Stand: 28.01.2019 14:00 Uhr

"Das Volk der Bäume": Neues von Hanya Yanagihara

Das Volk der Bäume
von Hanya Yanagihara
Vorgestellt von Heide Soltau

Mit ihrem Roman "Ein wenig Leben" hat sich die amerikanische Schriftstellerin Hanya Yanagihara vor zwei Jahren in die Herzen des deutschen Lesepublikums geschrieben. Die packend und einfühlsam erzählte Geschichte des New Yorker Anwalts Jude, der als Kind Missbrauch und Gewalt erlebt hat und später in der Freundschaft zu drei Studienkollegen Halt findet, wurde ein Bestseller. Nun ist ein weiterer Roman von Hanya Yanagirhara erschienen: "Das Volk der Bäume".

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Die US-Amerikanerin Hanya Yanagihara ist hawaiianischer Abstammung.

Ohne den Erfolg von "Ein wenig Leben" hätte es dieses Buch vielleicht nicht nach Deutschland geschafft. Das "Volk der Bäume" ist Hanya Yanagiharas Erstling und bereits 2013 in den USA erschienen. Der Roman erzählt, spannend aufbereitet, von einer wissenschaftlichen Entdeckung, aber er spricht weniger das Herz als vielmehr den Kopf an. So wie in dem Bestseller "Ein wenig Leben" spielt auch hier der sexuelle Missbrauch eine Rolle, diesmal jedoch steht nicht ein Opfer sondern ein Täter im Mittelpunkt: Der gefeierte Wissenschaftler und Nobelpreisträger Norton Perina, verurteilt wegen Vergewaltigung, Unzucht mit Minderjährigen und sexueller Nötigung zu einer Gefängnisstrafe. "17 Dilettanten", so diffamiert dessen Freund und ehemaliger Assistent, Ronald Kubodera die Geschworenen, hätten über den Charakter Perinas entschiedenen.

Es kommt nicht darauf an, ob er es getan hat oder nicht“, sagte ich. Norton ist ein Genie, und das ist alles, was in meinen Augen zählt und meiner Ansicht nach für die Geschichte zählen sollte. Zitat aus "Das Volk der Bäume"

Das Thema passt in die Zeit

Sein Ruf als Wissenschaftler dürfe unter den Anschuldigungen nicht leiden. Hanya Yanagihara konfrontiert ihre Leserinnen und Leser mit einer unbequemen, brisanten Frage. Kubodera mag ein verblendeter und Perina kritiklos ergebener Freund und Assistent sein, aber hat er nicht auch Recht? Muss man Person und Werk nicht trennen? In Zeiten von #metoo eine hochaktuelle Frage.

Hanya Yanagihara stützt sich in ihrem Roman "Das Volk der Bäume" auf den Fall des gefeierten Virologen und Nobelpreisträgers Daniel Carleton Gajdusek, der in den USA 1997 wegen sexuellen Missbrauchs eine Gefängnisstrafe verbüßt hat. Gajdusek hat lange in der Südsee geforscht, von dort Kinder mit in die USA gebracht, sie adoptiert und sich an einigen von ihnen vergangen.

Yanagiharas Romanheld Norton Perina reist 1950 als blutjunger Mediziner und Begleiter zweier Anthropologen auf eine unbekannte, bis dato nie kolonisierte Insel „1600 Kilometer östlich von Tahiti“. Dort wird er Zeuge verstörender, ihn aber auch faszinierender Riten.

Bevor er anfing, bemerkte ich, dass neben ihm ein kleines No’aka-Schälchen voller Fett stand, mit dem er den Jungen einrieb, und als er ihn sodomisierte, tat er es gründlich ohne erkennbare Brutalität. Zitat aus "Das Volk der Bäume"

Wie weit darf Wissenschaft gehen?

Sie sei unter Wissenschaftlern aufgewachsen, deren Leidenschaft für ihr jeweiliges Forschungsgebiet, sei ihr vertraut, so Hanya Yanagihara in einem Gespräch. Darüber habe sie immer gern schreiben wollen. Aus der Ich-Perspektive Norton Perinas schildert sie präzise und genau, stellenweise mitreißend wie ein Krimi, wie er die fremde Kultur erlebt, aber auch wie seine Neugier umschlägt in Besessenheit, Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegenüber seinen Forschungsobjekten. Perina ist einem Geheimnis auf der Spur. Er stellt fest, dass einige Menschen auf der Insel ein biblisches Alter, eine Unsterblichkeit erreichen, wenn sie vom Fleisch einer bestimmten Schildkrötenart essen.

Aber es war nur eine Parodie der Unsterblichkeit, denn während die Befallene in körperlicher Hinsicht tatsächlich in dem Alter verharrte, in dem sie von der Schildkröte gegessen hatte, tat ihr Geist es nicht. Er verfiel Stück für Stück – zuerst das Gedächtnis, dann die sozialen Aspekte, dann die Sinne und schließlich das Sprachvermögen –, bis nur noch der Körper übrig blieb. Zitat aus "Das Volk der Bäume"

Hanya Yanagihara erzählt in ihrem Roman "Das Volk der Bäume", wie Wissenschaftler dazu beitragen, die Kultur einer unbekannten Insel zu zerstören, und sogar einige Ureinwohner zu Forschungszwecken in die USA bringen. Perina erkennt durchaus, was er anrichtet, aber die Wissenschaft heiligt die Mittel. Er hat für alles eine Entschuldigung. Dazu gehören auch seine pädophilen Neigungen, die er als Freude an den Kindern verharmlost. Als er in die USA zurückkehrt, nimmt er über 40 mit und adoptiert sie. Manche seiner Zöglinge wehren sich gegen seine übergriffigen ‚Erziehungsmethoden’ und so kommt es zur Gewalt, auch zu sexueller Gewalt, wie sich am Ende herausstellt.

"Das Volk der Bäume" ist Hanya Yanagiharas literarisches Debüt, ein geschickt komponierter, raffiniert erzählter Roman, der so tut, als handele es sich um einen wahren,  authentischen Fall.  Dabei ist alles Fiktion: die Agenturmeldungen, die Lebenserinnerungen Norton Perinas und die Anmerkungen des Herausgebers Ron Kubodera. Hanya Yanagihara entschuldigt nichts, sie bietet keine Erklärungen, sondern präsentiert eine tolle Geschichte. Die moralische Frage, ob und inwieweit sich Werk und Personen trennen lassen, müssen wir Leser beantworten.

Das Volk der Bäume

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin
Veröffentlichungsdatum:
28.01.2019
Bestellnummer:
978-3-446-26202-7
Preis:
25 Euro €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 29.01.2019 | 10:56 Uhr

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