Stand: 04.07.2018 14:10 Uhr

"Nordland": Düsterer Blick in Hamburgs Zukunft

Nordland. Hamburg 2059 - Freiheit
von Gabriele Albers
Vorgestellt von Danny Marques Marcalo

Hamburg hat im Jahr 2059 nichts mehr mit der Stadt zu tun, die wir kennen. Der Rathausmarkt ist nun ein Hinrichtungsplatz. Die Köhlbrandbrücke eine Ruine. Regiert wird die Stadt von einem skrupellosen Regime - aber es regt sich Widerstand. So beschreibt es die Hamburger Autorin Gabriele Albers in ihrem Debüt-Roman "Nordland. Hamburg 2059 - Freiheit".

Wer im Jahr 2059 durch Hamburg fährt, begibt sich in Lebensgefahr. Senator Civetta und seine Tochter Lillith sind auf dem Jungfernstieg unterwegs, als die Situation eskaliert.

"Der Konvoi verlangsamte das Tempo und plötzlich waren die Menschen neben ihr, trommelten gegen die Fenster, auf das Dach, auf die Motorhaube. Lillith schrie. Hinter ihr, auf dem Rathausmarkt, fielen Schüsse."

Deutschland existiert nicht mehr. Die vier nördlichen Bundesländer haben sich zum Nordland zusammengeschlossen, mit Hamburg als Hauptstadt. Regiert von einer Gruppe gieriger Geschäftsmänner, die gleichzeitig als Senatoren die politische Macht haben.

Albers: Mir war es wichtig, dass es nah an der Realität erzählt ist"

"In vielen Dystopien ist es ja so, dass es einen Atomkrieg oder einen Meteoriteneinschlag gab und alles weg ist. Mir war sehr wichtig, dass es nah an der Realität erzählt ist. Basierend darauf, dass die Staaten Pleite gegangen sind. Also das, was wir vor ein paar Jahren in Griechenland erlebt haben", sagt Gabriele Albers.

Bild vergrößern
"Nordland" ist das Debüt von Gabriele Albers.

Die Frage, die die Autorin in ihrem überaus spannenden Buch stellt: Was passiert, wenn der Staat die Ordnung nicht mehr aufrecht erhalten kann? "Die Menschen interessieren sich nicht mehr für den Staat und der Staat interessiert sich nicht mehr für die Menschen", so Albers. Sie ist Volkswirtin und hat unter anderem für die "Financial Times Deutschland" geschrieben. Als sie sich vor zehn Jahren mit der Finanzkrise befasst, hat sie die Idee zu "Nordland". Für die Rettung von Banken hat sie zwar Verständnis. "Was mich aber fürchterlich geärgert hat, war, als diese Banken dann kurz danach wieder diese enormen Boni ausgezahlt haben. Da habe ich gedacht, wenn ich das jetzt nicht irgendwie verarbeite, dann platze ich", erzählt die Hamburgerin.

Die Schanze ist zum Armenviertel verkommen

In ihrem Roman regt sich Widerstand gegen die Herrschaft der Milliardäre. Eindrücklich beschreibt sie, wie die Schanze zum Armenviertel verkommen ist. Dort gibt es die Guerillagruppe Omega. Als Lillith von Zuhause ausbüxt und sich Omega anschließt, sieht sie wie die leben, die keine Privilegien haben.

"Das ganze Treppenhaus war voll. Jeder freie Platz war belegt. Auf dem Fußboden lagen Decken und Beutel mit Habseligkeiten. Mehrere Frauen saßen mit kleinen Kindern apathisch an die Wand gelehnt. Es stank nach Hoffnungslosigkeit."

Besonders rechtlos sind in Nordland die Frauen. Entweder sind sie Beiwerk der Männer oder Opfer von Gewalt. Albers: "Was machen sie denn, wenn sie die 110 rufen und keiner kommt mehr? Als Frau? Dann ist man plötzlich stark auf das Körperliche zurückgeworfen. Es ist ja in vielen Ländern der Welt so, wenn Frauen verprügelt werden, dann kommt keiner zur Hilfe."

Lektüre von "Nordland" ist beunruhigend

Eine Dystopie ist dann faszinierend, wenn sie nah an der Realität ist. Was Gabriele Albers in "Nordland" beschreibt, hat es oft schon gegeben. Bis vor einem halben Jahrhundert waren Frauen Männern gesellschaftlich untergestellt. Als Anwohner in der Kesselnacht beim G20-Gipfel die Polizei riefen, kam niemand. Und die Idee, das Hamburg unter reichen Peffersäcken aufgeteilt ist, ist auch nicht neu. "Ich hab zum Beispiel gelernt, dass dieses Alstervorland hier am Rothenbaum vor dem Zweiten Weltkrieg Privatbesitz war. Dass man da eben nicht joggen oder spazieren konnte."

Mittlerweile ist das für Hamburger ganz normal. Die Lektüre von "Nordland" ist so beunruhigend, dass man sich hinterher nicht sicher ist, ob das auch immer so bleiben wird.

Nordland. Hamburg 2059 - Freiheit

von
Seitenzahl:
672 Seiten
Genre:
Roman / Dystopie
Verlag:
Acabus
Bestellnummer:
9783862825493
Preis:
18 €

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 04.07.2018 | 19:15 Uhr

Mehr Kultur

05:01
NDR Info
03:12
Nordmagazin

Luxushotel in Karlshagen auf Usedom geplant

13.12.2018 19:30 Uhr
Nordmagazin
08:04
NDR Kultur

Neuer Umgang mit Kolonialgeschichte gefordert

13.12.2018 19:00 Uhr
NDR Kultur