radikalität entwickeln kann. Ein Buch mit Suchtfaktor.

Den Himmel stürmen

von
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-02533-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.10.2018 | 12:40 Uhr

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