Stand: 17.04.2020 16:56 Uhr  - NDR Kultur

Das Schicksal zweier Kindersoldaten

Das Paradies meines Nachbarn
von Nava Ebrahimi
Vorgestellt von Katja Weise

Für Nava Ebrahimi gilt, was für viele Autorinnen und Autoren in diesem Frühjahr gilt: Keine Auftritte auf der Leipziger Buchmesse, keine Lesereise - und beides war doch geplant. Seit 2012 lebt die 1978 in Teheran geborene Journalistin und Autorin in Graz.

Nava Ebrahimi: "Das Paradies meines Nachbarn" (Cover) © btb Verlag
Ebrahimi erzählt von einem erfolgreichen Designer, der mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Für ihren ersten Roman "Sechzehn Wörter" wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Debüt ausgezeichnet. Jetzt liegt der zweite vor: "Das Paradies meines Nachbarn".

Der Zufall führt sie zusammen: Ali Najjar, Kindersoldat im ersten Golfkrieg, nach der Flucht aus dem Iran steile Karriere als Designer in Deutschland und Sina Khoshbin, Halbiraner, ebenfalls Designer, allerdings in einer beruflichen und privaten Lebenskrise.

Wie gerne würde er sich mal rebooten, alles Bekannte über Bord werfen, Tabula rasa machen. Sich auf einen Weg begeben, von dem er nicht wusste, wohin er führte. Leseprobe

Dieser Wunsch geht in Erfüllung, wenn auch nicht so wie erhofft. Ali Najjar, Sinas neuer, harscher Chef, schickt ihm mitten in der Nacht eine SMS: "Hey, Koshbin, ich bin's Ali. Ich brauche dich. Rasier dir den Schädel und pack' deine Sachen, wir fliegen nach Dubai."

Ein Brief von der Mutter soll übergeben werden

Dort soll er Ali-Reza treffen, der wie Najjar als Kindersoldat im Krieg war. Der hatte jedoch weniger Glück, kehrte schwer traumatisiert zurück und sitzt seitdem im Rollstuhl. Ali Najjars Mutter kümmerte sich bis zu ihrem Tod um ihn. Nun soll er dem Sohn einen Brief übergeben:

Der Sohn wusste nichts über ihn, der Brief hatte bestätigt, was Ali-Reza vermutet hatte. Er und Maryam hatten ihn, den anderen, ebenfalls immer ausgeblendet, so gut es ging. Es hatte immer etwas Bemühtes, fast Kindisches gehabt, wenn sie kurz vor ihren Reisen nach Deutschland in ihrem Schlafzimmer Pistazien, Safran und Lederschuhe für ihren Sohn im Koffer verstaut hatten. Leseprobe

Ali Najjar drückt sich vor dem Wiedersehen

Doch der Sohn verweigert das Treffen und schickt stattdessen Sina. Nava Ebrahimi wechselt jeweils die Perspektive, erzählt kapitelweise aus der Sicht der einzelnen Männer, umkreist sie regelrecht und führt sie dabei behutsam immer näher zusammen. Erst auf den letzten Seiten wird deutlich, auf welch schicksalhafte Weise Ali Najjar und Ali-Reza miteinander verbunden sind.

Das macht die Lektüre spannend bis zum Schluss. Gleichzeitig eröffnet sich eine ungewöhnliche Perspektive auf den ersten Golfkrieg in den 80er-Jahren. Ebrahimi geht es um das Schicksal der Kindersoldaten. Ihnen und ihren Eltern versprachen die Mullahs damals das Paradies. Zehntausende kamen ums Leben:

Der Westen hatte sie verlassen, verraten, sich mit Milliarden-Rüstungsgeschäften bereichert und dann, als sie verstümmelt und nach Luft ringend in ihren Blutlachen gelegen hatten, weggeschaut. Das Schlimmste dabei war, dass sich die Menschen aus dem Westen während alldem als fortschrittlicher, als ihnen moralisch überlegen empfanden. Leseprobe

Stellvertreter Sina trifft auf Trauer und Zorn

So beschreibt es Ali-Reza. Sina trifft ihn tatsächlich in Dubai, hält dessen geballten Zorn und unendliche Trauer kaum aus. Obwohl der Brief dem Sohn übergeben werden sollte, erhält Sina ihn.

Es geht viel um die Beziehung zwischen Müttern und Söhnen in diesem Roman, auch um Schuld, um die Frage, wann wir uns stellen müssen, ganz konkret: Ist ein Erwachsener verantwortlich für die Folgen einer Entscheidung, die er mit 14 getroffen hat? Die Mutter schreibt:

Ich will dir keine Schuldgefühle einreden, aber du musst wissen, welche Folgen dein Handeln hatte. Ich bin mir sicher, du ahnst es ohnehin. Und jetzt ist der Zeitpunkt, sich dem zu stellen. Leseprobe

Die Reise nach Dubai verändert die Männer

Wird Ali Najjar ihrem Rat folgen? Die Männer reisen verändert aus Dubai ab, auch wenn es zu der von der Mutter gewünschten Begegnung ihrer beiden "Söhne" nicht gekommen ist.

Nava Ebrahimi ist mit "Das Paradies meines Nachbarn" ein Roman gelungen, der auf erstaunliche Weise die Balance hält zwischen dem Grauen des Krieges und den vergleichsweise banal wirkenden Problemen eines Mannes in der Midlife-Crisis. Verantwortung - das ist die Hoffnung - wird am Ende nicht nur Sina übernehmen.

Das Paradies meines Nachbarn

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-75869-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.04.2020 | 12:40 Uhr

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