Stand: 30.08.2020 18:00 Uhr

Norddeutsche Romanschauplätze: "Die Glücklichen" in Hamburg

von Katja Weise

Vor rund zehn Jahren hat Kristine Bilkau mit den Recherchen für ihr Debüt begonnen. 2015 kam dann "Die Glücklichen" heraus und wurde von der Kritik hoch gelobt. In dem Roman geht es um die Brüchigkeit von Existenzen angesichts steigender Mieten und unsicherer Jobs. Gentrifizierung ist ein weiteres Schlagwort: Überall in dem Stadtteil, in dem Isabell und Georg mit ihrem kleinen Sohn wohnen, wird saniert. Als Vorbild diente Kristine Bilkau ihr eigenes Umfeld: Sie wohnt mit ihrer Familie in Hamburg-Eimsbüttel.

Altbau-Fassaden in Hamburg-Eimsbüttel. © NDR Foto: Katja Weise
Die Fettstraße in Eimsbüttel: Sanierte Altbauten, hohe Bäume.

Die Müllabfuhr und der Briefträger verrichten ihre Dienste, Menschen sitzen wieder auf den Bürgersteigen und trinken Kaffee. In der Weidenallee in Eimsbüttel herrscht selten Ruhe. In den meisten der hohen, oft schön sanierten Altbauten sind unten kleine Läden. Dort kann man zum Beispiel Tee aus China kaufen oder auch Sommermode. Wo nun eine Boutique ist, war früher mal ein Elektrogeschäft.

"In dem tatsächlich eine Frau - wie die Mutter von Georg in meinem Buch - in ihrem Laden ein Wohnzimmer eingerichtet hatte und dort dann saß", erzählt Kristine Bilkau beim Spaziergang durch die Weidenallee. "Jeder, der in Eimsbüttel-Nord wohnt und zur Schanzenstraße oder zum Schanzenbahnhof gegangen ist, ist eigentlich an diesem Laden vorbeigekommen, in dem die Frau auf ihrer großen Sofalandschaft mit ihren Katzen saß."

Eine Allee voller Erinnerungen

Autorin Kristine Bilkau sitzt auf den Stufen eines Eingangs zu einem Altbau. © NDR Foto: Katja Weise
Lesepause auf einem der typischen Treppenaufgänge in Eimsbüttel.

Auch die alte Drogerie mit dem liebevoll dekorierten Schaufenster ein paar Meter weiter gibt es nicht mehr. Die denkmalgeschützte Einrichtung lässt sich durch das Fenster kaum erkennen. Hinter der verschlossenen Tür sieht man hohe und dunkle Regale mit Schubladen. Ein Elektroinstallateur hat die Fläche gemietet, ist jedoch selten vor Ort. Kristine Bilkau erinnert sich, dass die Inhaberin der Drogerie immer mit dem Fahrrad kam und den Hund der Autorin mit einem Frolic-Leckerli verwöhnte. Davon gab es allerdings immer nur zwei Stück! "Und wir haben uns dann immer gefragt, ob das Frolic wohl noch aus den 60er oder 80er Jahren stammt. Aber sie haben ihm gut geschmeckt und er hat sie auch gut vertragen."

Versteckter Spielplatz im Hinterhof

Ein Spielplatz in einem Hinterhof in Eimsbüttel © NDR Foto: Katja Weise
Auf diesem Spielplatz rutschte das Kind von Kristine Bilkau zum ersten Mal.

Viele dieser Geschichten sind in den Roman eingeflossen. So auch die gesamte Atmosphäre des Stadtteils. Einzelne Bilder und Schauplätze haben sich dann in ihren Gedanken zu einem Gesamtbild verbunden, sagt Kristine Bilkau. So hat auch ein Spielplatz, der sich auf einem stillen Hinterhof zwischen der Weidenallee und der Fettstraße befindet, Eingang in "Die Glücklichen" gefunden. Auch so ein Ort, mit dem Kristine Bilkau Erinnerungen verbindet: "Hier bei diesem ganz konkreten kleinen Spielplatz steht diese Minirutsche, auf der mein Kind tatsächlich das erste Mal gerutscht ist. Die ist zwar so klein und niedrig, doch ich weiß noch, dass ich daneben stand und den Atem angehalten habe. Kurz dachte ich: Oh Gott, hoffentlich geht das auch gut."

Sommerabend-Stimmung in Eimsbüttel

Kristine Bilkau geht häufig in ihrem Viertel spazieren. Das Gehen habe für sie fast eine therapeutische Wirkung - das ganze Jahr über. Um diese Jahreszeit sei es jedoch besonders schön: "Ich liebe das so sehr! Im Sommer in den Abendstunden hier durch die Straßen zu gehen und aus geöffneten Fenstern Musik zu hören. Es macht mich immer so glücklich, hier durch die Gegend zu gehen."

Blick auf den Alsterlauf am Kaiser-Friedrich-Ufer in Eimsbüttel. © NDR Foto: Katja Weise
Das Kaiser-Friedrich-Ufer ist eine grüne Oase mitten in Eimsbüttel.

Isabell, die Protagonistin ihres Romans, geht oft am Kanal entlang. Vorbild dafür ist das Kaiser-Friedrich-Ufer direkt hinter der Christuskirche. Dicht stehen die Bäume am Wasser, sanft klingt plötzlich der Schritt auf dem weichen Boden. Der Großstadtlärm ist dort kaum mehr zu hören. Im Roman verbinde der Kanal verschiedene Stadtviertel miteinander, genauso wie es auch der Isebekkanal tue, so die Autorin. Von der Sternschanze, wo auch das Kaifu-Freibad ist, könne man ja über Hoheluft tatsächlich bis nach Eppendorf gehen.

Glücklich ist, wer sich Eimsbüttel leisten kann

Etliche Eimsbüttel-Parallelen hat Kristine Bilkau in ihrem Roman eingebaut, doch würde sie "Die Glücklichen" heute noch einmal schreiben, würde sie sicher einiges noch härter formulieren: "Die Wohnsitutaion. Die Wohnthematik hat sich in den letzten fünf Jahren ja dermaßen zugespitzt. Damals, als ich das Buch geschrieben habe, und das Thema auch aufgegriffen habe, hätte ich das so gar nicht erwartet."

Verwinkelter Hinterhof mit Altbauten in Hamburg-Eimsbüttel. © NDR Foto: Katja Weise
Auf der Suche nach Inspiration blickt die Autorin gerne in Hinterhöfe.

In ihrem Roman macht sich Georg über eine Brotmanufaktur lustig: " Georg nimmt die Bäckertüte und knüllt sie etwas zusammen. 'Steht da Manufaktur drauf?', fragt er und faltet das Papier wieder ein wenig auseinander. 'Natürlich, Idioten', murmelt er und lässt die Tüte in den Mülleimer fallen. 'Und für den eitlen Quatsch musste der andere Laden dran glauben.'"

Mit Erstaunen hat Kristine Bilkau festgestellt, dass es die Brotmanufaktur, die sie für ihren Roman erfunden hat, nun tatsächlich gibt - an der Weidenallee.

Autorin Kristine Bilkau steht vor einem Gemüseladen in Hamburg-Eimsbüttel. © NDR Foto: Katja Weise

AUDIO: Romanschauplätze: Mit Kristine Bilkau in Eimsbüttel (4 Min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.08.2020 | 19:00 Uhr

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