Stand: 23.04.2020 09:07 Uhr

Nir Baram über eine Jugend in Israel

von Alexander Solloch

Wie soll man das Leben verstehen, wenn es einen immer wieder dazu zwingt, in den Abgrund zu schauen? Und wenn man dann, beim Blick in den Abgrund, all die Verluste sieht, immer nur Verluste? Schaurige Momente des Erwachens sind das.

Nir Baram: "Erwachen" © dtv
Roman über eine Freundschaft zwischen zwei sehr unterschiedliche Jugendliche in Israel.

"Erwachen", so heißt der neue, gerade auf Deutsch erschienene Roman von Nir Baram: eine Inspektion der Verluste. Nir Baram wurde 1976 in Jerusalem geboren, lebt heute in Tel Aviv und gilt als einer der interessantesten jüngeren Autoren Israels - ganz wie der Protagonist in "Erwachen". "Dies ist mein bislang persönlichstes Buch", sagt Nir Baram, "aber bitte, kein autobiografisches!"

Hass und Liebe halten diese Freundschaft zusammen, Sehnsucht und Verrat. Jonathan und Joël: So ähnlich ihre Namen klingen, so sehr unterscheiden sie sich voneinander. Joël ist der Verführer, ein Charismatiker, der, wenn er will, mit wenigen Worten jeden dazu verleitet, ihn zu mögen.

Etwas Unheilvolles bahnt sich an

Jonathan hingegen verschließt sich vor der Welt, ihm fliegt keine Sympathie zu, sogar die des Lesers wohl nur in geringer Dosis, obwohl der Roman aus seiner Perspektive erzählt wird. Vieles trennt sie, die manchmal Unzertrennlichen, über die sich die anderen nur wundern können, argwöhnisch oft und manchmal liebevoll wie Jonathans Frau Schira:

Immer waren sie untergehakt gelaufen, sie hatten diese Gewohnheit selbst nicht mehr bemerkt, bis Schira ein Foto von ihnen machte, da es ihr gefiel. Sie spürte, dass diese Freundschaft ein unergründliches Element hatte, Schira meinte, jede ihrer Begegnungen sei ein Fest, und freute sich darüber, wie sie einander in vollen Zügen genossen. Mit der Zeit sagte sie allerdings auch andere Dinge, sie meinte, dass eine dionysische Lava aus ihrer Sprache bräche, ohne Rücksicht auf die erschrockenen Menschen in ihrem Umfeld, die nur dazu dienten, die vollkommene Einheit von Joël und ihm zu bestätigen. Leseprobe

Von Beginn an weht ein grauer Wind durch diesen Roman, der Vorbote von etwas Düsterem, das lange nicht ausgesprochen wird, sich als Ahnung aber schon früh im Kopf des Lesers einnistet: Da wird noch etwas Katastrophales passieren. Bis dahin lässt uns der Erzähler im etwas koketten, nicht durchgehend nachvollziehbaren Spiel mit den unterschiedlichen Zeitebenen hin- und hertaumeln zwischen den Jahrzehnten: Kindheit und Pubertät in Jerusalem - und die Begründung eines eigenen Königreichs in den Köpfen der beiden Jungs.

Die enge Freundschaft der Jungen wird brüchig

Aber auch schon erste Anzeichen von Entfremdung: Verliebtheiten machen die Freundschaft löchrig, und zugleich schwindet Jonathans krebskranke Mutter aus dem Leben, er versinkt, nein, lässt sich fallen im Gefühl totaler Einsamkeit. Dann (Mitte und Ende der 90er-Jahre) Schulabschluss, junges Erwachsensein, ein paar Hoffnungen - trügerische:

Sie redeten über die Ausflüge, die sie vielleicht unternehmen würden, und Joël meinte, es könne sein, dass dank des Friedensprozesses in einigen Jahren junge Leute wie sie mit dem Auto nach Jordanien und Syrien und womöglich sogar in den Libanon fahren könnten. Man würde morgens aufbrechen und um drei oder vier Uhr in Damaskus oder Beirut ankommen und den Abend in den Clubs oder Badehäusern verbringen, wie in den USA, wo du dich einfach ins Auto setzt und durch die endlose Weite rast, ohne dass dich einer aufhält. "Erst dann werden wir begreifen, wie man uns hier die Luft abgedreht hat", sagte Joël, "wie klein und abgeriegelt alles war und dass wir überhaupt nichts machen konnten." Leseprobe

Ein Roman ohne Dynamik und Witz

In der politisch hoffnungslosen Gegenwart wird der inzwischen 37-jährige Jonathan als Autor einigermaßen erfolgreicher Romane zu einem Literaturfestival nach Mexiko eingeladen, hier erfährt er schließlich vom großen Unglück, und man wünschte sich, man wäre so ergriffen, wie es sich gehört. Wir Leser sind doch immerzu erschütterungsbereit!

Aber was Nir Baram auslöst, ist auf der langen Strecke doch nur müdes Seufzen. Diese 350 Seiten haben so viele bleierne Worte, aber kaum Dynamik und Witz, so wenige Gedanken und Momente, die überraschen. Nichts bringt den Leser ins Straucheln. Im Allgemeinen wirbeln bei Nir Baram schwarze Blätter durch die Luft hinauf, und das können sie ja auch gern tun. Aber…

"Jonathan wusste, dass man manchmal über etwas schrieb, das im Prinzip tot war, nicht immer bemerkt man es gleich, manchmal erst im Nachhinein, wenn man merkte, dass es einen nicht inspirierte, keine Imagination auslöste, keine Einsichten und Gedanken, wenn es das Gehirn nicht in Brand setzte." Leseprobe

Erwachen

von
Seitenzahl:
532 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26555-4
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.04.2020 | 12:40 Uhr

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