Stand: 23.06.2020 11:12 Uhr

Opulenter Familienroman mit vielen Stimmen

von Annemarie Stoltenberg

Eine Autorin aus Schweden ist zu entdecken: Nina Wähä. Sie ist 1979 in Stockholm geboren und war Schauspielerin und Sängerin, ehe sie zu schreiben begann. Zurzeit wird sie in der schwedischen Presse enorm gefeiert für ihren dritten Roman. "Vaters Wort und Mutters Liebe", der nun auch auf Deutsch erscheint. Eine opulente Familiengeschichte, die in Finnland spielt. Annemarie Stoltenberg war angesichts der vielen Personen, die darin auftauchen, froh, dass alle Familienmitglieder auf dem beigelegten Lesezeichen aufgelistet werden.

Nina Wähä: Vaters Wort und Mutters Liebe - Buchcover © avant-Verlag
Nina Wähä schreibt warmherzig und klug über eine Mutter, ihre zwölf Kinder und den tyrannischen Ehemann und Vater.

Eine Familie mit 14 Kindern! Umso mehr erstaunt, dass es doch ein Roman über Einsamkeit ist. Zwar gibt es unter den Geschwistern Bündnisse zwischen jeweils zwei Kindern, die sich vom Alter her nahestehen. Aber es gibt auch Einzelgänger, Sonderlinge, Problembeladene in dieser großen Familie, die in Wirklichkeit niemanden haben, mit dem sie sprechen können. Nina Wähä erzählt im Verlauf der Romanhandlung, die ziemlich spannungsgeladen vorangetrieben wird, zwischendurch jeweils die Geschichte jedes Familienmitgliedes.

Ein Ekelpaket von Ehemann

Die Mutter Siri ist der Mittelpunkt der Familie. Sie ist bescheiden und unglaublich fleißig. Sie erduldet stoisch ein Ekelpaket von Ehemann. Als sie sich noch während des Krieges kennenlernten, war das noch anders, da war er äußerst respektvoll.

Sie empfand ihre Gespräche wie eine willkommene Abwechslung vom ewigen Hunger und Krieg. Pentti erzählte ihr von Tornedal, und in Siris Ohren klang es wie ein magischer Ort, wo die Bäume unbeugsam bis in den Himmel wuchsen.

Zwölf Kinder

Sie heiraten und gehen zusammen nach Tornedal, wo sie einen Hof bewirtschaften. Ihre ersten beiden Kinder sterben früh und Siri kommt nicht wirklich über den Tod der Kinder hinweg, für den sie auch Pentti verantwortlich macht. Aber es scheint so, dass sie viele weitere Kinder braucht, um zu lernen, mit der Trauer umzugehen. Zwölf weitere Kinder kommen. Ihre Tochter Annie erinnert sich, wie glücklich ihre Mutter kurz nach einer Geburt zu Hause aussah, als sie gerade ein Neugeborenes im Arm hielt und bestaunte.

Diese Tochter würde überleben. Dessen war sie sich sicher. So lebenshungrig wie sie war.

Einzelgänger, Sonderlinge, Problembeladene

Annie ist das dritte Kind. Sie lebt zur Zeit der Romanhandlung in Stockholm und erwartet ein Kind, dessen Vater sie nicht heiraten möchte. Ihr Bruder Esko hat schon eine eigene Familie und möchte den elterlichen Hof übernehmen. Er befindet sich darum im Zwist mit seinem jähzornigen, tyrannischen Vater. Tatu heißt der nächste Sohn, er hat schon mehrfach im Gefängnis gesessen und niemand in der Familie weiß, was er wirklich tut, aber er steht immer zur Verfügung, wenn Hilfe gebraucht wird. Helmi ist eine lebenshungrige, sehr sinnliche junge Frau geworden, die leider eine zu große Liebe zum Alkohol entwickelt.

Onni und Arto lernen wir noch als kleinere, zu Hause lebende Kinder kennen. Der klügste aller Söhne, der hochbegabte Tarmo hat bittere seelische Verletzungen erlebt. Tochter Lahja durchleidet gerade die Wirren der Pubertät, Valo ist ein Filou, der sich irgendwie immer durchschummelt, Hirvo kann mit Tieren sprechen und zieht sich gern in die Wälder zurück und Voitto ist zur Armee gegangen und ein finsterer Bursche geworden.

Was alle Kinder verbindet ist, dass sie erlebt haben, wie ihr Vater ihre Mutter unentwegt schlecht behandelt. Die Kinder haben beschlossen, dass ihre Mutter sich scheiden lassen und noch einmal neu anfangen soll. Ein verwegener Plan.

Wundervoller Roman mit Schönheitsfehler

Nina Wähä schreibt mit großer Warmherzigkeit und beeindruckender Klugheit. Aus meiner Sicht hat der Roman eine kleine Schwäche in dem Kapitel, in dem der Vater Pentti zu Wort kommt und sein Testament aufschreibt. Sein Tonfall klingt haargenau wie der der Autorin selbst. Es ist praktisch unmöglich, eine Figur sprechen zu lassen, wenn man ihr keine eigene Stimme zu geben vermag, keinen anderen Klang. Bei den anderen Figuren ist ihr das durchaus gelungen und so verzeiht man einem wundervollen, vielschichtigen Roman diesen Schönheitsfehler.

Vaters Wort und Mutters Liebe

von Nina Wäha, aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg
Seitenzahl:
544 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Heyne
Bestellnummer:
978-3-453-27287-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.06.2020 | 12:40 Uhr

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