Olli Jalonen: "Die Himmelskugel" (Cover) © mare Verlag

Olli Jalonen: "Die Himmelskugel"

Stand: 29.03.2021 12:00 Uhr

Bereits zweimal wurde der finnische Schriftsteller Olli Jalonen mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, den man den Oscar des finnischen Buchhandels nennt, und gerade erhielt er den Finlandia Preis.

von Annemarie Stoltenberg

Olli Jalonen erzählt uns in seinem Roman "Die Himmelskugel" von der im Südatlantik gelegenen Insel St. Helena, die der Astronom Edmond Halley 1677 besuchte. Er lernt hier den Adoptivsohn des Pastors kennen, ein ebenso wissbegieriger wie lernwilliger, zäher kleiner Bursche namens Angus.

Angus hat eine große Gabe für Naturbeobachtungen

Angus hat kein leichtes Schicksal, seine Mutter wird als die Geliebte des Pastors auf der Insel diskriminiert, beschimpft und bespuckt. Man kann es sich kaum vorstellen, aber der Dreißigjährige Krieg, der in Deutschland so entsetzlich gewütet hat, spielt als Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten auch auf St. Helena eine Rolle und die Inselbevölkerung ächzt unter der Herrschaft eines grausamen Gouverneurs.

Angus klammert sich, um die Widrigkeiten seines harten Lebens auszuhalten, an Anweisungen, die ihm Halley vor seiner Abreise gegeben hat. Er soll Sterne beobachten und Vögel zählen. Überhaupt beschreibt uns Jalonen einen Jungen, der eine hinreißende, poetische Gabe für Naturbeobachtungen hat:

Niemand auf der Insel ist derselbe wie ich und niemand sieht den Himmel besser als ich durch das Loch der Araukarie. Wenn es einem so vorkommt, hat man ein hohes Gefühl in sich und kann keinen Moment still stehen und nichts denken. Aber wenn sich in der Nacht mehr Wolken oder Nebel zusammenballen, legt sich das Gefühl und wird wieder normal. Eigentlich hat der Mensch ein Meer in sich. Leseprobe

Ein Brief soll Hilfe aus London bringen

Angus übt früh eine enorme Fähigkeit, Einsamkeit auszuhalten und trainiert seine Muskeln durch tägliches Laufen auf einen steilen Berg. Es passieren viele entsetzliche Dinge um ihn herum und sein Ziehvater, der Herr Pastor, beschließt, dass Angus mit einem Brief, einem Hilferuf, nach London geschickt wird als blinder Passagier.

Edmond Halley soll von London aus den Engländern, die auf St. Helena leben und hier versucht haben, etwas aufzubauen, helfen, die Insel wieder zu verlassen und zurück nach England zu kommen. In einer Nebenbemerkung erfährt Angus, dass seine Mutter ihre Tochter, seine Schwester, an einen Matrosen für zwei Stunden „vermietet“ hat, um seine Überfahrt als blinder Passagier zu bezahlen.

An Bord des Schiffes wird er viele Tage hoch oben im Ausguck bei Wind und Wetter unter unbeschreiblichen Bedingungen versteckt ausharren. Dann muss er, obgleich er noch ein Kind ist, hart mitarbeiten, bis er nach London kommt. Er ist ein kluger Bursche und schafft es dort, das Haus von Edmond Halley zu finden. Aber freundlicher als auf St. Helena ist es mitnichten.

Auch in England ist das Leben schwierig

England ist ein kaltes und feuchtes Land, auch wenn es noch so reich und vornehm ist, seit meiner Ankunft ist es nasskalt gewesen, und auch der Wind ist kalt und nicht wie daheim, wo man manchmal auf ihn wartete. Leseprobe

Auch die politischen Verhältnisse in England sind keineswegs friedlicher als auf St. Helena. Angus erleidet das Schicksal von Menschen, die ihre Heimat verlassen, nie wirklich irgendwo ankommen und an ihrem Heimweh fast zerbrechen. Immer wieder weint er bitterlich, wenn er an seine Familie denkt oder eine Nachricht bekommt. Aber er hat den festen Willen, sich Halleys unermüdlichem Forscherdrang anzuschließen und neue Wissensgebiete zu erobern. Zwischendurch verzaubert uns dieser tapfere kleine Kerl mit seinen klugen Gedanken über die Welt und die Natur des Menschen. Der nächste, nach Edmond Halley benannte Komet wird übrigens 2061 erwartet.

Die Himmelskugel

von Olli Jalonen, aus dem Finnischen von Stefan Moster
Seitenzahl:
544 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
mare
Bestellnummer:
978-3-86648-609-6
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 30.03.2021 | 12:40 Uhr

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